19. Juli 2006 K.F. Vielfalt ist eine europäische Wirklichkeit, die gemeinhin als Stärke der EU angepriesen wird. Ins Extreme gesteigert, führt Vielfalt zu einem innereuropäischen Zusammenprall der Kulturen. Was der neue polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski bei der Vorstellung seines Regierungsprogramms zur Rolle von Familie, Moral und traditionellen Werten in der Politik gesagt hat oder zum Verhältnis zu den Vereinigten Staaten, das könnte nicht verschiedener sein vom Programm, sagen wir, der spanischen Regierung: Traditionalismus gegen Modernismus, Amerika-Treue gegen Amerika-Skepsis, Euroskepsis gegen Europhilie und so weiter. Als Polen und andere mitteleuropäische Staaten der EU beitraten, wurden ihre neuen (west-)europäischen Partner mit Traditionen, Loyalitäten und, besonders im Falle Polens, mit einer Religiosität konfrontiert, die ihnen fremd, wenn nicht suspekt waren. Manche glaubten in einem gewissen Hochmut, die Neuen würden bald so werden wie die Alten. Das war, wenigstens zum Teil, ein Irrtum. Es sind nicht nur die nationalkonservativen Kaczynski-Brüder, die in die EU einbringen, was andere als rückständig oder borniert empfinden. Ist es allein deswegen illegitim, gar gefährlich? Die EU ist, eben, vielfältig und Polen ein sperriger Partner.
Text: F.A.Z., 20.07.2006, Nr. 166 / Seite 8