Obama-Reise

Irak als Testfall

Von Günther Nonnenmacher

21. Juli 2008 Nach einem Vorwahlkampf, in dem es Barack Obama gelungen war, eine Woge der Begeisterung zu erzeugen, von der die Favoritin Hillary Clinton weggespült wurde, beginnen für den Senator aus Illinois nun die Mühen der Ebene.

Eine Weltreise soll dem amerikanischen Publikum vorführen, dass Obama auch auf einem Feld kompetent ist (oder sich wenigstens bemüht, Erfahrungen zu sammeln), auf dem sein wahrscheinlicher Rivale, der republikanische Senator McCain, bisher weit vorne liegt: der internationalen Politik. Dabei steht Obama vor der heiklen Aufgabe, seine als Gegenrede zur Bush-Regierung formulierten Versprechungen und Aussagen an die politischen und militärischen Gegebenheiten anzupassen, ohne seine – vornehmlich linken – Anhänger allzu sehr zu verprellen.

Vorsichtigere Einlassungen

Der härteste Test in diesem Zusammenhang ist der Irak. Obama hatte sich unmissverständlich für einen schnellen Abzug (innerhalb von 16 Monaten) der amerikanischen Truppen ausgesprochen. Das ist ein unrealistisches Ziel, und entsprechend „weicher“ sind seine Einlassungen inzwischen geworden.

Es kommt Obama entgegen, dass sich auch Präsident Bush im Zuge der Verhandlungen über ein Sicherheitsabkommen zwischen Washington und Bagdad darauf einlassen muss, einen „Zeithorizont“ für den Truppenabzug zu vereinbaren. Mit dieser vagen Formulierung kommen alle Seiten zurecht: Die irakische Regierung weiß, dass sie die Sicherheitsherausforderungen im eigenen Land ohne Hilfe vorerst nicht bestehen kann; Präsident Bush muss sich nicht auf ein präzises Datum festlegen; und Obama hat nun eine „Zeitschiene“, auf der sich seine Position gleitend verschieben lässt.

Ein Problem des gesamten Westens

Mit diesem Problem muss sich die Bundeskanzlerin nicht herumschlagen, wenn sie den irakischen Ministerpräsidenten Maliki und kurz danach Obama in Berlin trifft.

Aber es wäre gut, wenn die Bundesregierung (und darüber hinaus alle Europäer) beginnen würde, Konsequenzen aus der Einsicht zu ziehen, dass der Irak nicht nur ein Problem der Amerikaner, sondern des gesamten Westens ist.

Von wirtschaftlichen Chancen beim Wiederaufbau oder der Bedeutung des Iraks für die Erdölförderung und damit für den Ölpreis ganz abgesehen: Eine gedeihliche Entwicklung des Landes ist wichtig für die Stabilität der Golfregion und eine wesentliche Voraussetzung für die Eindämmung Irans.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche