Reproduktionsmedizin

Das muss doch gehen, irgendwie

Von Sonja Kastilan

Tim und Paul mit ihren Eltern

Tim und Paul mit ihren Eltern

21. Juli 2008 Christian Mayer (Namen geändert) sitzt neben dem dreijährigen Tim auf dem Boden und fährt zwischen Legobauten mit einem Feuerwehrauto über Teppichstraßen. Richtig munter sind weder Vater noch Sohn. Es ist 8.30 Uhr morgens, und während die Cafés im nahen Stadtzentrum das Brunchbuffet vorbereiten, räumt Nicole Mayer den Frühstückstisch schon wieder ab. Sie muss sich beeilen, denn aus der Wiege im Wohnzimmer dringen unmissverständliche Laute: Sohn Paul wacht auf und verlangt hungrig nach seiner Mutter.

Mehr Schlaf könnten Christian und Nicole Mayer sicherlich gebrauchen. Darauf nimmt nur keiner der Söhne Rücksicht; ihre Schlafrhythmen bestimmen den Takt der Familie, die in einem der kleinstädtischen Bezirke von Berlin lebt. "Für mich sind sie trotzdem perfekt", sagt Nicole. Christian arbeitet für einen internationalen Konzern und muss häufig verreisen, so dass ihm Zeit für die Familie fehlt und ihr wiederum seine Unterstützung. Beim Eistee auf der Terrasse sprechen sie über Dreimonatskoliken, die Schwierigkeiten beim Stillen, Erziehungskonflikte, den Alltag mit Kindern eben - vergessen scheinen die Strapazen, Selbstzweifel und Ängste in der Zeit der Kinderlosigkeit zuvor.

Fehlschlagende Versuche

Die endlich erreichte Schwangerschaft

Die endlich erreichte Schwangerschaft

Nur wenige Vertraute wissen, dass die Familienidylle mit Eigenheim und zwei Kindern nicht der Normalität entspricht, die der äußere Schein vermittelt. Die Eltern und enge Freunde sind eingeweiht, natürlich der Frauenarzt. Denn hinter dem Kindersegen verbirgt sich ein Tabu: Obwohl Nicole Mayer die beiden Jungs zur Welt gebracht hat, ist sie nicht deren biologische Mutter. Als Tim 2005 geboren wurde, war Nicole Anfang dreißig und damit etwa so alt wie eine durchschnittliche deutsche Erstgebärende. Doch hinter ihr lagen bereits etliche Versuche, mit dem Repertoire der Fortpflanzungsmedizin eine Familie zu gründen. "Meine Freundinnen bekamen ihre Kinder nach neun Monaten Schwangerschaft, ich musste neun lange Jahre warten." Und nahm dafür eine Tortur in Kauf, denn die Behandlungen haben Nebenwirkungen. Hormonpräparate lassen die Eierstöcke anwachsen, sorgen gleichzeitig für Stimmungsschwankungen und einige Extrapfunde: Nicoles aufgeblähter Unterleib schmerzte, sie bekam Depressionen.

Der Natur misstraute Nicole früh, ihr Mutterglück wollte die Büroangestellte von Anfang an nicht lange dem Zufall überlassen. Schon in ihrer ersten Ehe klappte es nicht auf Anhieb mit dem Nachwuchs. 1994 wandte sie sich deshalb an die Kinderwunsch-Sprechstunde der Charité. Ihr trainierter Körper schien gesund, Hormonspiegel und Organe normal. Die Ärzte konnten keine der typischen Ursachen einer Unfruchtbarkeit feststellen, keine Endometriose, Infektionen oder Myome. Auch die Eileiter sind frei und unverklebt. Allerdings fehlte es den Samenzellen ihres ersten Ehemannes an Kraft, und mit dieser Diagnose begann Nicoles langer Weg durch die Kliniken der Fortpflanzungsmediziner. Zu Beginn wurde das Sperma ihres Mannes direkt in die Gebärmutter gespritzt, während Hormone ihren Zyklus regulierten. Nicole war erst Mitte zwanzig, und die Ärzte machten ihr Hoffnung, schon bald das erste Kind in den Armen zu halten. Nachdem aber eine Schwangerschaft weiter ausblieb, entschied sich das Paar 1998 für eine künstliche Befruchtung per ICSI (siehe Glossar im Kasten am Textende). Ohne Erfolg. Die Ehe zerbricht schließlich - zu unterschiedlich waren die Lebensentwürfe: Sie wollte Familie, er zuerst Karriere, und ihren Kinderwunsch sah er dabei als zweitrangig an.

Alles für das Kind

An der Hand des Vaters

An der Hand des Vaters

"Mir fehlte vor allem die emotionale Nähe. Ich fühlte mich mit dem Problem alleingelassen und musste alle Arzttermine alleine wahrnehmen. Bei Christian kann ich mich dagegen völlig fallenlassen", sagt Nicole Mayer über ihren jetzigen Mann. "Unsere Beziehung ist an den Schwierigkeiten gewachsen, aber sie beruhte von Anfang an auf Vertrauen und Offenheit in langen Gesprächen." Ja, sie habe mit ihm den Traummann gefunden - aber das erhöhte zusätzlich den Druck, als sie die Pille absetzte und wieder nicht schwanger wurde. Liegt es wieder an der Spermienqualität? Christian ließ ein Spermiogramm erstellen, das ihn entlastete. Also war doch sie verantwortlich, ohne je genau zu erfahren, was eigentlich nicht stimmt.

Dieser Gedanke versetzt ihr noch heute manchen Stich, obwohl jetzt Sohn Paul zufrieden an ihrer Brust liegt und Tim seinem Vater am Grill assistiert. "Früher feierten wir BBQ-Partys bis tief in die Nacht, heute grillen wir die Würstchen am späten Vormittag." Aus dem Paar wurde eine Familie, die mit anderen Familien Sommerfeste feiert. "Bestünde unser altes Problem der Kinderlosigkeit, ich würde solche Einladungen absagen. Ich könnte die unvermeidlichen Gespräche über Geburt, Schwangerschaft und Kita nicht ertragen und müsste mich zurückziehen", sagt Nicole Mayer. Jetzt peinigt sie das nicht mehr. denn seit ihrer ersten Schwangerschaft gehört sie dazu. "Wer Kinder hat oder sich freiwillig dagegen entscheidet, wird kaum verstehen, was es bedeutet, darauf verzichten zu müssen", vermutet Nicole Mayer. Diesen Verzicht hätte sie selbst mit der besten Psychotherapie nie akzeptiert.

So entwickelte sie in ihrer zweiten Ehe mit Christian einen Ehrgeiz wie nie zuvor im Beruf oder früher beim Leistungssport. Sie fand einen erfahrenen Frauenarzt und informierte sich im Internet, wo sich Leidensgenossen en détail über Unfruchtbarkeit und Kinderwunsch austauschen. In dieser Schicksalsgemeinschaft kursieren Empfehlungen für Therapien und Kliniken, Frauen dokumentieren jeden Anlass zur Hoffnung oder einen deprimierenden Misserfolg. "Nicole war die treibende Kraft und mir oft einige Schritte voraus", erinnert sich Christian Mayer an eine Zeit voller Missverständnisse. "Für mich war die Fortpflanzungsmedizin ein völlig neues Thema, dafür brauchte ich Zeit, um auch emotional folgen zu können."

Darüber sprechen

Umgekehrt musste Nicole neben ihren Ängsten begreifen, dass der Mann an ihrer Seite ebenso traurig war. Halt fanden sie beieinander und bei Freunden, die ihr Schicksal teilten, was aber erst durch ähnliche Verhaltensweisen auffiel. "Anfangs stockt die Stimme, man spricht über das Intimste und hat es selbst noch nicht verarbeitet." Die ignoranten Sprüche von Kollegen, "Na, klappt's nicht?", quittierte Christian Mayer mit den Worten: "Wir lassen uns Zeit."

Niemand merkte dem stressgewohnten Manager damals den Schmerz an, niemand wusste, dass er sich nach einem Projekt abends ins Auto setzte, um sich auf halber Strecke zwischen Hamburg und Berlin mit seiner Nicole im Hotel zu treffen. Nicht für ein romantisches Abenteuer - die Liebesnacht diente einem Zweck: Nicole stimulierte ihren Körper längst mit Hormonen, der Eisprung stand an - sie mussten jetzt miteinander schlafen, damit ein Spermium vielleicht reüssierte und Nicole schwanger wurde. "Anfangs konnten wir noch darüber lachen und gingen unbeschwert ins Bett. Mit jedem Monat nahm aber die Belastung zu, wir mussten es schließlich anders angehen", beschreibt heute Christian Mayer die Situation. Schwanger wurde Nicole auf diese Weise nicht.

Ein technischer Erfolg

Der nächste Schritt stand an, die In-vitro-Fertilisation. Natürlich kannten die beiden die Geschichte dieser Technik. Als erstes Retortenbaby war Louise Brown 1978 in Großbritannien zur Welt gekommen und hatte wochenlang für Schlagzeilen gesorgt. Die Eltern freuten sich über ihr "Miracle Baby", während ein Sturm der Entrüstung über die verantwortlichen Ärzte Robert Edwards und Patrick Steptoe hereinbrach. Deutsche Zeitungen befürchteten damals gar ein "Bio-Babel", und Ärzte bemühten sich, die aufflammenden Hoffnungen unfruchtbarer Frauen zu dämpfen. Doch bereits im April 1982 wurde in Erlangen das erste deutsche Retortenbaby Oliver Wimmelbacher geboren. Inzwischen bestätigen mehr als eine Million Kinder den Erfolg, denn sie wurden auf ähnliche Weise im Reagenzglas gezeugt.

Längst gehört die In-vitro-Fertilisation (IVF) zur Routine in den Frauenkliniken und Praxen der Reproduktionsmediziner. Und niemand zweifelt daran, dass mit der Geburt von Louise Brown ein dramatischer Fortschritt der Medizin erreicht wurde. Heute, dreißig Jahre später, vertrauen Paare selbstverständlich auf das inzwischen weiter gewachsene Repertoire der Reproduktionsmediziner, mit deren Hilfe jährlich etwa 120 000 Kinder zur Welt kommen. 2006 waren es allein in Deutschland knapp 40 000 Frauen, die sich einer Behandlung unterzogen haben: IVF, ICSI oder Kryotransfer (siehe Glossar am Textende). Diese Zahl erzählt jedoch nichts über die persönlichen Dramen, sie ist nicht mehr als eine Summe von Einzelschicksalen.

Das Deutsche IVF-Register dokumentiert diese Schicksale und rund 4400 Geburten in der Jahresstatistik, ohne dabei zum Beispiel jene Patientinnen berücksichtigen zu können, die nach Osteuropa oder Spanien abwandern, um sich dort behandeln zu lassen. „Im Moment vermitteln wir pro Jahr etwa 800 bis 900 Paare aus dem deutschsprachigen Raum nach Tschechien. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr“, sagt Regina Schäffer. Ihr „Medicare Service“ arbeitet mit sechs Kliniken zusammen und kümmert sich um die Organisation - vom ersten Beratungstermin bis hin zur Abrechnung mit der Krankenkasse. Die Verfahren lassen sich auf der Service-Homepage wie eine Dienstleistung abrufen, jeder kann selbst berechnen, was die Behandlung in einer bestimmten Klinik kosten würde. Eine IVF etwa, inklusive Blastozystentransfer und Medikamenten, kostet rund 2600 Euro. Die Reproduktionsmedizin ist nicht zuletzt ein Wirtschaftszweig.

Umwege über das Ausland

Viele Paare flüchten inzwischen auch deshalb ins Ausland, weil die deutschen Krankenkassen seit 2004 nur noch die Hälfte der IVF-Behandlungskosten tragen: drei Versuche je Patientin, die unter 40 und außerdem verheiratet sein muss. Wenn man selbst zahlen muss, liegt der Gedanke, die Behandlung im möglicherweise billigeren Ausland durchführen zu lassen, nicht mehr fern.

Ungezählt bleiben in der deutschen Statistik außerdem jene Frauen, die ihre Hoffnungen auf Methoden der Reproduktionsmedizin setzen, die in der Bundesrepublik nicht erlaubt sind. Eine Präimplantationsdiagnostik zum Beispiel, wenn das Risiko einer Erbkrankheit besteht und der Embryo vor dem Einpflanzen in den Mutterleib getestet werden soll. Oder die Auswahl der Embryonen aus einer größeren Menge als den hier erlaubten drei. Im Ausland werden künstliche Befruchtungen auch vorgenommen, wenn die Patientin ledig ist oder älter, als es die ärztlichen Richtlinien in Deutschland empfehlen. Oder die Frauen sind auf die - in Deutschland verbotene - Spende von Eizellen angewiesen, falls die Qualität der eigenen Keimzellen nicht genügt oder keine mehr vorhanden sind. Die Spenderinnen wiederum bleiben anonym, erhalten eine Aufwandsentschädigung und erfahren nicht mal, ob später eine Schwangerschaft erfolgte.

Eine Reise nach Prag

Auch Nicole und Christian gingen ins Ausland, als sie mit ihrem Kinderwunsch in Deutschland nicht mehr weiterkamen. Sie reisten nach Prag, weil es näher liegt als etwa eine Klinik in Valencia, für die sich ein befreundetes Paar mit ähnlichen Problemen entschieden hatte. Aber auch Südafrika stand durchaus zur Debatte, wobei dann ein Urlaub die Behandlung getarnt hätte - für eine Schwangerschaft ist vielen Kinderlosen kein Weg zu weit, wenn eine Chance besteht. Zumal wenn die betroffene Frau wie Nicole Mayer körperlich gesund ist und keine Spätberufene, die erst in den Wechseljahren Muttergefühle verspürt.

Denn auch dies ist ein häufiger Grund für Paare, sich im Ausland nach einer Behandlung umzusehen. „Auf diese Weise erfüllen sich ältere Frauen mit einem jüngeren Partner den späten Kinderwunsch. Darunter auch solche, die bereits Mütter sind, aber in neuen Beziehungen leben“, beschreibt Regina Schäffer einen Trend, dem jedoch Grenzen gesetzt sind: In Tschechien liegt das Höchstalter einer Patientin zum Beispiel bei 48 Jahren, danach kommen nur andere Länder in Frage wie zum Beispiel Russland oder die Ukraine.

„Wir sind vor allem Ärzte. Wir wollen der Natur helfen, ihre Grenzen aber nicht um jeden Preis überwinden“, sagt Dana Koryntová. Sie ist Frauenärztin an der Pronatal-Plus-Klinik in Prag und betreut oft Deutsche, die ihren Kinderwunsch zu weit hinausgeschoben hatten. „Leider sind sich viele Frauen nicht im Klaren darüber, dass die Fruchtbarkeit ab 30 Jahren rapide abnimmt.“

Und der Vater?

Nicole Mayer war sich dessen immer bewusst, sie wollte gar nicht so lange warten. Und sie bereut ihren Entschluss im Nachhinein keinen Augenblick. „Nein, Tim, nicht die Fenster“, versucht die Mittdreißigerin ihren Ältesten noch zu stoppen. Das Verbot erhöht den Reiz, Wasser rinnt über das Glas. Und der übermütige Knirps strapaziert mit weiteren Spritzattacken die Nerven seiner Eltern, um prompt zu erleben, was deren Konzept aus Liebe, Verständnis und Konsequenz im Fall von mit Sand verschmierten Scheiben bedeutet: Den Eimer ist er für eine Weile los und sein Geschrei groß.

„Auf alles, was kommt: aufgeschürfte Knie oder die erste heimliche Zigarette“, hatte sich Christian Mayer schon während der Schwangerschaft gefreut. Er ist der Jüngste seiner Geschwister, und ihm war lange vor Tims Geburt bewusst, dass Vaterdasein mehr bedeutet, als nur in Carrera-Prospekten zu blättern und Windeln zu wechseln, sondern auch - wie jetzt - klare Grenzen zu setzen. Er wollte voll und ganz Papa sein und hat nun Verantwortung für eine Familie übernommen, ohne ständig darüber nachzudenken, auf welche Weise sich sein jahrelanger Wunsch erfüllt hat. Dass er auch eine Adoption einmal in Erwägung ziehen würde, hätte Mayer sich nie träumen lassen. Heute weiß der Vertriebsleiter, dass sich das Leben nicht in jedem Punkt beeinflussen lässt, so gern er alles genau planen und kontrollieren würde.

Als er Nicole vor sieben Jahren nach deren gescheiterter Ehe kennenlernte, hatte Christian Mayer schnell gespürt: Das ist die Richtige. „Ich hatte hohe Ansprüche an eine Beziehung und meine Partnerin. Nur nett oder hübsch, das genügte mir nicht“, sagt er. Die Suche schien mit Nicole zum Ziel gekommen, aber spätestens als sich herausstellte, dass aus den Wunschkindern so schnell nichts werden würde, war das idealisierte Suchraster ad absurdum geführt. „Das Problem der Kinderlosigkeit teilte ich mit Christian, doch ich war die Verursacherin und fühlte mich verantwortlich, seinen Wunsch nach Familie nicht erfüllen zu können.“

Spritzen und Ampullen

Schon in den Flitterwochen ging das Paar das Problem von neuem gemeinsam an. Im Gepäck lagen Spritzen und Ampullen, um einer In-vitro-Fertilisation den Weg zu bereiten. Eine erste Injektion setzt sich Nicole Mayer noch in der Hochzeitsnacht: Die täglichen Hormone sollen gleich mehrere Eizellen reifen lassen, die knapp zwei Wochen später mit einer Punktion entnommen und im Labor mit Christians Sperma befruchtet werden. Ihr Arzt bescheinigte den Eizellen eine tolle Qualität, doch nach der Befruchtung im Reagenzglas entwickelten sie sich schlecht. Kein Embryo erreicht nach fünf Tagen das Stadium der Blastozyste.

„Zwei Achtzeller und ein Zwölfzeller werden mir eingesetzt. Schlechte Ausbeute“, sagt Nicole Mayer, und die medizinischen Begriffe kommen ihr flüssig über die Lippen. Sie kennt das Vokabular, weiß genau, wie ihr Körper tickt, was die Hormonpräparate bewirken, welche Risiken sie eingeht, wie die Embryonenentwicklung verläuft und wie gering damals die Chancen standen. Trotzdem bangte sie fünf Tage lang bis zum ersten Schwangerschaftstest. Negativ.

Eine Niederlage. Nicole Mayer versuchte, sie mit neuen Plänen zu kompensieren. Bregenz am Bodensee hieß jetzt ihre Sehnsuchtsstätte, dort praktiziert Herbert Zech im etwas weiter gestalteten Rahmen der österreichischen Gesetze. Es können mehr Eizellen befruchtet und für eine Auswahl kultiviert werden als die in Deutschland maximal erlaubten drei. Meist sind es ohnehin nur zwei, weil deutsche Ärzte alle entstehenden Embryonen in den Unterleib der Patientin einsetzen müssen. Sie haben keine Wahl, dürfen verbleibende Embryonen nicht einfrieren und halten so das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft gering.

„Ich wollte mich nicht weiter von Versuch zu Versuch hangeln, bis es mit wenigen Eizellen einmal klappt, sondern alle Möglichkeiten ausschöpfen, wenn ich die körperlichen Strapazen der Behandlung auf mich nehme“, sagt Nicole. Und nicht zu vergessen die Kosten, die jedes Mal anfallen und seit 2004 nur noch begrenzt von den Krankenkassen übernommen werden. „5000 Euro im Voraus verlangte man von uns in Bregenz“, erinnert sich Christian Mayer.

Enttäuschte Hoffnungen

Er war zu diesem Zeitpunkt permanent auf Dienstreisen, sie beruflich so stark eingebunden, dass neben Körper und Psyche nun auch logistische Probleme zu bewältigen waren. Zweimal mussten sie anreisen: zuerst zur Entnahme der Eizellen für die künstliche Befruchtung, ein paar Tage später nochmals zum Transfer. Aber das ließ sich arrangieren, und ein Telefonat mit dem Zwischenbericht steigerte die Zuversicht: Der Arzt versprach, erzählen die Mayers, zu 99,9 Prozent schöne Blastozysten.

Am Samstag, dem vereinbarten Termin, musste das Ehepaar Mayer lange im Wartezimmer sitzen, bis es erfuhr, dass sich wider Erwarten nur ein Embryo bis zum sogenannten Morula-Stadium entwickelt hatte. „Aber wir übertragen ihn“, hieß es. Statt einem prallen Bläschenkeim also ein mickriger 16-Zeller, der weniger Chancen hat, sich einzunisten. Nicole klappte zusammen, die selbstbewusste Frau fühlte sich wie fremdgesteuert und empfand nur noch Hass auf ihren Körper, der sie so im Stich ließ. Ihre im sportlichen Wettkampf oft bewiesene Stärke brach im Gefühlschaos aus Vorfreude und Enttäuschung ein. Auch ihr Mann konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Die Rückfahrt dauerte acht lange Stunden.

Endgültig vorbei, keine Versuche mehr - das stand für Nicole Mayer nach diesem Ausflug fest. Sie hatte genug von schmerzhaften Hormonspritzen, Tabletten und Arztterminen, die ihr Leben dominieren und in ein Korsett pressen. Sie wollte ihren malträtierten Körper wieder in alter Form, nahm 15 Kilo ab, ohne jedoch den Kinderwunsch aufzugeben. Nach ein paar Monaten der Trauer sprach sie beim Jugendamt vor, und das Paar ließ sich bei einer Vermittlungsstelle für eine Adoption registrieren. „Unwichtig war immer, ob ich nun meine Gene weitergebe. Ich wollte mich nicht in erster Linie reproduzieren, sondern mit Kindern leben“, sagt sie. „Jetzt galten wir plötzlich als potentielle Eltern, und das nahm mir die Last von der Seele, mit meinem Körper versagt zu haben.“

Und wenn wir eins adoptieren?

Christian wollte die Idee vom leiblichen Kind noch nicht aufgeben. Dass man die gleiche Liebe für ein adoptiertes empfindet, daran zweifelte er nicht. Er wünschte sich aber eine Normalität, wie es die Adoption nicht vermocht hätte. Heute fühlt er sich darin bestätigt: Die erlebte Schwangerschaft hätte ihnen dabei geholfen, zu Eltern zu werden. „Wir teilen diese Erfahrung jetzt von Anfang an mit anderen und können darüber sprechen, ohne irgendwelchen, oft sehr indiskreten Fragen zu den ach so entzückenden Kindern ausweichen zu müssen.“ Selbst beim Einkauf im KaDeWe werde man von Fremden über die Geburt ausgefragt.

Außerdem musste er erleben, wie Freunde nach langem Warten ein neugeborenes Adoptivkind erhielten, das nach zwei Wochen wieder abgeholt wurde (siehe „Adoption: Vom Stammhalter zum Familienmitglied“). „Die Mutter wollte ihr Kind selbst aufziehen, und für die Adoptiveltern konnte es kaum eine schlimmere Nachricht geben. Für Nicole wäre das eine Katastrophe gewesen.“

Also informierte er sich parallel zu den Adoptionsgesprächen über eine Eizellspende. Seine Frau war skeptisch, bis die positiven Erfahrungsberichte im Internet sie davon überzeugten, erneut ein Wagnis für ihren Körper einzugehen, um einem Wunschziel zu folgen, das Nicole Mayer als existentiell beschreibt. Deshalb hatte sie kein Designer-Baby erwartet und musste auch keinen Katalog mit IQ-Werten, Körpermaßen und Charaktereigenschaften wälzen, um die schönste und klügste Eizellspenderin auszuwählen, wie es in den Vereinigten Staaten gang und gäbe ist. Sie wollte „einfach nur ein Kind“.

Gespendete Eizellen

Als das Ehepaar Mayer zum ersten Beratungstermin nach Prag reiste, ging Nicole davon aus, in zwei, drei Jahren endlich Mutter zu sein: „So oder per Adoption, es war nur noch eine Frage der Zeit.“ Für Christian bedeutete der Ausflug, nochmals Hand anzulegen, er musste eine Spermaprobe hinterlassen für den Fall der Fälle: Fände sich eine geeignete Spenderin, könnten deren Eizellen damit künstlich befruchtet werden und anschließend in einer Nährlösung kultiviert. Fünf Tage alte Embryonen würde man Nicole dann mit einem Katheter einsetzen.

Wenige Monate nach der Reise kam eine E-Mail. „Sie hatten eine Spenderin, ob wir die Behandlung noch wollten“, erinnert sich Nicole. Nach langen Gesprächen und einer kurzen Nacht antwortet sie. Und plötzlich ging alles ganz schnell.

Die einander völlig fremden Frauen wurden synchronisiert, ihre Zyklen in Gleichklang gebracht. Nicole schluckte eine Antibabypille, die den eigenen Eisprung unterdrückt und die Gebärmutterschleimhaut aufbaut. Die Spenderin erhielt höhere Hormondosen für den vielfachen Eisprung.

„Es waren acht Eizellen, die in der Klinik mit Christians Sperma befruchtet wurden“, sagt Nicole. „28 Jahre alt, zwei Kinder, in den Tests gesund, ungefähr meine Statur, Haar- und Augenfarbe“, mehr weiß sie nicht über die Spenderin. Es gibt kein Bild, keinen Namen. Nicole sagt, sie empfinde „unendliche Dankbarkeit“ gegenüber dieser Unbekannten, die sie von der Last der Unfruchtbarkeit befreite und die dafür Risiken einer zweiwöchigen Hormontherapie und des operativen Eingriffs zur Eizellgewinnung auf sich nahm, wie zuvor sie selbst. Und auf Nicole warteten nun zwei Embryonen im Stadium der Blastozyste.

Endlich die Schwangerschaft

Zuerst spürte sie in der folgenden Woche nur ein leichtes Ziehen, dann bestätigte der rosarote Balken im Test: schwanger. Ein Embryo hatte sich tatsächlich in der Gebärmutter eingenistet. Die Tränen kullerten - aus Erleichterung und Wut, dass es so einfach ging nach all den Versuchen und Qualen der vergangenen Jahre. „Schwanger waren bisher immer die anderen. Ich konnte es kaum glauben.“ Acht Monate lang nicht. Selbst eine Woche vor dem Geburtstermin zweifelte die junge Frau noch an ihrem Kugelbauch. Ihr Selbstvertrauen gewann sie erst mit Tims Geburt zurück.

Inzwischen hat Tim einen Bruder. Paul ist erst wenige Monate alt und lag vorher jahrelang auf Eis - denn gezeugt wurden die Geschwister zum gleichen Zeitpunkt, als die Ärzte in der Prager Klinik die Eizellen befruchteten und die nicht gleich verwendeten Embryonen kryokonservierten. Tiefgekühlt liegt in Prag nun noch ein weiteres Mayer-Kind, das sie möglicherweise einem anderen Paar spenden werden - auch das ist in Tschechien erlaubt.

Auf Eis liegt ein weiteres Kind

In Deutschland nicht. „Anders als eine Samenspende ist die Problematik einer Eizellspende in unserer Rechtskonstruktion bisher nicht vorgesehen“, sagt Heribert Kentenich, Chefarzt der DRK Frauenklinik im Berliner Westend. Eine Konfliktsituation, mit der sich nun auch eine Kommission der Bundesärztekammer auseinandersetzt. „Wir streben ein längst überfälliges Fortpflanzungsmedizingesetz an“, sagt Kentenich, der den Vorsitz führt. Nach seiner Sicht könnte in sechs bis acht Jahren dann auch in Deutschland eine Eizellspende möglich sein.

Nicole Mayer hat ohnehin kein Verständnis dafür, dass dieses Verfahren bei uns nicht zugelassen ist. „Niemandem mit einem entzündeten Blinddarm würde eine Operation verwehrt. Warum sollte ich nicht ebenso die Möglichkeiten der Medizin nutzen?“ Staat und Gesellschaft würden den Kinderwunsch befürworten, aber die Fortpflanzungsmedizin nicht völlig akzeptieren und unterstützen. Das kann Nicole Mayer nicht verstehen. Ebenso wenig, dass seriöse Ärzte in Fernsehbeiträgen meist als „Babymacher“ verunglimpft würden. Oder dass der Kinderwunsch zynisch als Lifestyle-Problem betrachtet werde. Schließlich stufe die Weltgesundheitsorganisation WHO Unfruchtbarkeit als Krankheit ein.

Kentenich nennt noch andere Argumente für eine Legalisierung der Eizellspende in Deutschland. „Als Variante der künstlichen Befruchtung ist sie längst Normalität und in anderen EU-Staaten etabliert. Die Frauen sind autonom und gehen dafür ins Ausland, wo wir keinen Einfluss nehmen können“, erklärt Kentenich. Ihm geht es dabei vor allem um eine umfassende medizinische Aufklärung und psychologische Betreuung, schließlich seien Fortpflanzungsmediziner keine Techniker. Die Spende könnte dann aus altruistischen Motiven erlaubt sein - wie etwa im Fall einer Knochenmarkspende, die auch einen operativen Eingriff erfordert - oder per Egg-Sharing, wenn Patientinnen nach ihrer IVF-Behandlung noch Eizellen übrig haben. „Die Spenderinnen sollten nicht anonym bleiben, sondern registriert werden, damit ein Kind später Kontakt mit der genetischen Mutter aufnehmen könnte.“ Niemals sollten finanzielle Gründe den Anreiz geben, schränkt Kentenich ein, weil das den Missbrauch von jungen Frauen fördere, zu dem es gerade in Osteuropa immer wieder komme. Gar eine „Instrumentalisierung“ von Frauen befürchten Kritiker des Verfahrens wie der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio.

Sollen es die Söhne erfahren?

Eine klare Grenze würde Heribert Kentenich bei jenen Frauen ziehen, die nach den meist mit 50 beginnenden Wechseljahren die Phase der natürlichen Fruchtbarkeit bereits überschritten haben. Sie sollten keine gespendeten Eizellen zur künstlichen Befruchtung mehr erhalten, schon allein weil die körperlichen Risiken einer Schwangerschaft wie Diabetes oder Bluthochdruck dann extrem steigen. Für Schlagzeilen sorgen zwar immer wieder Altersrekorde, die öffentliche Kritik und Abwehr gegen das Verfahren provozieren, wenn eine 67-Jährige Kinder zur Welt bringt oder wie zuletzt eine Inderin, die angeblich mit 70 noch Mutter von Zwillingen wurde. „Doch das sind zum Glück seltene Einzelfälle, wo das Kindeswohl wirklich in Frage steht. Soll ich deshalb nicht eine 35-Jährige behandeln dürfen, die vielleicht Krebs hatte oder fehlerhafte Eizellen?“, fragt Kentenich. „Wir wollen keinesfalls Greisinnen zu Müttern machen“, bestätigt auch Klaus Diedrich, Direktor der Universitätsfrauenklinik in Lübeck. Und seine Prager Kollegin Dana Koryntová, die das Verfahren bereits anwendet, betont: „Es genügt ja nicht, das Kind im Bauch zu tragen. Es wird zur Welt kommen und braucht mindestens zehn, zwanzig Jahre eine möglichst gesunde Mutter, im besten Fall beide Eltern.“

Nicole und Christian Mayer können das ihren Söhnen jedenfalls bieten. Ob sie ihnen einmal erzählen, wie sie gezeugt wurden, wissen sie noch nicht. „Offenheit bedeutet uns viel. Aber was würden wir damit erreichen?“ Ein erleichtertes Gewissen, weil sie sich als unfruchtbares Paar schuldig fühlten? Und wann ist der richtige Moment, darüber zu sprechen, wenn es ihn denn überhaupt gibt? „Wir wissen nicht, wie das Verhältnis zu unseren Kindern sein wird“, sagt Nicole Mayer, „oder wie die Gesellschaft später zu diesem Thema steht.“

Reproduktionsmedizin: ein Glossar

In-vitro-Fertilisation (IVF): Nach hormoneller Stimulation werden der Patientin per Punktion Eizellen entnommen, in einer Kulturschale befruchtet und kultiviert. Zwei bis fünf Tage später werden entstehende Embryonen in die Gebärmutter gesetzt.

ICSI (Intracytoplasmatische Spermieninjektion): Bei dieser IVF-Variante einer assistierten Befruchtung wird ein einzelnes Spermium unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle gespritzt.

Insemination Spermien einer Spermaprobe werden in den Genitaltrakt der Frau eingebracht. Entweder vor dem Muttermund oder bereits in die Gebärmutterhöhle.

Spermiogramm Volumen, Farbe und Viskosität des Spermas werden unter anderem überprüft, dazu Beweglichkeit, Form und Anzahl der Spermien.

Kryotransfer Zuvor befruchtete und eingefrorene (kryokonservierte) Eizellen oder Embryonen werden nach dem Auftauen in die Gebärmutter verpflanzt.

Morula Entwicklungsstadium des Embryos nach ungefähr vier Tagen. Er besteht dann aus 16 bis 32 Zellen.

Blastozyste Embryostadium zwischen dem 4. und 7. Tag nach der Befruchtung. Dieser sogenannte Blasenkeim besitzt einen hohlen Zellkörper.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: FALKO SIEWERT

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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