Kommentar

Trauer in Istanbul

23. Januar 2007 Wenn es die Absicht des mutmaßlichen Todesschützen Ögün S. oder seiner Hintermänner war, durch die Ermordung des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink den Graben zwischen der Türkei und Armenien weiter zu vertiefen, so haben diese Schüsse ihr eigentliches Ziel verfehlt: Die Trauerfeier für Dink geriet zu einer Kundgebung der Verständigung zwischen muslimischen Türken und christlichen Armeniern, deren größte Gemeinde in Istanbul ansässig ist. Die Türkei, die keine diplomatischen Beziehungen zur Republik Armenien unterhält, hatte den stellvertretenden Außenminister Eriwans eingeladen; hinzu kamen armenische Honoratioren und Würdenträger aus anderen Ländern, die Hrant Dink die letzte Ehre erwiesen.

Die Hintergründe dieses politischen Mords sind unklar. Schon wird spekuliert, der Todesschütze sei den Behörden so rasch "geliefert" worden, damit die im Aschgrauen wirkenden Drahtzieher unerkannt bleiben könnten. Man vermutet sie im sogenannten "tiefen Staat", das heißt in einem Teil des türkischen Systems, der sich allen Veränderungen entgegenstellt, die seiner Meinung nach die türkische Nation schwächen oder gar "beleidigen". Dazu zählt auch die Beschäftigung mit der spätosmanischen Vergangenheit, die unter anderem durch die Armenier-Massaker während des Ersten Weltkriegs geprägt war.

Viele hatten einen Mord wie den an Hrant Dink nicht mehr für möglich gehalten. Doch mittlerweile sind es in der Türkei weniger die Islamisten, die zu einer Bedrohung der Zivilgesellschaft geworden sind (auch sie begingen Morde), als vielmehr jene nationalistischen Kreise, die den "Ausverkauf an Europa und den Westen" fürchten und damit im Trüben fischen. Unter Ministerpräsident Erdogan und seiner Regierungspartei hat sich der politische Islam von einst pluralistisch geweitet. Nur noch die "Altgläubigen" von der "Glückseligkeits"-Partei Recâi Kutans hängen den alten, rückwärtsgewandten Vorstellungen von einem Scharia-Staat an. Es wäre möglich, dass sich nach dem Mord die jetzt noch zaghaften Kontakte zwischen Eriwan und Ankara intensivieren, plant man doch auch schon den Bau einer Eisenbahnlinie zwischen Ostanatolien und den Ländern Transkaukasiens. Armenien wäre zur Öffnung seiner Grenze bereit.

Text: wgl.; F.A.Z., 24.01.2007, Nr. 20 / Seite 1

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