Energiepolitik

Stromausfall nicht ausgeschlossen

Von Stefan Dietrich

Kohlekraftwerk in Hannover: CO2-intensive Stromproduktion

Kohlekraftwerk in Hannover: CO2-intensive Stromproduktion

17. Juni 2008 In der Energiepolitik sägen die Deutschen unbekümmert an dem Ast, auf dem sie sitzen. Es war einmal ein starker, im Schutz staatlich gewollter Monopolstrukturen gewachsener Ast, der jedenfalls eines garantierte: zuverlässige Spannung in allen Steckdosen. Billig war dieser Strom allerdings nicht.

Doch kaum hatte die Öffnung des Strommarkts zu Preissenkungen geführt, verordnete die Politik den Energieversorgern die vorzeitige Stilllegung ihrer Atomkraftwerke und die Abnahme von Ökostrom. Das belastete die Unternehmen mit wachsenden Schwankungen im Netz und die Verbraucher wieder mit steigenden Preisen. Das „Integrierte Klima- und Energiekonzept“ der Bundesregierung soll nun erstmals allen Anforderungen an eine nachhaltige Energieversorgung - Zuverlässigkeit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit - gleichermaßen gerecht werden.

Für die Klimadiskussion gerüstet?

Daran sind Zweifel angebracht. Zunächst können die schwankungsanfälligen erneuerbaren Energien nicht die nuklearen Grundlastkraftwerke ersetzen. Die Grundversorgung soll deshalb für einige Jahrzehnte noch von neuen Kohlekraftwerken gesichert werden.

Mit dem Einsatz hocheffizienter Kraftwerkstechnik meinte man für die Klimadiskussion gerüstet zu sein. Das hat sich als Irrtum herausgestellt, denn Kohle bleibt nun einmal die Form der Stromproduktion, die besonders CO2-intensiv ist. Etliche Projekte wurden schon im frühen Planungsstadium aufgegeben, andere stehen wegen anhaltender politischer Widerstände auf der Kippe.

Kein Wunder, dass sich die Energiekonzerne zunehmend nach Investitionsmöglichkeiten im Ausland umsehen. Denn mit der Aufhebung ihrer Monopole entfiel für sie auch die gesetzliche Pflicht, ihre Gebiete zuverlässig zu versorgen. Niemand muss mehr ein Kraftwerk in Deutschland bauen.

Die Bundesregierung hat diesen Aspekt nicht auf ihrer Rechnung. Die Deutsche Energie-Agentur sagt indessen voraus, dass Deutschland im Jahr 2020 eine Stromlücke drohe, die der Kapazität von annähernd zehn mittleren Kohlekraftwerken (11.400 Megawatt) entspreche. Dieser Ast ist also schon dem Bruchpunkt nahe.

Ehrgeizige Ziele

Und wie ist es um die ökologischen Ziele bestellt? Der Kohlendioxid-Ausstoß soll in den kommenden zwölf Jahren stärker sinken als in den vergangenen 18, in denen ein wesentlicher Einspareffekt durch die Stilllegung maroder DDR-Industrieanlagen erzielt werden konnte. Gleichzeitig soll die Energieeffizienz der gesamten Infrastruktur noch einmal erheblich gesteigert werden.

Beide Ziele sind ehrgeizig und lohnend. Zu erreichen wären sie, wenn die Mittel für den Klimaschutz dort konzentriert würden, wo sie die größten Effekte erzielen: bei der Sanierung des Gebäudebestands und der Förderung energiesparender Industrieanlagen und Haushaltsgeräte. Tatsächlich aber steht für diese Zwecke weit weniger Geld zur Verfügung als für die Betreiber von Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen, deren Beitrag zur CO2-Minderung gering ist.

Die geplante Verdoppelung des Stromanteils aus erneuerbaren Quellen von gegenwärtig 14 Prozent hängt im Wesentlichen davon ab, ob Windparks in küstenfernen Gewässern - eine unerprobte Technik - die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen. Für den Transport dieses Stroms zu den Abnehmern müssen zudem 850 Kilometer Hochspannungsleitungen neu gebaut werden. Dagegen regt sich schon jetzt allenthalben Widerstand. Auch an diesem Ast wird fleißig gesägt.

Glaubwürdige Prognosen Gabriels?

Nur auf dem Papier der Gutachten, die das Umweltministerium der Öffentlichkeit präsentiert, sind diese Probleme schon gelöst. Dort kann man zum Beispiel lesen, dass „ein um 20 Prozent effizienterer Kleinwagen nur 100 bis 200 Euro teurer sein muss“ als ein herkömmlicher.

Den Hersteller, der solche Wunder vollbringt, nennt Umweltminister Gabriel leider nicht. Wie vertrauenswürdig sind überhaupt Gabriels Prognosen, die nichts weniger als „ein neues Wirtschaftswunder“ versprechen: eine halbe Million zusätzliche Arbeitsplätze bis 2020, eine Senkung der Energiekosten Deutschlands um zwanzig Milliarden Euro jährlich - und das alles mit dem Einsatz von fünf Euro pro Kopf im Monat (fünf Milliarden pro Jahr)?

Indessen findet das Wirtschaftswunder vor allem bei den Herstellern der Solaranlagen statt. In dieser Branche wird jeder Arbeitsplatz mit mehr als hunderttausend Euro subventioniert. Das Geld bekommen aber nicht die unter Tarif bezahlten Mitarbeiter, sondern die Anleger, denen zweistellige Renditen winken.

Für eine Milliarde Euro jährlich, die von den Verbrauchern mit der Stromrechnung eingezogen wird, trugen diese Anlagen zuletzt ein halbes Prozent zur hiesigen Stromerzeugung bei. Damit ist die Photovoltaik hierzulande auch die bei weitem teuerste Methode der Emissionssenkung. Jede vermiedene Tonne CO2 kostet neunhundert Euro. An der Strombörse wird diese Menge für zwanzig bis dreißig Euro gehandelt.

Wegen solcher eingebauter Fehler wird das Energiekonzept weit vor dem Jahr 2020 revidiert werden müssen. Hoffentlich nicht erst dann, wenn wir durch Stromausfälle aus allen Wolken fallen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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