14. August 2005 bko. Wahlkämpfe sind Werbeveranstaltungen, in denen die Konkurrenten ihr programmatisches wie personelles Angebot möglichst gut und das der Wettbewerber denkbar schlecht erscheinen lassen wollen. In beiden Disziplinen liegt der Wahlkämpfer Schröder derzeit vorne, ohne daß er sich dafür besonders hätte anstrengen müssen. Die bürgerliche Konkurrenz ist, wie so oft, so mit sich selbst beschäftigt, daß Schröder es sich aussuchen kann, welchen ihrer Fehler er aufgreift. So drängt man ihn nicht in die Defensive.
Die Wirtschaftspolitik hatte nach dem Willen der Opposition des Kanzlers Wahl-Waterloo werden sollen; daß sie ihn auf diesem Feld schon gestellt hätte, kann man schwerlich behaupten. Nicht einmal seine Einlassung, er könne ja schließlich nicht alles über Nacht richten, vermochte den Unionswahlkampf zu elektrisieren. Dermaßen von der Opposition geschont, hat sich der Kanzler in aller Ruhe auf die alten Rezepte seiner Wahlerfolge besinnen können, die er nur wenig verändert zusammenrührt. Nun tourt Schröder wieder als der Staatsmann mit der ruhigen Hand durchs Land, der bei allen Globalisierungszwängen die soziale Gerechtigkeit nicht vergißt. Schröder entdeckte, als Stoiber ihm als unerwarteter Stichwortgeber diente, sogar sein Herz für den Osten wieder, der, als er noch Chefsache war, immer seltener des Kanzlers tägliche Agenda bestimmt hatte. Doch anstatt die Versäumnisse und Fehler der rot-grünen Regierung beim Aufbau Ost und der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit anzuprangern, ist die Union damit ausgelastet, zu erklären, daß mit den Frustrierten, den Dummen und wohl auch den Kälbern immer nur Gysi und Lafontaine gemeint waren.
Nicht weniger als dieser Patzer setzt der Opposition der Friedenskanzler Schröder zu, der in seinen Reden nur das Wort Irak gegen Iran austauschen mußte. Schröders vorauseilender Pazifismus, der mit großer Geste Forderungen ablehnt, die wieder niemand stellt, wirkt auf den Marktplätzen noch immer. Im letzten Wahlkampf zwang er damit seinem Herausforderer einen Schlingerkurs auf, der wenig glaubwürdig wirkte. Jetzt muß die Union, um Stoibers Worte aufzugreifen, auch aufpassen, daß ein von Schröder benutzter Bush nicht noch einmal bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird.
Text: F.A.Z., 15.08.2005, Nr. 188 / Seite 1