Von Stefan Dietrich
31. Mai 2007 Im Osten nichts Neues? Dass dort schlechte Stimmung herrscht, ist bekannt. Auch Gründe dafür kann jeder aufzählen: hohe Arbeitslosigkeit, geringe Bezahlung für die Arbeitsplatzbesitzer; Groll über die Abwicklung ganzer Industrien, Wut der einstigen Führungsschicht über ihre Deklassierung und der einst politisch Kaltgestellten über nicht erfüllte Erwartungen. Aber das, was schon lange hätte in die Augen springen müssen, hat jetzt erst das Berlin-Institut in seiner ganzen Tragweite erfasst: Nicht einmal nördlich des Polarkreises gibt es in Europa eine zweite Region, in der in der Altersgruppe der Achtzehn- bis Vierunddreißigjährigen ein so großer Männerüberschuss herrscht wie in Ostdeutschland.
Brisanter als dieser nicht ganz neue Befund sind die Antworten des Instituts darauf, wie eine derartige Schieflage in der Geschlechterverteilung entstehen konnte und welche Auswirkungen damit verbunden sind. Es ist eben nicht so, dass Frauen dem Osten den Rücken kehrten, weil sie dort benachteiligt wären und weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten. Sie gehen, weil sie bessere Schulabschlüsse haben als ihre männlichen Altersgenossen.
Neue Länder müssen mehr für die Bildung tun
Das wiederum führen die Autoren der Studie Not am Mann auf die Dominanz weiblicher Bezugspersonen in den Familien - besonders viele Kinder wachsen bei alleinerziehenden Müttern auf -, im Kindergarten und in der Grundschule zurück. Besser ausgebildet, finden junge Frauen auch anderswo leichter ihr Glück. Nicht einmal die im Osten unbegrenzt vorhandenen Kinderbetreuungsplätze können sie davon abhalten, denn bei der Partnerwahl orientieren sie sich wiederum an Männern, die wenigstens ihr Bildungsniveau erreichen, und die finden sie eher im Westen.
Die Forscher führen diese Entwicklung auf eine erhebliche Benachteiligung junger Männer im allgemeinbildenden Schulsystem der neuen Länder zurück. Die Auswirkungen sind fatal: Schlecht ausgebildet, ohne Job und ohne Partner zur Familiengründung, koppelt sich ein wachsender Teil der männlichen Jugend von der Gesellschaft ab. Mit noch mehr Milliarden für Infrastruktur und Unternehmensansiedlung wird dieser Trend nicht aufzuhalten sein. Wenn sich die Stimmung bessern soll, müssen die neuen Länder mehr für die Bildung tun, und dort vor allem für die Jungen.
Text: F.A.Z., 31.05.2007, Nr. 124 / Seite 1
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