02. August 2006 Daß die Kernwaffentests, die lange Zeit in der Südsee ausgeführt wurden, ein Risiko für die Bevölkerung darstellten, geben die Beteiligten nicht gerne zu. Der Zusammenhang mit späteren Fällen von Schilddrüsenkrebs und anderen Erkrankungen ist auch schwer nachzuweisen, weil er sich nur statistisch herstellen läßt. Doch die Geschichte der Bewohner des Bikini-Atolls spricht eine beredte Sprache.
Als die Vereinigten Staaten dort mit ihren atomaren Versuchen begannen, siedelten sie die Bewohner auf die Insel Rongerik und bald darauf weiter nach Kwajalein um. Ende der sechziger Jahre durften die Insulaner zum Bikini-Atoll zurückkehren - zu einem kurzen Zwischenaufenthalt, der 1978 mit einer weiteren Umsiedlung enden sollte.
Ein Brief gibt Klarheit
Bei den in der Lagune lebenden Krabben hatte man immer noch eine erhöhte Radioaktivität registriert, und Trinkwasser und Früchte waren weiterhin nicht zum Verzehr geeignet. Die französische Regierung hielt trotzdem an der Behauptung fest, ihre eigenen Tests auf den zu den Tuamotu-Inseln gehörenden Atollen Mururoa und Fangataufa hätten kein erhöhtes Risiko dargestellt.
Nun hat der Direktor einer Abteilung des französischen Forschungsinstituts Inserm (Institut national de la sante et de la recherche medicale) - Florent de Vathaire -, der seit den achtziger Jahren zusammen mit Vladimir Drozdovitch vom International Cancer Research Center einschlägige Studien betrieben hat, an Oscar Temaru, den Präsidenten von Französisch-Polynesien, einen Brief übermittelt. Darin stellt er erstmals klipp und klar und gut untermauert fest, es könne nun als gesichert gelten, daß die Zahl der Schilddrüsenkrebs-Erkrankungen in der Region infolge der Atomtests gestiegen sei.
Zweifel beseitigt
Als Beleg führt er unter anderem die Windrichtungen und -stärken nach den einzelnen Kernwaffentests an. Dabei stützt er sich auf eine Studie zu 239 Fällen in der Region. Allerdings dürfte der durch die Versuche bedingte Zuwachs, so Vathaire, geringfügig sein. Vor einigen Jahren noch war sein Fazit einer Studie, die 153 Schilddrüsenkrebs-Erkrankungen in der Zeit von 1985 bis 1995 umfaßte, die Häufigkeit dieses Krebses sei zwar in Französisch-Polynesien zwei- bis dreimal so groß wie bei den Maoris in Neuseeland oder den Ur-Bewohnern Hawaiis, das könne aber auch an unterschiedlicher medizinischer Versorgung liegen. Es seien daher weitere Untersuchungen erforderlich.
Auf der Internet-Seite von Inserm ist das neue Ergebnis nicht zu finden. Der Brief an Temaru wurde aber vor dem Parlament Französisch-Polynesiens verlesen. Vielleicht ist das, da das Forschungsinstitut staatlich ist, auch als schwaches Zugeständnis der Offiziellen in Frankreich zu deuten, die meist ruppige Zensuren der demokratischen Offenheit vorziehen: Als vor einigen Jahren die erste europäische Trägerrakete des Typs Ariane5 beim Start in Französisch-Guayana explodierte, wurde dort die landesweite Fernsehübertragung sofort beendet. Fragen sind in solchen Fällen unerwünscht.
Text: F.A.Z., 02.08.2006, Nr. 177 / Seite N1
Bildmaterial: AP