Von Dietmar Dath
06. Januar 2005 Kunst- und Kulturwissenschaften interessieren sich im allgemeinen eher dafür, was die Dinge bedeuten, als dafür, was sie sind und wie sie funktionieren. In der Naturwissenschaft ist es umgekehrt. Als aber Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erst Max Planck, dann Albert Einstein Probleme zu lösen begannen, die das vorangegangene Jahrhundert den Physikern hinterlassen hatte, wurde Deutung ein Wort, das auch in den Berufsbeschreibungen exakter Wissenschaftler vorkommen muß.
Die Relativitätstheorie war bald nach ihrer Entstehung in Einsteins produktivstem Jahr 1905 für Mathematiker wie Hermann Minkowski, Philosophen wie Henri Bergson und Künstler wie Wyndham Lewis eine Herausforderung ans Deutungsgeschick. Der erste fand in ihr die Vereinigung der Begriffe von Raum und Zeit zur vierdimensionalen Raumzeit vor, der zweite überdachte ihretwegen seine Vorstellungen von Dauer neu, der dritte schrieb unter demselben Eindruck ein zu Unrecht vergessenes, die Kunsterfahrung der Moderne unter dem Aspekt der Zeitlichkeit untersuchendes Buch über Zeit und den westlichen Menschen.
Relativitätstheorie der erste von zwei folgenreichen Schritten
Die Relativitätstheorie war jedoch nur der erste der beiden folgenreichen Schritte, die Einstein mit seinen fünf revolutionären Arbeiten von 1905 unternahm, deren hundertsten Geburtstag wir derzeit feiern. Als noch erheblich deutungsbedürftiger erwies sich die Quantentheorie. Deren Urheber war Planck; einer der ersten mit ihrer Hilfe vollzogenen Erkenntnisschritte aber wurde Einsteins Erklärung des photoelektrischen Effekts - ein Tatbestand, der nicht der Ironie entbehrt, wenn man Einsteins spätere Abneigung gegen die Quantenmechanik bedenkt.
Die kleinsten Bestandteile der Materie, das Licht und diverse andere elementare Dinge verhalten sich anders als jedes Objekt aus den Versuchsanordnungen der Mechaniker in der Tradition Galileis und Newtons. Daß man etwa nicht gleichzeitig Ort und Impuls eines solchen Teilchens messen kann, also immer nur entweder weiß, wo es ist, oder aber, wohin es sich bewegt, nie jedoch beides auf einmal, ermöglichte Heisenbergs und Bohrs Deutung, daß die Bahn eines derartigen Objekts nicht nur unbestimmbar sei, sondern daß es strenggenommen gar keine Bahn habe. Einstein nannte das eine "Beruhigungsphilosophie" und gab sich wie sein Kollege Erwin Schrödinger nicht damit zufrieden.
Verschiedenene Deutungen
Noch immer konkurrieren verschiedene Deutungen des mathematischen Apparats der Quantentheorie miteinander, von der "Vielwelten-Interpretation", der zufolge zahlreiche parallele Universen für diverse Zustände der Teilchen gleichwertig nebeneinander existieren, bis zur "Halt-den-Mund-und-rechne-Deutung" (Max Tegmark), die von der Quantenmechanik nur Vorhersagen für Zustandsveränderungen verlangt und nicht danach fragen will, warum sie die eigentlich treffen kann.
Obwohl Albert Einstein sich seine in den letzten Lebensjahren unternommenen Versuche, Widersprüche zwischen den beiden fortgeschrittensten physikalischen Theorien, nämlich der Quantenmechanik und der allgemeinen Relativitätstheorie, in einer umfassenderen Lehre aufzulösen, nach Meinung der Fachwelt genausogut in die berühmten widerspenstigen Haare hätte schmieren können, bleiben wir auf sein Urteil verwiesen, daß diese Theorien zusammengeführt werden müssen. Denn es gibt, sagt die bis heute nicht besiegte Einstein-Partei in diesem Meinungsstreit, nur eine Welt.
Verstöße gegen altabendländische Denkgewohnheiten
Die beiden großen Verstöße gegen altabendländische Denkgewohnheiten, für die Einstein verantwortlich ist, wagen sich in Bereiche, die menschlicher Erfahrung versperrt sind: Wir erreichen weder Geschwindigkeiten nahe derjenigen des Lichts, die man "relativistisch" nennt, weil sich da Effekte auswirken, die von der Relativitätstheorie vorhergesagt werden, noch erleben wir unmittelbar, was die Quantenwelt ausmacht: geisterhafte Fernwirkungen, den Tunneleffekt, der undurchdringliche Wände überwindet, die Entstehung von Teilchen und Antiteilchen aus dem Nichts.
Die Kluft zu überbrücken, die den Sinnesapparat des nackten Affen von diesen Dingen trennt, hilft uns nur der klare Verstand, auch wenn seit 1905 allerlei Neomystik zwischen Theosophie, New Age und sonstigem Pop-Mumpitz erfunden wurde, um die unbetretbaren Welten unter Mißbrauch neuen naturwissenschaftlichen Vokabulars heimelig herzurichten.
Unsere Wahrnehmungsorgane bekommen nicht alles mit
Daß sie schwieriger zu begreifen sind als die Wechselwirkung von Körpern in Newtons absolutem leeren Raum oder das alte Atommodell Niels Bohrs, in dem die Elektronen ordentliche Umlaufbahnen um den Atomkern verfolgen, bleibt eine Tatsache. Sie hat vor allem damit zu tun, daß nicht nur unsere Wahrnehmungsorgane nicht alles mitbekommen, was in der Natur passiert, sondern auch unser Denkorgan ohne Hilfe selten mehr erfassen kann, als im nahen Erfahrungsbereich der neugierigen sozialen Allesfresser vorkommt, die wir sind.
Die sogenannte Unanschaulichkeit der modernen Physik ist das kulturevolutionäre Gegenstück zu Ungegenständlichkeit und Nichtabbildlichkeit der modernen Kunst: Das Unerfahrbare erwies sich zur selben Zeit als dem Folgern zugänglich, in der sinnliche Kunsterfahrung sich als etwas herausstellte, das auch abstrakt und begrifflich vermittelt sein kann. Das Unsichtbare, Unspürbare, Unhörbare muß nicht mehr, wie in vormodernen Zeiten, einfach geglaubt werden. Man kann es deduzieren und konstruieren.
Die Welt jenseits der Wahrnehmung darf als ebenso vernünftig betrachtet werden wie die diesseitige; sie läßt sich gestalten. Wir haben erstaunliche hundert Jahre erlebt, seit wir das lernen durften. Einstein behält recht: Es gibt nach allem, was die neuen abstrakten Erfahrungsweisen des nicht Offensichtlichen seither gezeigt haben, keinen Grund, daß das Denken je vor irgend etwas, das ihm nicht geheuer ist, die Waffen strecken müßte.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2005, Nr. 5 / Seite 1