23. April 2004 Aus, vorbei, Ende: Daimler-Chrysler stellt die weitere finanzielle Unterstützung von Mitsubishi Motors in Japan ein. Die offizielle Verlautbarung klingt wie einst beim Flugzeughersteller Fokker, einem der Lieblingsprojekte von Konzernchef Schrempp. Fokker ging danach in Konkurs. Das weitere Schicksal von Mitsubishi Motors ist offen und hängt davon ab, inwieweit die "Japan AG" zu einer Rettungsaktion bereit ist. Schrempp und sein Aufsichtsratsvorsitzender Kopper betreiben mit dem Zudrehen des Geldhahns Schadensbegrenzung. Aber der Fall Mitsubishi ist weit mehr als eine operative Entscheidung mit drohender Milliarden-Abschreibung. Er läutet das Ende der Welt AG ein, wie sie von Schrempp und Kopper Ende der neunziger Jahre ins Werk gesetzt worden war.
Die eingängige Chiffre "Welt AG" bildete das Markenzeichen des Zusammenschlusses von Daimler-Benz in Deutschland und Chrysler in den Vereinigten Staaten im November 1998. Der erste Geschäftsbericht des neuen Unternehmens jubelte über die "Welt-Aktie", die an 21 Börsen rund um den Globus gehandelt werde. Zugleich machte Schrempp klar, daß das Modell erst mit einer starken Verankerung in Asien, der am schnellsten wachsenden Weltregion, vollendet sein werde. Das Vehikel dazu war Mitsubishi Motors, dies in der geistigen Nachfolge von Schrempps Vorgänger Reuter. Der umfassende technologische Brückenschlag beschränkte sich allerdings auf das Automobilgeschäft.
Faß ohne Boden
Der große Sprung von Daimler-Chrysler nach Asien in der ursprünglich gedachten Form ist gescheitert. Es bleibt nur der neidvolle Blick auf den Konkurrenten Renault, der bei Nissan von Erfolg zu Erfolg eilt. Mit anderen Worten: Der Konzern hat nicht nur den falschen Partner gewählt, sondern mit eigenen Fehlern alles noch viel schlimmer gemacht. Was immer folgen mag, liegt unterhalb des ehrgeizigen Entwurfs. Dabei gibt es in Asien für Daimler-Chrysler genug zu tun. Zwar hat sich der Konzern die Mehrheit an dem Nutzfahrzeughersteller Mitsubishi Fuso gesichert. Aber die Zusammenarbeit mit dem koreanischen Automobilunternehmen Hyundai steht offenbar auf der Kippe, und in China ist die abgehalfterte Welt AG ein Spätankömmling.
Noch Anfang 2003 hatte der Aufsichtsratsvorsitzende Kopper die Asien-Strategie von Daimler-Chrysler in den höchsten Tönen gelobt. "Mitsubishi Motors macht uns zunehmend Freude", sagte er damals. Stattdessen entpuppt sich die japanische Beteiligung in Höhe von 37 Prozent als Faß ohne Boden, die daneben zunehmend Managementkapazitäten aus Deutschland absorbiert. Lange konnte die Illusion nicht mehr aufrechterhalten werden, Mitsubishi Motors sei nur ein Beteiligungsunternehmen und nicht unter der Kontrolle von Stuttgart. Mit der unausweichlichen Kapitalerhöhung in Japan drohte die Konsolidierung in der Daimler-Bilanz und damit ein häßliches Bild. Die Auswirkungen auf Aktienkurs und Kreditwürdigkeit von Daimler-Chrysler kann man sich ausmalen.
Antreiber wie Getriebener
Seit der Fusion von 1998 haben die Aktionäre des Automobilkonzerns schon rund 45 Milliarden Euro verloren. Zu den Anteilseignern gehört als größter mit rund zwölf Prozent die Deutsche Bank. Sie will ihre Anteile nach und nach verkaufen, um Geld für die weitere Expansion im Bankgeschäft zu erhalten. Bei Kursen von rund 40 Euro und mehr kann sie diese Verkäufe sogar steuerunschädlich tätigen. Der Daimler-Kurs verträgt keinen weiteren Rückschlag: Darin sind sich die Aktionäre mit ihrem umstrittenen Aufsichtsratsvorsitzenden Kopper, dem ehemaligen Chef der Deutschen Bank, ausnahmsweise einmal einig.
Angesichts dieser Situation spielt es kaum eine Rolle, ob Schrempp selbst auf die Entscheidung zur Trennung von Mitsubishi Motors gedrungen hat oder nicht. Er war wahrscheinlich mindestens gleichermaßen Antreiber wie Getriebener - vielleicht durch den Aufsichtsrat, sicher durch den Zwang der Entwicklung in Japan und wahrscheinlich auch durch den wachsenden Unmut innerhalb des Konzerns. Dies ist keine Vertrauenserklärung für den Aufsichtsratsvorsitzenden. Er hat den insgesamt enttäuschenden Weg von Daimler-Chrysler mit zu verantworten.
Genügend Porzellan zerschlagen
Das Führungs-Duo hat sich bei Mitsubishi Motors endlich der Devise erinnert: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der falschen Strategie folgt eine richtige Entscheidung. Das Vertrauen in die Führung wird dadurch aber noch nicht gemehrt. Und die Tatsache, daß die wichtige Entscheidung weder der Konzernchef noch der Aufsichtsratsvorsitzende verkündete, sondern dies der scheidende Finanzvorstand tat, wirkt als Flucht vor der Verantwortung. Es ist die Flucht zweier Manager, deren Dienstverträge vor wenigen Tagen um mehrere Jahre verlängert wurden.
Es geht ums Ganze. Nach dem Schnitt bei Mitsubishi richtet sich neben der neuen Asien-Strategie die Aufmerksamkeit bei Daimler-Chrysler noch mehr auf die künftige Entwicklung in den Vereinigten Staaten. Chrysler fuhr nach einem Zwischenhoch 2002 im vergangenen Jahr wieder einen Verlust von einer halben Milliarde Euro ein. Dies zog die Profitabilität des gesamten Konzerns nach unten. Schrempp malt eine glänzende Zukunft. Eine Vielzahl neuer Modelle soll den Aufschwung bringen. Schrempp und Kopper sind gefordert, die Mitsubishi-Entscheidung war nur ein erster richtiger Schritt. Auf 2005 sollten sich die Märkte von Daimler-Chrysler nicht vertrösten lassen. Chrysler kann nicht wie Mitsubishi einfach abgestoßen werden. Aber auch dort muß bald die Wende erkennbar sein - sonst hat die Mannschaft endgültig ausgedient. Es ist schon genügend Porzellan zerschlagen worden.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2004, Nr. 96 / Seite 1
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