Glosse Politik

Verrechnet

30. Juli 2006 nbu. Sollte irgend jemand in Teheran gehofft haben, daß die Libanon-Krise vom Atomstreit ablenken würde, dann ist er jetzt eines Besseren belehrt. Dem UN-Sicherheitsrat liegt ein Resolutionsentwurf vor, der den Iranern zum ersten Mal mit Sanktionen droht, sollten sie die - auch militärisch nutzbare - Urananreicherung nicht aussetzen. Daß Rußland und China, die so lange ihre Hand über Iran gehalten haben, mit dieser härteren Gangart einverstanden sind, zeigt, wie sehr sich die Großsprecher in Teheran verrechnet haben: Die Aussicht auf gute Geschäfte war den beiden Vetomächten dann doch nicht genug, um der immer starrsinnigeren iranischen Führung zu vertrauen. Ahmadineschad und seine Wasserträger scheinen so in ihre These vom Ende der westlichen Vorherrschaft verliebt, daß sie ihre eigene Macht mittlerweile deutlich überschätzen. Iran mag Erbe einer alten Hochkultur sein und Zentrum des wiedererstarkten Schiitentums - in der Weltwirtschaft ist das Land nur einer von mehreren Rohstofflieferanten. Das reicht, um einen Querulanten wie den venezolanischen Präsidenten Chavez zum Verbündeten zu gewinnen, nicht aber, um die Großmächte auf Dauer vorzuführen.



Text: F.A.Z., 31.07.2006, Nr. 175 / Seite 8