24. September 2003 K.F. Ob Schröder und Bush jemals Männerfreunde werden? Wohl kaum. Daß sie den Zustand erbitterter Sprachlosigkeit überwunden haben, liegt dennoch im Interesse ihrer Regierungen, im Interesse der Staaten, die sie regieren, und der Bündnisse, in denen sie prominente Rollen spielen. So weit, so gut, so unnatürlich. Es ist bizarr, daß das erste Zusammentreffen des leitenden Personals der erfolgreichsten Nachkriegsverbindung seit sechzehn Monaten zu einem Großereignis ausgedeutet worden ist - so, als träfen nicht Präsident und Bundeskanzler zur Abgleichung von Aufgaben zusammen, sondern Widersacher wie einst im Kalten Krieg. Auch das verrät die Schärfe der Auseinandersetzung und die Überraschung darüber, daß es so gekommen ist - mit dem Vorwurf des Vertrauensbruchs, mit Rachegelüsten und offener Verweigerung.
Die Rekonstruktion der Beziehungskrise ist verlockend, aber möglicherweise unergiebig: ob es auf der einen Seite allein Wahlkampfkalkül war, das Schröder auf den im Land populären Gegenkurs zu Bush brachte und dort festhielt; oder ob in Washington die Aufregung darüber, daß die rot-grüne Bundesregierung die amerikanische Politik fortan gegen den Strich eigener Interessen bürsten wollte, der Reflex eines überlebten hegemonialen Traditionalismus war. Diejenigen, die jetzt an die Wiederbelebung der deutsch-amerikanischen Freundschaft glauben möchten, werden nämlich erschrocken sein, wie weit die Entfremdung zwischen Deutschland und Amerika fortgeschritten ist. Ein Teil davon war nach der Zeitenwende in Europa unvermeidlich, einen anderen speist die Erfahrung politisch-kultureller Unterschiede; und auf beiden Seiten hat die Politik die Risse erweitert.
Dabei kann es keinen Zweifel geben, daß auch unter den veränderten Bedingungen die deutsch-amerikanischen Beziehungen wichtig und sogar ein Wert an sich sind. Wenn Berlin wieder ein kluges Gleichgewicht findet zwischen Washington und Frankreich, wird das Aufatmen von Warschau bis London Phonstärke erreichen. Wenn Amerika seine Weltpolitik wieder stärker in multilaterale Bahnen lenkt, wird diese Politik zwar noch immer treibend und gelegentlich irritierend sein, aber sich mindestens potentiell des Zuspruchs der Partner erfreuen. Es ist nicht sicher, ob es so kommt, aber wünschenswert, daß es so kommt.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2003, Nr. 223 / Seite 1
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