Kommentar

Wo Schönbohm recht hat

04. August 2005 Der brandenburgische Innenminister Schönbohm wußte, was kommen würde. Es werde wieder heißen, "der Wessi tritt uns Ossis ins Kreuz", sagte er in dem Interview, das ihm Kritik und Beschimpfungen vor allem aus dem Osten einbrachte. Er hatte - nach möglichen Erklärungen für die Reihentötung von neun Neugeborenen befragt - geäußert, daß die von der SED erzwungene Proletarisierung eine der wesentlichen Ursachen für Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft im Osten sei.

Schönbohm war vermutlich nicht der einzige, der sich auf der Suche nach der Antwort, wie eine solche Serientat ungehindert vonstatten gehen könne, Fragen nach dem sozialen und moralischen Milieu stellte, in dem sie sich abspielte. Früher hat man vieles mit dem Milieu erklärt. Schönbohm war freilich der einzige Politiker, der den Fall, über dessen Abgründe man noch wenig weiß, mit der ethisch-moralischen Verfassung der ostdeutschen Post-Wende-Gesellschaft verknüpfte. Das war die Vermutung einer Kausalität, die sich nicht beweisen läßt. Allerdings hatte Schönbohm weder behauptet, daß Kommunisten Kleinkinder fräßen (Bisky), noch, daß die DDR die Wurzel allen Übels sei (Thierse). Sollten diese Wortmeldungen etwa der Auftakt zu der "differenzierten Debatte" über die Ursachen von Entwurzelung sein, die der Premium-Ostdeutsche Thierse forderte? Thierse, Bisky oder der Bildungsminister Rupprecht, den Schönbohms Äußerungen so erschüttert haben wollen wie die Tötungsserie selbst, können wohl vor allem kaum fassen, daß Schönbohm ihren Parteien ein solches Wahlkampfgeschenk machte. Die CDU wird es im Osten Prozentpunkte kosten. Zur Schadensbegrenzung gingen daher auch deren Vertreter auf Distanz zu dem früheren General, der nun vielleicht auch schon Ex-Verteidigungsministerkandidat ist.

Doch hatte er auch Richtiges gesagt. Die Entbürgerlichung und Entchristianisierung waren Programm des "Arbeiter-und-Bauern-Staates", und das blieb, wie in anderen kommunistischen Staaten, nicht wirkungslos. Nicht zuletzt im Wahlverhalten zeigt sich die Werteverschiebung heute noch. Welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, wie dem politischen und sozialen Auseinanderdriften von Ost und West zu wehren ist, das müßte Gegenstand einer ernsthaften Debatte sein. Sie wäre nicht auf den Vergleich angewiesen, wer die meisten Kinder umgebracht hat.

Text: bko. / F.A.Z., 05.08.2005, Nr. 180 / Seite 1

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