HPV-Impfung

Die Gegenoffensive

Von Joachim Müller-Jung

Eine Krebszelle bei der Teilung

Eine Krebszelle bei der Teilung

08. Juli 2009 Das Papier liegt schon fertig in der Schublade. Erst jedoch in drei, vielleicht vier Wochen, wenn die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre routinemäßigen Impfempfehlungen herausgibt, wird auch der mehrseitige Text veröffentlicht werden, mit dem viele Kritiker dann alles andere als routiniert umgehen dürften. Denn es steht die Neubewertung der HPV-Impfung an.

Die beiden Impfstoffe gegen Humane Papillomviren (HPV), die ersten gezielten Krebsvakzinen überhaupt, waren nach der Zulassung vor drei beziehungsweise zwei Jahren massiv unter Beschuss geraten. Anfangs vor allem wegen der aggressiven Werbung und jedenfalls kurzfristig kaum belegbaren Versprechungen, später aber auch wegen der Einwände von Gesundheitsexperten, der eigentliche Nachweis des Krebsschutzes sei mit den Zulassungsstudien noch gar nicht erbracht. Hinzu kamen zwei nicht endgültig geklärte, aber zumindest bis heute nicht ursächlich mit der Impfung in Zusammenhang zu bringende Todesfälle.

Impfkommission wird bei positiver Bewertung bleiben

Mit den immer wieder aufs Neue gesäten Zweifeln sank die Impfbereitschaft sukzessive. Wenig mehr als die Hälfte der zwölf- bis siebzehnjährigen Mädchen, die für die Impfung noch vor dem ersten sexuellen Kontakt gewonnen und so vor der Ausbildung eines Gebärmutterhalstumors in späteren Jahren geschützt werden sollten, ist bisher geschützt. Eine unbekannte Zahl unter ihnen hat nach der ersten oder zweiten von drei Impfdosen abgebrochen.

Die Kritik also hat gewirkt. Dass allerdings diese im „Bielefelder Manifest“ gipfelnden Zweifel auch die Stiko ins Wanken bringen sollte, dürfte sich als unerfüllter Wunsch erweisen. Der Gemeinsame Bundesausschuss, das höchste Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, hat den Kritikern zwar den Gefallen getan, eine Neubewertung bei der Stiko einzufordern. Aber nach einer Reihe von aktuellen Veröffentlichungen und Kommentaren zu schließen, nicht zuletzt auch nach der Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen Ende Juni, wird das Impfgremium bei seiner positiven Einschätzung der HPV-Impfung bleiben.

Wirkung nach neueren Studien sogar breiter

Seit dieser Woche nun dürfte sich die Stiko darin weiter bestärkt fühlen. Grund: In der Zeitschrift „Lancet“ sind weitere überzeugende, durchaus sogar überraschende Ergebnisse der „Patricia“-Studie veröffentlicht worden. Teilnehmer waren 18 644 junge Frauen, verteilt über vier Kontinente, im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Untersuchungsgegenstand war in diesem Fall der etwas später zugelassene Impfstoff „Cervarix“, der ursprünglich nur gegen die zwei wichtigsten tumorauslösenden Papillomviren-Typen 16 und 18 gerichtet war und nicht etwa wie „Gardasil“ zusätzlich gegen zwei weitere Genitalwarzen verursachende Virentypen. In der neuen Studie, die mit etwas mehr als sieben Jahren Beobachtungsspanne als die längste randomisierte Testreihe gilt, hat Cervarix eine ungeahnte Breitenwirkung an den Tag gelegt.

Offensichtlich werden nach der Impfung im Blut nicht nur die angepeilten HPV-Typen 16 und 18 von den Antikörpern neutralisiert, auf die gut zwei Drittel der jährlich sechstausend Neuerkrankungen zurückzuführen sind, sondern auch andere verwandte und durchaus nicht ungefährliche Papillomviren – insbesondere HPV 45 und 31. Diese beiden Virentypen sind für bis zu sechs beziehungsweise acht Prozent der Gebärmutterhalstumore verantwortlich. HPV 45 ist dabei als Auslöser für Adenokarzinome gefürchtet, die wegen der ungünstigen anatomischen Lage im oberen Gebärmutterhals bei den Vorsorgeuntersuchungen meist spät erkannt werden. „Diese Kreuzprotektion allein bedeutet zusätzlich gut dreihundert Karzinome weniger im Jahr“, meint die Saarbrücker Virologin Barbara Gärtner.

Die Ausrottung der Papillomviren im Visier

Schließlich hat sich auch in dieser Großstudie gezeigt, dass insbesondere junge Frauen profitieren, die vor der Impfung keinen Sexualkontakt und sich somit auch nicht mit Papillomviren infiziert hatten. Bei ihnen ermittelte man in der durchschnittlichen Beobachtungszeit von drei Jahren eine Schutzwirkung von siebzig Prozent. Betrachtet man nur die von HPV 16 und 18 hervorgerufenen schweren Läsionen im Gewebe, ergab sich eine Wirksamkeit von mindestens 93 Prozent.

Je weniger dieser Krebsvorstufen zu finden sind, desto weniger muss nach der Vorsorgeuntersuchung herausoperiert werden. Ein Argument, das vor allem vom Heidelberger Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen gerne angeführt wird. In seinem Kommentar zur neuen Studie beschäftigt er sich mit der jüngsten Welle der Kritik überhaupt nicht mehr. Er arbeitet stattdessen für eine „Herdenimmunität“, im Prinzip also an der Ausrottung der gefährlichsten Papillomviren – was allerdings die Impfung auch der Jungen einschließen müsste. Und vermutlich auch einen günstigeren Preis als die derzeit 480 Euro für drei Impfdosen, die von den Krankenkassen aufzubringen sind.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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