Ernährungskrise

Stiller Tsunami

Von Klaus-Dieter Frankenberger

22. April 2008 Zielkonflikte sind in der Politik nichts Ungewöhnliches. Aber nicht immer sind sie so scharf und existentiell wie der aktuelle Konflikt: Nahrungsmittelsicherheit kontra Klimaschutz.

Die beiden südamerikanischen Präsidenten Morales und García haben soeben die Produktion von Biotreibstoff auf eine Weise gebrandmarkt, wie man es in der klimapolitischen Diskussion hierzulande noch nicht gehört hat. Schließlich ist es noch nicht lange her, dass Biosprit als Wunderwaffe zur Verringerung von Treibhausgasen gepriesen wurde.

Zweckentfremdung landwirtschaftlicher Nutzflächen

Und jetzt soll Bioethanol, von dem sich besonders Amerika und Brasilien ein gutes Geschäft versprechen, Grund für die Hungerkrise sein, von der viele Millionen Menschen betroffen sind, weil sie die teuren Grundnahrungsmittel nicht bezahlen können?

Für diese Krise, der schon der unheilverheißende Name „stiller Tsunami“ gegeben worden ist, gibt es mehr als einen Grund. Die große Nachfrage aus den asiatischen Aufsteigerländern ist einer, die unverantwortliche Vernachlässigung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft in Entwicklungsländern in Verbindung mit einer generell falschen Wirtschaftspolitik ist ein anderer, die skandalöse Subventionierung „atlantischer“ Agrarexporte ein weiterer Grund.

Aber nicht zu bestreiten ist, dass der vermeintliche klimapolitische Königsweg in die Sackgasse höherer Agrarpreise und damit in die Not führen kann, weil landwirtschaftlich nutzbare Fläche für die Produktion von Energieträgern zweckentfremdet wird. Wenn dreißig Prozent des amerikanischen Maises in die Produktion von Bioethanol fließen, kann das nicht ohne Folgen bleiben.

Nothilfe statt Marktabschottung

Deswegen kommen dem klimapolitisch nicht unsensiblen britischen Premierminister Brown Zweifel. Er redet bereits der Revision entsprechender Zielwerte der EU das Wort. Aus Sicht von Hilfsorganisationen wird es höchste Zeit - aus der Sicht der heimischen Landwirtschaft ist das allerdings eine weitere Zumutung im Hüh und Hott von mal mehr, mal weniger, mal dieser, mal jener Produktion.

Aber so ist es, wenn Politiker meinen, Bescheid zu wissen. Um die globale Bedrohung, von der Brown spricht, abzuwenden, bedarf es jetzt beherzter Nothilfe und ganz gewiss keiner Marktabschottung. Und es bedarf der Einsicht, dass in einer Welt, deren Teile immer enger miteinander verflochten sind, (politisch gewollte) Veränderungen hier große Wirkungen andernorts haben können.



Text: F.A.Z.

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