Von Markus Bickel
20. Juli 2008 Von Markus Bickel
Die Friedensbotschaft kam nicht wirklich an: Weiße Tauben entließen der 1979 wegen dreifachen Mordes verurteilte Samir Kuntar und vier aus israelischer Haft entlassene Hizbullah-Kämpfer am Mittwoch in den Beiruter Nachthimmel. Voller Stolz hatten die im Austausch gegen zwei im Juli 2006 getötete israelische Soldaten Freigekommenen zuvor das Lob von Präsident, Ministerpräsident und Parlamentspräsident entgegengenommen. Und das des Hizbullah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah sowieso. Ihr Verdienst? Widerstand gegen Israel. Mit Feuerwerk und wehenden Fahnen feierten Zehntausende die Rückkehr ihrer Helden.
Ein Friedensfest sieht anders aus. Denn nicht nur der Chef der Parteimiliz, Nasrallah, nutzte den nach fast zwei Jahren Verhandlungen erfolgreich abgeschlossenen Gefangenenaustausch mit Israel, um seinen Ruf nach bewaffnetem Widerstand gegen fremde Besatzung zu erneuern - im Libanon ebenso wie in Israel und im Irak. Sogar der erst im Mai neu gewählte Präsident Michel Suleiman stimmte in den Chor der Militanten ein.
Rückerlangung libanesischen Territoriums oberstes Ziel
Sollten diplomatische Regelungsversuche scheitern, müsse die Befreiung der seit 1967 von Israel besetzten Schebaa-Farmen eben militärisch erreicht werden, forderte Suleiman. Auch der bislang vielleicht schärfste libanesische Hizbullah-Kritiker, Walid Dschumblatt, pflichtete Nasrallah und dem von Washington über Berlin bis Paris nach Monaten der Krise als Hoffnungsträger gefeierten Präsidenten bei: Die Rückerlangung libanesischen Territoriums sei oberstes Ziel - und im Zweifel bewaffnet durchzusetzen.
Seitdem es Nasrallahs Milizionären im Mai gelang, Westbeirut unter ihre Kontrolle zu bringen, sind die Machtverhältnisse in der Zedernrepublik gekippt. Der Gefangenenaustausch hat die Vormachtstellung der schiitischen Partei Gottes weiter gestärkt: Konnten sich Dschumblatt und seine Verbündeten Anfang des Jahres noch Hoffnung auf westliche Unterstützung machen, haben sie sich dem Alliierten Syriens und Irans inzwischen gebeugt.
Die bei den Reden zur Rückkehr Kuntars und seiner Gesinnungsgenossen benutzte militante Rhetorik ist Ausdruck dieses Wandels. Dass er gleichzeitig mit der Wiederaufnahme indirekter Friedensgespräche zwischen Israel und Syrien stattfindet, macht die Entwicklung umso bedauerlicher.
Text: F.A.S.