Medikamente

Heimliche Pillenschlucker

Von Nicola von Lutterotti

Der Arzt sollte über alle eingenommenen Medikamente informiert werden

Der Arzt sollte über alle eingenommenen Medikamente informiert werden

15. November 2004 Im Krankenhaus versorgte Patienten nehmen häufig Medikamente ein, ohne den Arzt darüber zu informieren. Das geht aus zwei aktuellen Erhebungen hervor, die deutsche und schweizerische Wissenschaftler um Walter Haefeli von der Abteilung für Innere Medizin VI der Universität Heidelberg vorgenommen haben.

Auch andere Arbeitsgruppen haben beobachtet, daß stationär behandelte Patienten des öfteren heimlich Pillen schlucken. In einigen Fällen gaben die Kranken die Selbsttherapie zu, wenn sie danach gefragt wurden. Bei einem beträchtlichen Anteil mußten die Ärzte aber spezielle Nachweisverfahren anwenden, um die Wahrheit ans Licht zu befördern.

Erhebliche gesundheitliche Risiken

Die Anwendung von Medikamenten ohne Wissen des Arztes birgt beträchtliche Risiken. Zum einen besteht die Gefahr, daß der Kranke denselben Wirkstoff zweimal erhält, was zu Vergiftungen führen kann. Zum anderen gibt es eine Reihe von Arzneimitteln, die sich gegenseitig in die Quere kommen. Einige verlangsamen den Abbau gleichzeitig zugeführter Wirkstoffe, andere beschleunigen ihn. Karin Rieger, eine Mitarbeitern Haefelis, und ihre Kollegen wollten nun herausfinden, wie häufig Krankenhauspatienten heimlich mitgebrachte Medikamente einnehmen und welche Art von Wirkstoffen sie dabei anwenden.

In die Erhebung wurden 44 ältere Männer und Frauen einbezogen, die aus unterschiedlichen Gründen im Krankenhaus behandelt werden mußten. Bei vierzig Prozent der Patienten entdeckten die Forscher im Urin mindestens ein Medikament, das in der Krankenakte nicht vermerkt worden war. Ein Patient hatte sogar sechs Mittel hinter dem Rücken der Ärzte eingenommen. Bei den nicht angegebenen Medikamenten handelte es sich größtenteils um Beruhigungsmittel, Schmerzpillen und Tabletten gegen Sodbrennen.

Zum Teil setzten sich die Betroffenen dabei erheblichen gesundheitlichen Risiken aus, wie die Autoren im "European Journal of Clinical Pharmacology" (Bd. 60, S. 363) berichten. Dies treffe etwa für die Anwendung von Beruhigungsmitteln zu. Bei Personen höheren Alters verursache eine solche Therapie häufiger Stürze, die mitunter schwerwiegende Konsequenzen haben können. Einige der versteckt eingenommenen Arzneimittel dürften zudem zu Wechselwirkungen mit den im Krankenhaus verabreichten Mitteln geführt haben, vermuten die Heidelberger Forscher.

Patienten bestreiten Einnahme

In einer weiteren Studie sind Haefeli und sein Team der Frage nachgegangen, wie oft im Hospital versorgte Patienten ohne Kenntnis des Arztes das Depressionsmittel Johanniskraut einnehmen. Dieses rezeptfrei erhältliche pflanzliche Heilmittel beschleunigt den Abbau einer ganzen Reihe von Medikamenten. Hierzu gehören unter anderem die Antibabypille und Ciclosporin, ein Medikament zur Verhinderung von Abstoßungsreaktionen nach einer Organtransplantation.

Wie die Wissenschaftler im "British Journal of Clinical Pharmacology" (Bd. 58, S. 437) schreiben, fanden sie bei 12 der insgesamt 150 untersuchten Kranken deutliche Spuren von Johanniskraut im Blut. Die meisten dieser Patienten hatten die Einnahme des Depressionsmittels auch nach mehrmaliger Nachfrage nicht zugegeben. Hieraus läßt sich schließen, daß ein erheblicher Anteil aller Arzneimittelnebenwirkungen und fehlgeschlagenen Therapien auf die gleichzeitige Einnahme anderer, dem Arzt verschwiegener Mittel zurückgehen könnte.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2004, Nr. 268 / Seite 34
Bildmaterial: dpa

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