Armutsrisiko

Drei, vier, viele Kinder

Von Markus Wehner

03. Mai 2008 Wer heute drei oder mehr Kinder hat, muss sich manches anhören. „Ganz schön mutig“ gehört zu den netteren Kommentaren. Die Frage, warum man ein drittes Kind wolle, wo doch schon ein Junge und auch ein Mädchen da seien, ist schon weniger nett. Frauen und Männer, die sich durch viele Kinder die Chancen im Leben verbauen, gelten hierzulande als ein bisschen gaga. Viele Kinder haben in Deutschland angeblich nur noch die drei As: Adlige, Ausländer, Asoziale.

Anders als die öffentliche Debatte es nahelegt, ist nicht der Gebärstreik der Akademikerinnen ursächlich für die geringe Kinderzahl, die aktuell bei 1,45 Kindern liegt. Deren Kinderlosigkeit ist im Vergleich zu den frühen siebziger Jahren gar gesunken, die allgemeine Kinderlosigkeit indes gestiegen. Wenige Kinder haben wir, wie der Familienforscher Hans Bertram schreibt, vor allem aus einem Grund: Die Familie mit drei oder mehr Kindern verschwindet. Damit die Bevölkerungszahl nicht sinkt, braucht es 210 Kinder auf 100 Frauen. In Deutschland fehlen dafür 70 Kinder: zwanzig wegen der gestiegenen Kinderlosigkeit; die anderen 50 sind diejenigen, die früher als dritte, vierte oder weitere Kinder aufwuchsen. In Frankreich, Finnland oder den Niederlanden gibt es deutlich mehr Drei-Kind-Familien.

Mehrkindfamilien sind unmodern

Sind wir Deutschen also familienfeindliche Egoisten? Die moderne Gesellschaft lädt nicht zum Kinderkriegen ein. Die „Trendsetter“ unserer Arbeitswelt, Medienmacher oder Künstler, verzichten meist darauf. Wo sich die Zeit für Partner und Kinder nach dem gerade aktuellen Projekt bemisst, stehen die Chancen für Familie schlecht. Oft mangelt es gar an Zeit, den Partner für eine Familie zu finden.

Mehrkinderfamilien aber sind unmodern. Sie brauchen Verlässlichkeit. Eltern, die zwölf Jahre als Ehepartner zusammenleben, haben durchschnittlich demographisch traumhafte 2,2 Kinder, wenn die Mutter zu Hause ist; bei Teilzeitarbeit der Mutter sind es noch 1,8. Die Ehe ist entscheidend, damit es (viele) Kinder gibt. Umstände, die sie fördern, wie das politisch heftig bekämpfte Ehegattensplitting, kommen in großem Maß Eltern mit Kindern zugute.

Der Dank: relative Armut

In Mehrkinderfamilien werden Kinder früher geboren als in Familien mit einem Kind oder zweien. Die Entscheidung, zwischen 21 und 25 Jahren mit dem Kinderkriegen zu beginnen, ist biologisch und medizinisch gesehen goldrichtig – ungewollte Kinderlosigkeit liegt oft daran, dass der Wunsch zu lange vertagt wurde. Wer jedoch früh Kinder bekommt, wird ökonomisch gnadenlos bestraft. Die Berufe, die hohe Einkommen bringen, erfordern lange Ausbildungszeiten und weitere Jahre, um Karriere zu machen.

Wer in diesen Jahren Kinder aufzieht, kann den Rückstand auf die beruflich enteilten Kolleginnen nicht mehr aufholen, wird lebenslang Nachteile auf dem Arbeitsmarkt und in der Rentenkasse haben. Von einer Wahlfreiheit, mehrere Kinder zu bekommen und im Beruf erfolgreich zu sein, kann keine Rede sein. Die „Superfrauen“, die mit Hilfe von Talent und Disziplin, der Oma oder des Familienerbes alles unter einen Hut bringen, gibt es zwar. Die Statistik aber lehrt: Ein großer Teil der Familien, die drei oder mehr Kinder haben, lebt in relativer Armut.

Mehr Unterstützung - für das dritte Kind

Wer wirtschaftlich denkt, wird also spät und nur ein Kind oder höchstens zwei kriegen, sich den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts anpassen oder ganz auf verpflichtende Bindungen verzichten. Was es für eine Gesellschaft heißt, dass eine immer kleiner werdende Gruppe sich um Schwache und Abhängige sorgt, ist eine ganz andere Rechnung.

Die Zeit zurückdrehen in die Familie der sechziger Jahre ist unmöglich und wohl auch nicht erstrebenswert. Frankreich zeigt, dass es geht, eine größere Zahl an Mehrkinderfamilien zu haben, auch wenn Frauen sich erst später für Kinder entscheiden. Das hat mit Verlässlichkeit bei Betreuung und Bildung der Kinder durch Tagesmütter und Schulen zu tun, aber auch mit Geldleistungen. Dort wird erst ab dem zweiten oder dem dritten Kind gefördert, dann aber nicht zu knapp. Deutschland hingegen hat die letzten Unterschiede beim Kindergeld 1998 eingeebnet. Jetzt beginnt die Diskussion, wieder eine Staffelung einzuführen. 150 Euro mehr im Monat ab dem dritten Kind könnte etwas bringen – doch davon sind wir weit entfernt.

Müttern in der Lebensmitte eine berufliche Chance geben

Vor allem aber fehlt es an Teilzeitarbeitsplätzen und an Möglichkeiten, dass Frauen (und Männer), die sich jahrelang der Erziehung ihrer Kinder gewidmet haben, wieder in den Beruf einsteigen, einen neuen erlernen können, auch mit 35 oder 40 Jahren. Eine Frau, die heute durchschnittlich mehr als 80 Jahre alt wird, kann nicht in der Mitte des Lebens ohne Chance auf Arbeit sein, weil sie Kinder großgezogen hat. Von der Wirtschaft, Arbeitgebern wie Gewerkschaften, ist dazu nichts zu hören. Die Politik hat die Situation von Mehrkinderfamilien bisher schlicht ignoriert. Im Osten Deutschlands ist dieser Typ Familie schon ausgestorben. Wenn sich nichts ändert, wird es bald in ganz Deutschland so sein.



Text: F.A.Z.

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