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Schweinegrippe
„Impft die Kleinen!”

Die Bereitschaft, sich gegen Schweinegrippe impfen zu lassen, wächst langsam - bei Erwachsenen. Von Kindern war bislang kaum die Rede. Nun ist aber eine 15-jährige Schülerin, die an der Schweinegrippe erkrankt war, an einer Herzmuskelentzündung gestorben. Obwohl es unklar ist, was ihren Tod verursacht hat, stellen sich viele Eltern die Frage, ob sie nun ihre Kinder impfen lassen sollen.

Herr Zepp, in Hessen und anderen Bundesländern wurden die ersten Schulen vorübergehend geschlossen. Gibt es jetzt eine andere Situation als vor einer Woche?

Die Entwicklung einer sich pandemisch ausbreitenden Infektionskrankheit ist ein dynamischer Prozess. Das heißt, von Woche zu Woche verändert sich die Situation. Allerdings ist das aktuelle Geschehen jetzt keine Überraschung, das konnten wir in anderen Ländern bereits sehen. In unserem Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Mainz stellen wir fest, dass mittlerweile zwei Drittel der Kinder, die mit akuten Atemwegsinfektionen zu uns gebracht werden, eine Infektion mit dem neuen H1N1-Virus haben. Im Moment breitet sich die Infektion zunächst unter Kindern aus, weil sie engeren Kontakt untereinander haben. Und verläuft es wie bei der normalen saisonalen Influenza, dann werden sich die Viren in den nächsten zwei bis drei Wochen zunehmend unter Erwachsenen ausbreiten.

Müsste man unter Umständen die Impfstrategie verändern?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat eine ausgewogene Empfehlung auf den Weg gebracht, indem sie im Prinzip alle Gruppen benannt hat, die in Frage kommen. Zugleich stellt sie fest, dass jeder von der Impfung gegen die Neue Grippe profitieren kann. Die Stiko hat in der aktuellen Formulierung natürlich insofern eine Risikoabwägung vorgenommen, dass zum Beispiel medizinisches Personal an erster Stelle stand. Das ist wichtig, damit auch in der Pandemie die Versorgung von Kranken sichergestellt ist. Dann die chronisch Kranken, weil sie ein höheres Risiko für schwere Verläufe haben, und Schwangere. Anschließend sollte sich die restliche Bevölkerung impfen lassen. Noch im November wird die Stiko zusammenkommen und die Lage neu beurteilen.

Wird man die Einschränkung „zunächst mal die und dann später die anderen” aufheben?

Vermutlich ja. Im Prinzip gilt das schon jetzt. Vorausgesetzt, es ist ausreichend Impfstoff vorhanden, können Ärzte und Ärztinnen impfwillige Personen in diesem Lande auch heute schon impfen.

Und Kinder?

Auch Kinder. Das hat der Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte in Abstimmung mit der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin schon im Vorfeld empfohlen. Denn bei Kindern breiten sich die Infektionen nicht nur schneller aus. In ihrer Altersgruppe und bei jungen Erwachsenen treten, wie die Fallzahlen zeigen, die schwersten Erkrankungen und viele Todesfälle auf.

Der Berufsverband empfiehlt inzwischen, auch Kleinkinder unter drei Jahren zu impfen, denn es gebe dazu neue Studiendaten.

Bei dem in Deutschland verfügbaren Impfstoff handelt es sich um ein vergleichsweise umfangreich geprüftes Produkt - für den in den Vereinigten Staaten eingesetzten Impfstoff ist die Studienbasis schmaler -, weil es auf Pandemievakzinen basiert, die man zunächst für den Vogelgrippeerreger H5N1 entwickelt und erprobt hat. Tatsächlich ist er ab dem sechsten Lebensmonat zugelassen. Aber bis vor einer Woche lagen uns nur Daten über die Verträglichkeit ab dem Alter von drei Jahren vor. Das ist jetzt anders: In Spanien testen Ärzte den europäischen Impfstoff bei Kleinkindern, und ihre Zwischenauswertung zeigt, dass eine Impfung zwischen dem 6. und 36. Lebensmonat offensichtlich so verträglich ist wie bei den älteren Kindern.

Können Sie etwas über die Nebenwirkungen sagen?

Eine Rötung und Schwellung oder kurzzeitiges Fieber können auftreten, aber auch diese Reaktionen sind bei den Kleinkindern nicht stärker. Was man bei Säuglingen beobachten kann, ist, dass sie nach der Impfung gelegentlich mehr schreien. Das kennen wir von anderen Impfstoffen, und es ist wahrscheinlich auch Ausdrucksmittel, um zu zeigen, dass die Injektion einen gewissen Schmerzreiz auslöst.

Würden Sie jetzt grundsätzlich  raten, Kinder zu impfen?

Je kleiner die Kinder sind, umso größer ist ihr Ansteckungsrisiko und die Gefahr, dass die Infektion einen schwereren Verlauf nimmt. Daher befürworten wir aus Sicht der Kinder- und Jugendmedizin eine Impfung von Kindern.

Was ist mit denen, die Schnupfen haben: trotzdem impfen

Wenn das Kind einen Infekt hat, der mit körperlicher Abgeschlagenheit und Fieber einhergeht, dann sollte es diesen Infekt erst auskurieren. Wenn es aber nur ein sogenannter leichter Infekt der oberen Atemwege ist, etwa ein Schnupfen, und das Kind sich ansonsten wohl fühlt, dann spricht nichts gegen die Impfung.

Wann muss ich denn mit meinem kranken Kind in die Klinik, um schwerwiegende Komplikationen zu vermeiden?

Grundsätzlich verläuft die Neue Grippe wie eine saisonale Grippe. Das heißt, die Patienten erkranken mit Fieber und leiden an Husten, Schnupfen oder Bronchitis, also Infektionen der Atemwege. Das Besondere an dieser neuen Form von Influenza ist jedoch, dass häufiger die Lunge schwerwiegend beeinträchtigt ist - bis hin zur Lungenentzündung. Und bei einem Viertel der Infizierten reagiert das Magen-Darm-System mit Symptomen wie Erbrechen oder Durchfall. Wenn nun ein Kind mit hohem Fieber nur schlecht trinkt und die Eltern den Eindruck haben, der Zustand verschlechtert sich, dann sollten sie es im Krankenhaus untersuchen lassen oder zumindest beim Kinderarzt. Das gilt für Kinder mit chronischen Erkrankungen wie zum Beispiel Herz-Kreislauf- oder Lungenbeschwerden ganz besonders: Sie sollten schon bei den ersten Anzeichen eines Ateminfektes zum Arzt.

Wenn Sie das aktuelle Geschehen in Ihrer Klinik mit dem einer normalen Grippesaison vergleichen, die ja eigentlich erst später beginnt - sehen Sie Unterschiede?

Erfreulicherweise hatten wir bisher noch keinen der komplizierten Verläufe. Aber insgesamt fällt auf, dass es mehr Patienten sind. Das ist durchaus plausibel, denn anders als die saisonalen Viren ist dieses H1N1-Virus für die meisten Menschen neu - es trifft auf eine immunologisch ungeschützte Bevölkerung. Jeder Erkrankte kann sofort seinen Nachbarn anstecken. Wir registrieren aber auch, dass mehr Patienten kommen, weil die Sensibilität der Menschen gestiegen ist. Hinzu kommt eine hohe Nervosität in der Bevölkerung, die plötzlich das als Bedrohung empfindet, was gestern noch als banale Infektion abgetan wurde.

Das war auch von sogenannten Experten zu hören. Hat man das Ganze unterschätzt?

Selbst wenn diese Schweinegrippe nicht schwerer verläuft als eine saisonale Grippe, sollte man sie ernst nehmen. Das steht nach wie vor fest, es ist aber leider nicht gelungen, die Öffentlichkeit ausgewogen und möglichst sachlich zu informieren. Stattdessen war die öffentliche Diskussion in den letzten Wochen oft von Emotionalität, Aufgeregtheit und Uninformiertheit geprägt. Die Behörden und wir als Fachleute stehen in der Verantwortung, die Bevölkerung so zu informieren, dass die Menschen den Informationen trauen, die sie bekommen. Wir sollten solche Diskussionen nicht über die Medien führen, gewissermaßen als Schauspiel für die Bevölkerung, sondern zu einer sinnvollen Bewertung kommen, sachlich argumentieren und dann gemeinsam an die Öffentlichkeit treten.

Einer der Vorwürfe lautet, man habe die Schwangeren vergessen. Für sie hätte man einen Impfstoff ohne Adjuvanz bestellen müssen.

Es ist wünschenswert, auch schwangeren Frauen die maximal mögliche Sicherheit mit einem Impfstoff zu bieten. Und in allen Daten, die dazu vor allem aus Tierversuchen vorliegen, findet sich auch kein Hinweis darauf, dass dieses Adjuvanz sich ungünstig auf den Zustand einer Schwangerschaft auswirkt. Aber hundertprozentig sagen kann das natürlich kein Mensch. In anderen europäischen Ländern erhalten Schwangere diesen für die Allgemeinheit bestimmten Impfstoff mit Adjuvanz, uns bleibt am Ende nur die Güterabwägung: Wenn wir hier eine sehr hohe Infektionsrate haben, sehr viele Schwererkrankte, sehr viele Komplikationen und es ist noch kein alternativer Impfstoff da, dann wird man wohl erwägen müssen, ob für ungeimpfte Schwangere nicht ein viel größeres Risiko durch die Infektion besteht. Wenn es allerdings gelänge, ein adjuvanzfreies Produkt zu erhalten, wäre das die optimale Lösung.

Was macht man mit Neugeborenen und Säuglingen unter sechs Monaten: Gar nicht aus dem Haus gehen?

H1N1 ist natürlich auch für junge Säuglinge eine Gefahr. In diesen Fällen empfehlen wir, das familiäre Umfeld zu impfen. Deshalb sollten sich enge Familienmitglieder immunisieren lassen - Geschwister, Großeltern und so weiter -, um zu vermeiden, dass ausgerechnet sie eine Influenza-Infektion einschleppen. Wir nennen das Kokon-Strategie, zu der wir in Situationen raten, in denen sich einzelne Personen aufgrund ihres Alters oder ihres gesundheitlichen Zustandes nicht impfen lassen können.

Also zum Schutz der Familie. Auch aus Solidarität gegenüber seinen übrigen Mitmenschen?

So ist es. Ein gutes Beispiel sind meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Krankenhaus: Wir haben eine sehr hohe Akzeptanz in unserer Kinderklinik, was die Impfung angeht. Nicht zuletzt, weil alle verstanden haben, dass jeder, der mit der Virus-Infektion hier arbeiten würde, ein hohes Risiko für unsere kranken und empfänglichen Patienten darstellt.

Die Fragen stellte Sonja Kastilan.

F.A.S.


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