Leitartikel

Der Himmel über Hiroshima

Von Volker Zastrow

05. August 2005 Einsteinjahr und das Gedenken an Hiroshima fallen 2005 zusammen. Vor sechzig Jahren, 1945, zerstörten die Vereinigten Staaten mit den Bomben "Little Boy" und "Fat Man" im Abstand dreier Tage die beiden japanischen Großstädte Hiroshima und Nagasaki; es waren ganz neuartige Waffen, die erste, von Robert Oppenheimer nach einem geistlichen Sonett John Donnes "Trinity", Dreifaltigkeit, genannt, hatten die Forscher des "Manhattan Project" auf einem Wüstenareal namens "Ground Zero" drei Wochen zuvor erfolgreich erprobt. Vor hundert Jahren, 1905, hatte der junge Physiker Albert Einstein in drei Aufsätzen seine revolutionären theoretischen Entdeckungen über den Bau der Welt in Raum und Zeit veröffentlicht. Ihm gelang die Bestätigung schon vorhandener Vermutungen über den molekularen Aufbau der Materie und die theoretische Aufdeckung des Zusammenhangs von Energie und Masse.

Obwohl Einsteins Methode in erster Linie die der Logik und der Mathematik war, greifen seine Entdeckungen über das menschliche Fassungsvermögen hinaus. Man kann sie nur als Schlußfolgerungen im Wortsinn: nachdenken. Zugleich ist auch durch Einsteins Anstöße, insbesondere in der Quantentheorie, und gegen seinen entschieden und gefühlsbetont formulierten Widerstand ("Gott würfelt nicht") eine Zweideutigkeit in die exakte Wissenschaft der Physik eingezogen, an deren Überwindung sie sich bisher vergeblich abarbeitet. Schließlich sind, nicht zuletzt von diesen Entdeckungen ausgehend, in unseren Tagen in die modernen Naturwissenschaften Vorstellungen einer totalen Determiniertheit eingezogen, die mit der Geschichte des Universums auch die geringsten Regungen des menschlichen Geistes umfassen.

Einsteins Durchbruch, der dem Verstand das Unbegreifliche öffnete, kann man als den Höhepunkt der Aufklärung betrachten. Er hat sie aber auch an ein Ende gebracht. Indem er Gesetze des Unbegreiflichen erwies, hat er das Unbegreifliche selbst, über die früheren Philosophen hinausgehend, mit erwiesen. In der Theologie heißt das Gottesbeweis. Die neue Uneindeutigkeit der Physik widerstreitet ungewollt der Aufklärungsidee vom durchdringenden Licht des Verstandes und stellt ihm eine Undurchdringlichkeit entgegen, die es mit jedem Mysterium aufnehmen kann, ja einem solchen gleichkommt. Über die Physik hinaus haben die modernen Naturwissenschaften den mit der Aufklärung untrennbar verbundenen Anspruch der Widerspruchsfreiheit faktisch preisgeben müssen: Theorien der Vorbestimmtheit, in denen die Idee der Freiheit als leerer Wahn erscheint, konkurrieren mit Rastern blinder Muster von Zufall und Wahrscheinlichkeit. Doch in der einen wie der anderen Deutung fällt es gleichermaßen schwer, dem Menschenleben noch irgendeinen Wert beizumessen.

Diese Überlegungen betreffen nicht unmittelbar jenen Kernbereich aufklärerischen Denkens, den man als den Anspruch der Gültigkeit des Arguments gegen die Zumutungen der Macht bezeichnen kann. Auch die oft mit der Macht verbundenen und nicht selten mit ihr verwechselten Zumutungen der Religion wollte die Aufklärung hinwegfegen, um den Menschen aus der Nichtigkeit seiner Unterdrückung zu befreien. Doch endlich davon befreit, entdeckt er in einem erneuerten Weltbild wieder nur die eigene Nichtigkeit. Das stolze Subjekt der Aufklärung findet sich als ihr Objekt kläglich belanglos.

Darin, im aufs äußerste getriebenen Gegensatz von Subjekt und Objekt, Tun und Erleiden, Töten und Sterben, erscheint wieder die Macht. Nichts hat diesen anakoluthischen Satzbau der Aufklärung deutlicher in die Tatsachenwelt übersetzt als Hiroshima, wo ein einziges Flugzeug, eine einzige Bombe, ein einzelner Schütze in einer einzigen Sekunde vom Himmel herab Zehntausende zunichte machen und maßloses Leid über eine noch größere Zahl bringen konnten. Die darin enthaltene Botschaft formulierte der japanische Kaiser Hirohito so: Er wisse nicht, wie er seinem Sohn davon berichten könne; er wolle nicht, daß ein Kind auch nur erfahre, daß es eine solche Waffe gebe. Nicht anders geht es seither wohl den meisten Eltern auf dieser an Schrecken nicht armen Welt.

Auf vielfache Weise sind Auschwitz und Hiroshima miteinander verknüpft. Ohne Hitlers Antisemitismus wäre die Atombombe wohl im Deutschen Reich entwickelt worden, so wie sich die Forschungslandschaft bis in die dreißiger Jahre hinein darstellt. Der von den Nationalsozialisten erzwungene Exodus jüdischer Gelehrter in ganz Europa hat die entscheidende Voraussetzung für den Bau der Bombe in die Vereinigten Staaten gelenkt. Auschwitz hat mehr als alles vorige gezeigt, zu welch unsagbaren Greueln der verkommene Mensch fähig ist. Der Atompilz hat gezeigt, was der Menschheit blüht. Deshalb ist Hiroshima nicht nur die große Zäsur des letzten Jahrhunderts, sondern ein Bruchpunkt der Geschichte.

Seither lebt die Menschheit im Wissen, daß ihre Vernichtung möglich ist. Zu diesem Schluß kann man auch auf anderen Wegen naturwissenschaftlicher Einsicht gelangen, von der Biologie her oder der Astronomie. Seit Hiroshima ist darüber hinaus jedem klar, daß der Mensch auch selbst das Ende seiner Geschichte herbeiführen kann. Schon die Wissenschaftler um Oppenheimer wußten vor dem Bombentest nicht, ob die Kettenreaktion womöglich die Atmosphäre verbrennen würde. Sie haben die ungeheure Energie, die Einstein in der Materie entdeckt hatte, zum ersten Male freigesetzt. Sie strahlte heller als die Sonne. Im Lichtblitz der Aufklärung über Hiroshima ist das Ende der Menschheit kenntlich geworden, es wurde als Möglichkeit in das Bewußtsein des modernen Menschen gepflanzt. Vorher war das eine Glaubensfrage.

Text: F.A.Z., 06.08.2005, Nr. 181 / Seite 1

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