Von Peter Sturm
19. März 2008 Am Dienstag hatte die chinesische Regierung noch verlautbaren lassen, die Lage in Tibet sei unter Kontrolle. Dazu wollen die martialischen Ankündigungen vom Mittwoch so gar nicht passen. Nicht nur wird der Dalai Lama als Wolf im Mönchsgewand“ beschimpft. Vielmehr ist auch von einem Kampf auf Leben und Tod“ gegen die Clique“ des Dalai Lama die Rede.
Peking fürchtet offenkundig, dass es jetzt erntet, was es mit seiner Jahrzehnte währenden Unterdrückung in Tibet gesät hat: den geballten Zorn der Unterdrückten. Der zeigt sich nach Berichten aus China nicht mehr nur in Tibet selbst. Die Proteste gehen offenbar auch in Nachbarprovinzen an vielen Stellen weiter. Dass der Dalai Lama mittlerweile täglich zur Gewaltlosigkeit aufruft, wird verschwiegen.
Gewaltlosigkeit wird zum Generationenkonflikt
Die Tibeter haben ein objektives Problem. Nicht nur werden sie planmäßig zur Minderheit im eigenen Land gemacht, deren Kultur zur Folklore für Touristen degradiert wird. In ihren Reihen offenbart sich auch so etwas wie ein Generationenkonflikt.
Der Dalai Lama bleibt seiner Linie der Gewaltlosigkeit treu, erreicht damit aber einen Teil der tibetischen Jugend nicht mehr. Viele junge Tibeter sind nicht mehr bereit, die Unterdrückung mehr oder weniger demütig zu ertragen. Man kann sie verstehen. Klar ist aber auch, dass sie ihren Unterdrückern in die Hände spielen, wenn sie Gewalt anwenden. Wozu das führt, wissen die Uiguren in Xinjiang ganz genau. Dieses Gebiet hat Peking kurzerhand zur Front im globalen Kampf gegen den Terrorismus erklärt.
Bushs Schweigen
Zum unfreiwilligen Verbündeten der Pekinger Regierung in ihrem Kampf gegen die eigene Bevölkerung wird auch das Ausland. Alle geben sich, wenn sie nicht wie zum Beispiel Präsident Bush in betretenes Schweigen verfallen sind, tief besorgt“.
Aber bei vielen fragt man sich unwillkürlich, wem die Sorge eigentlich gilt. Gilt sie den Tibetern und ihrer offenkundig wachsenden Verzweiflung? Oder ist es nicht schon so weit, dass sich das Ausland die Sichtweise Pekings zu eigen macht?
Peking muss sich entscheiden. Entweder es gewährt seinen Völkern so viel Freiheit, dass nur wirklich Böswillige die Einheit des Landes aufs Spiel setzen wollen. Oder es bekommt genau das, wovon es jetzt leichtfertig daherredet: einen Kampf auf Leben und Tod mit zu allem entschlossenen Völkerschaften.
Text: F.A.Z.
