19. August 2005 rab. Als "Querdenker" hat Seehofer oft auf sich aufmerksam gemacht; zuletzt war er als Hauptkritiker der von der Union favorisierten Gesundheitsprämie aufgefallen. Seit er im sogenannten Kompetenzteam kein Plätzchen fand und weil CSU-Chef Stoiber - der potentielle Super- und Allkompetenzminister im Abwartestand - längst nicht mehr hinter ihm steht, versucht sich der sozialpolitische Traditionalist aus Bayern noch stärker als Querschläger in den eigenen Reihen. Ihm fehle eine "authentische Stimme des Sozialflügels" im Merkel-Team, sagt er jetzt ganz besorgt - was CDU-Generalsekretär Kauder natürlich zurückweist. Schließlich gibt es Frau von der Leyen und Peter Müller. Immerhin ist Seehofers Manöver ganz durchsichtig. Denn er begründet den beklagten Kompetenzmangel mit seinem "Rückzug" als stellvertretender Fraktionsvorsitzender und mit dem Wechsel Karl-Josef Laumanns in die nordrhein-westfälische Landesregierung. So müßte eigentlich Frau Merkel nur nach ihm rufen - und die von Seehofer vermißte "Stimme" wäre plötzlich wieder da. Eitelkeit ist ein schlechtes Wahlkampfthema und ein noch schlechterer Berater, um sich in Sachfragen Gehör zu verschaffen.
Text: F.A.Z., 20.08.2005, Nr. 193 / Seite 10