06. Oktober 2003 mwe. Tschetschenien hat wieder einen Präsidenten. Er ist gewählt, aber doch nicht der Präsident seines Volkes. Ob die Wahlergebnisse und die Wahlbeteiligung gefälscht wurden oder nicht, spielt kaum eine Rolle. Denn nachdem klar war, daß Achmed Kadyrow, der Statthalter des Kremls, keine Chance gehabt hätte, halbwegs freie Wahlen zu gewinnen, nahm der Kreml die drei aussichtsreichsten Bewerber aus dem Rennen. Putin hat selbst entschieden, daß Kadyrow an der Macht bleiben muß.
Schließlich hat der Kreml drei Jahre lang den ehemaligen Mufti Tschetscheniens gestützt. In dieser Zeit hat der Mann, der im ersten Tschetschenien-Krieg noch gegen Moskau focht, zielstrebig seine eigenen Machtstrukturen geschaffen, einschließlich einer mehrere tausend Bewaffnete zählenden Privatarmee. Mit einem anderen Statthalter noch einmal bei Null anzufangen schien Moskau nicht ratsam. Zudem ist zwischen Putin und Kadyrow eine gewisse Vertrautheit entstanden, die bei der Entscheidung des russischen Präsidenten eine Rolle gespielt haben wird. Die Tschetschenen waren die Statisten im zynischen Spiel des Kremls. Sie konnten nur den wählen, der für sie bestimmt worden war. Wer nicht zur Wahl ging, riskierte Unannehmlichkeiten; erst recht, wer sich gegen Kadyrow aussprach. In Tschetschenien regiert die Angst.
Was die Tschetschenen wollen, ist ein Ende des Mordens und der Unsicherheit. Sie wollen nicht mehr den ehemaligen Präsidenten Maschadow, den sie für die chaotischen Jahre verantwortlich machen, als die islamistischen Radikalen das Sagen hatten. Doch sie wollen auch nicht Kadyrow, der ihnen nichts Gutes gebracht hat. Allein in diesem Jahr sind mehr als dreihundert Menschen in Tschetschenien verschwunden. Auf allen Seiten wird dieser Krieg mit den Mitteln des Terrors geführt. Auch Kadyrows Leute sind darin verwickelt, und viele Tschetschenen haben ihm "Blutrache" geschworen. Eine Lösung für Tschetschenien zu finden ist schwer. Doch der Weg des Kremls, der den Willen der Tschetschenen ignoriert, führt in eine Sackgasse. Nicht nur um der Tschetschenen willen, sondern auch im Interesse Rußlands wäre es richtig, wenn der Westen das Thema wieder auf die Tagesordnung setzte.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2003, Nr. 232 / Seite 1