Diabetes

Zuckerkranke mangelhaft versorgt

Von Nicola von Lutterotti

09. Mai 2008 Bei der medizinischen Versorgung von Patienten mit Diabetes vom Typ 2, der auch als Altersdiabetes bekannt ist, liegt nach wie vor vieles im Argen. Zwar werden inzwischen mehr Betroffene standardgemäß behandelt. Von einem Idealzustand ist man hierzulande aber noch weit entfernt, wie kritische Stimmen anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft monierten, die in der vergangenen Woche in München stattgefunden hat. So gebe es viele Diabetiker, die wegen mangelhafter Therapie ihr Augenlicht verlieren, Fußgeschwüre erleiden, dialysepflichtig werden oder vorzeitig von einem Herzinfarkt oder Schlaganfall getroffen werden. Außerdem bleibe die Stoffwechselstörung immer noch viel zu häufig unerkannt.

Wie häufig ein Diabetes übersehen wird, offenbaren die Ergebnisse einer in der Region Augsburg vorgenommenen Studie. In der Altersgruppe der 55 bis 74 Jahre alten Personen betrug der Anteil an nichtentdeckten Diabetikern etwa acht Prozent. Er war damit genauso groß wie jener der diagnostizierten Erkrankungsfälle. Ein gestörter Zuckerhaushalt, der sich aber noch nicht als Diabetes äußerte, wurde sogar in 16 Prozent der Fälle übersehen. Ein früher Hinweis auf einen beginnenden Diabetes ist das metabolische Syndrom, eine Kombination von mehreren für die Blutgefäße besonders schädlichen Risikofaktoren. Hierzu zählen eine mangelhafte Insulinwirkung, Bluthochdruck, Speckpolster am Bauch und erhöhte Blutfettwerte.

Diabetesland Deutschland

Was die Zahl an Diabetikern anbelangt, nimmt Deutschland innerhalb Europas einen Spitzenplatz ein. Eberhard Standl, der Präsident der Deutschen Diabetes-Union, bezifferte die Erkrankungsrate bei Erwachsenen hierzulande auf mehr als neun Prozent. Im europäischen Umfeld sei Deutschland ein Diabetesland. Wenig verwunderlich ist es vor diesem Hintergrund, dass die Zuckerkrankheit bei uns die teuerste chronische Erkrankung darstellt. Wie Hans Hauner von der Technischen Universität München erläuterte, belastet sie das Gesundheitswesen mit jährlich etwa 18 Milliarden Euro.

Ein Großteil dieses Betrags falle für die Behandlung von diabetischen Folgeschäden an. Solche Komplikationen lassen sich aber häufig abwenden, wenn man den Blutzuckerspiegel des öfteren kontrolliert und die Risikofaktoren, darunter vor allem erhöhte Blutdruckwerte und zu fetthaltiges Blut, konsequent angeht. Das belegen unter anderem die Ergebnisse einer aktuellen klinischen Studie (“New England Journal of Medicine“, Bd. 358, S. 580).

Umso ernüchternder sind angesichts dieser Erkenntnisse die Resultate einer bundesweiten Bestandsaufnahme, die Ärzte um Ioanna Gouni-Berthold von der Universität Köln und Heiner Berthold von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft in Berlin vorgenommen haben. Denn von den knapp 45.000 untersuchten Zuckerkranken wiesen zwei Drittel zu hohe Blutdruckwerte, rund die Hälfte zu viel Cholesterin und ein Viertel deutlich zu hohe Zuckermengen im Blut auf. Bei den weiblichen Betroffenen präsentierte sich die Versorgungslage noch desolater als bei den männlichen. Denn an Diabetes leidende Frauen wurden vor allem dann vergleichsweise schlecht behandelt, wenn ihre Herzkranzarterien bereits stark verkalkt waren und daher ein besonders großes Risiko von Herzinfarkten bestand. Das berichten die Forscher kürzlich in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Diabetes Care“.

Unentbehrliche Maßnahmen zur Behandlung

Dass die Versorgung von Diabetikern das Gesundheitssystem zunehmend überfordert, ist freilich keine neue Erkenntnis, sondern hat sich schon vor Jahren abgezeichnet. Abhilfe schaffen sollen hier die vom Gesetzgeber im Jahr 2001 auf den Weg gebrachten strukturierten Behandlungsprogramme, entsprechend der amerikanischen Vorlage auch Disease-Management-Programme (DMP) genannt. Auf der Basis des wissenschaftlichen Kenntnisstands hat das Gesundheitsministerium festgelegt, welche medizinischen Maßnahmen für die Versorgung von Diabetikern unentbehrlich sind und daher in den Behandlungsplänen der Krankenkassen enthalten sein müssen.

Nach Angaben der Deutschen Diabetes-Gesellschaft haben sich mittlerweile rund 2,5 Millionen Diabetiker in die bislang freiwilligen Programme eingeschrieben. Anders als man annehmen würde, sind diese jedoch nicht einheitlich. Vielmehr gibt es mittlerweile an die 4000 einzelne Disease-Management-Programme, wie Hauner anmerkte. Jedes müsse vom Bundesversicherungsamt genehmigt werden. Die Überprüfung der Anträge und der von den Ärzten eingereichten Patientendaten seien mit einer gigantischen Bürokratie verbunden. Um die Zusatzbelastung bewältigen zu können, habe das Bundesversicherungsamt seine Mitarbeiterzahl erheblich aufstocken müssen. Die Kosten für das zusätzliche Personal gingen zu Lasten der Versicherten.

Erreichen die Behandlungsprogramme ihr Ziel?

Welchen Nutzen die Programme bringen, ist unklar. Denn das Bundesversicherungsamt lasse sich nicht in die Karten blicken, bemängelte Hauner. Alle Angebote der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, die bei der Behörde eingehenden Patientendaten auszuwerten und für den Aufbau eines Registers zu verwenden, seien bislang ungehört verhallt. Ohne eine solche Evaluation sind die gebunkerten Daten freilich wertlos. Auch gilt es, zu prüfen, wie glaubhaft die einschlägigen Dokumentationen überhaupt sind.

Verschiedene Beobachtungen nähren offenbar den Verdacht, dass es um die Zuverlässigkeit der an das Bundesversicherungsamt geleiteten Daten nicht immer gut bestellt ist. Und schließlich gilt es, zu klären, inwieweit die Behandlungsprogramme das erklärte Ziel, die Versorgung von Diabetikern zu verbessern, tatsächlich erreichen. Wie die Ergebnisse von Stichproben nahelegen, scheint dies längst nicht immer der Fall zu sein.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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