Leitglosse

Volksabstimmung

13. Juni 2005 hjf. Die ersten Kommentare zum Scheitern des Referendums in Italien kamen nicht von beteiligten Politikern, sondern von einem politischen Philosophen und dem ehemaligen Staatspräsidenten Scalfaro. Was hätten die Politiker, ob Ministerpräsident Berlusconi von der Rechten oder Prodi von der Linken, auch schon Kluges sagen können! Das Thema, die "medizinisch assistierte Befruchtung" bei der menschlichen Fortpflanzung, ist medizinisch-wissenschaftlich zu kompliziert und moralisch-menschlich zu widersprüchlich, als daß sich aus Parteilichkeit Erhellung gewinnen ließe. Dies hatte sich schon im Februar 2004 bei der Verabschiedung des Gesetzes gezeigt, über das die Bürger am Sonntag und Montag zu befinden hatten, aber nicht abstimmen wollten. Der Philosoph und ehemalige Bürgermeister von Venedig Cacciari meinte, die "laizistische Kultur" sei auf dem Rückzug. Der frühere Staatspräsident Scalfaro bemerkte, im Verhältnis der Bürger und Katholiken zu ihrer Kirche habe sich in Italien etwas geändert; man sei jetzt gewillt, den Rat der Bischöfe mit Interesse zu hören, und entscheide dann, nicht auf Befehl, sondern nach dem Wert der Argumente. Vorbei seien also die Zeiten, da man gegen kirchliche Order für Ehescheidung (1974) und Abtreibung (1981) stritt und eine Sache schon deshalb gewinnender und freiheitlicher erschien, weil sie gegen die Kirche und deren Sittenfestung gerichtet war.

Vielleicht steckt der italienische Effekt auch andere Länder an, besonders jene Nachdenklichen, die immer skeptischer die geistigen Strömungen in der modernen Gesellschaft, den Galopp der Veränderungen in den menschlichen Lebensmodellen und vermeintlichen Errungenschaften betrachten. Ist es ein Zufall, wenn in diesem Zusammenhang die jüngste Papstwahl erwähnt wird? Ein Theologe aus Deutschland hat den Thron des Bischofs von Rom bestiegen, der die offensichtlichen Schwächen der Moderne treffend beim Namen nennt und den Glauben in theologisch tief durchdachter Form darlegt. Benedikts Wort von der "Diktatur des Relativismus" etwa ist den Fortschrittsgläubigen und den Linksliberalen unter die Haut gefahren. Plötzlich merken viele auf und denken sich, der Papst könnte recht haben, auch unabhängig von der Autorität des Amtes. Das macht den Konservativen Mut. Offen ist, mit welchem Erfolg auf lange Sicht.



Text: F.A.Z., 14.06.2005, Nr. 135 / Seite 1

 
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