Medizinische Versorgung

Die Alten gehen, die Jungen flüchten

Um die Zukunft der medizinischen Versorgung in Deutschland ist manchem Arzt bange, auch dem Autor dieses Beitrags. Von Vater Staat wird das Problem rechnerisch unter den Teppich gekehrt.

Von Michael Feld

Im Fernsehen gibt es ihn noch: Wayne Carpendale in der ZDF-Serie „Der Landarzt”

Im Fernsehen gibt es ihn noch: Wayne Carpendale in der ZDF-Serie „Der Landarzt”

03. Juli 2008 Offenbar macht sich niemand richtig klar, wie unsere medizinische Zukunft aussehen wird: Deutschland steht ein gravierender Ärztemangel bevor. Insbesondere in den neuen Bundesländern und in den ländlichen Gebieten der Westrepublik droht eine massive Unterversorgung vor allem mit Hausärzten. Die Alten gehen, und die Jungen flüchten. Getan wird dagegen nichts. Jedenfalls nicht in dem Umfang, wie es nötig wäre, den Exodus letalis abzuwenden.

Mehr als die Hälfte der in Deutschland niedergelassenen Haus- und Fachärzte ist über fünfzig Jahre alt, zwölf Prozent sind älter als sechzig. Während der gut in die Jahre gekommene Udo Jürgens singt "mit 66 Jahren, da fängt das Leben an", ist für den Niedergelassenen mit 68 definitiv Schluss, so will es das Gesetz. Doch welcher weißbärtige Weißkittel will auch noch mit siebzig täglich siebzig Patienten in der Praxis behandeln und siebzig Kilometer über die Dörfer tuckern, um Myriaden Mittachtzigern das Zuckerbein zu verbinden?

Generationenwechsel in den nächsten zehn Jahren

In den nächsten zehn Jahren scheiden über sechzig Prozent der niedergelassenen Ärzte aus Altersgründen aus. Aber Nachwuchs ist kaum in Sicht. Denn während sich vor Beginn der desillusionierenden Realität noch vier Bewerber um einen Medizinstudienplatz prügeln, brechen im Lauf der sechs vorgeschriebenen Studienjahre vierzig Prozent ihr paracelsisches Präludium wieder ab. Angewidert vom drögen Auswendiglernen unverständlicher Spezialfakten und abgeschreckt durch den alltäglichen Frust ihrer größeren Assistenzarztgeschwister suchen Galens Grünschnäbel das Weite - in Jura oder BWL, im Ausland oder der Industrie.

Selbst die Helden des Hörsaals, die doch noch hierzulande zum Arzt approbieren, kommen kaum noch in der deutschen Krankenversorgung an. England, Schweden, Schweiz, Pharmaindustrie, Journaille und Unternehmensberatung locken die vom Berufsalltag enttäuschten Medizin-Novizen mit weitaus attraktiveren Reizen als Dauerdiensten, Bürokratiewahn, mieser Bezahlung und mangelnder Wertschätzung.

Rechnerisch gar kein Problem

Vater Staat und die von ihm angeleinten ärztlichen Körperschaften blasen nun zum Gegenzug an; doch viel zu spät, um auch nur mittelfristige Problemlösungen zu kreieren. So versuchen einzelne Kassenärztliche Vereinigungen im Osten, niederlassungswilligen Ärzten einen festen Umsatz zu garantieren. Doch bei festgezurrtem Ost-Tarif lockt das keinen. Ältere Ärzte verschenken ihre Praxen sogar, um die ihnen ans Herz gewachsenen Schäfchen ihrer Gemeinden weiter wohnortnah betreut zu wissen, doch keiner will sie haben. Wenn überhaupt, lassen sich idealistische Jung-Hippokraten in Ballungszentren nieder, wo es eine funktionierende Infrastruktur gibt, Kindergärten und Schulen.

Wirft man Stadt und Land in einen Topf, ergibt sich rein rechnerisch kein Ärztemangel. Genau mit diesem Trick argumentiert die Politik, um die Gesamtsituation schönzureden. Das Land Brandenburg hat sich zur Behandlung seines Mediziner-Mangelsyndroms etwas ganz Besonderes einfallen lassen: die Nachrekrutierung arbeitsloser oder längst anderweitig beschäftigter osteuropäischer Ärzte, die seinerzeit die deutsche Gleichwertigkeitsprüfung nicht geschafft haben. Nun sollen die russischen Hausmeister, polnischen Taxifahrer und rumänischen Küchengehilfinnen in einem zehnmonatigen, mit 150 000 Euro von der Europäischen Union und vom Land geförderten "Qualifizierungsprojekt" fachlich und sprachlich auf das Niveau ihrer in Deutschland ausgebildeten Kollegen nach- und hochgehievt werden.

Reanimation der Poliklinik

Die armen Alten auf dem Land sind am ärmsten dran, denn sie können nicht mal eben den Weg mit dem Auto in die Stadt antreten, in der der nächste Hausarzt weilt. Dort, wo der Hausärztemangel am größten ist, hat längst schon die Neuauflage der guten alten DDR-Gemeindeschwester Eingang in die ambulante Krankenversorgung gefunden; altruistische weiße Häubchen, die mit dem rekultivierten Simson-Moped über die Sachsen-anhaltinischen Grünflächen knattern, um den immobilen Älteren den Blutdruck zu messen und die Druckgeschwüre zu versalben. Ob der Griff zum menschlich adäquaten, aber fachlich niederkalorischen Arzt-Ersatz einem Exportweltmeisterland wie der Bundesrepublik gut steht und tut, ist mehr als fraglich.

In bestimmten Teilen der Politik freut man sich allerdings sogar über den Lauf der Dinge. Ulla Schmidt und ihr Parteifreund und Zahlenflüsterer Karl Lauterbach feiern längst die Reanimation der Poliklinik, denn die ultimativen Nachfolger dieser nach dem Mauerfall flugs abgeschafften DDR-Institution sind die seit 2004 keimenden "Medizinischen Versorgungszentren", kurz MVZs. 948 dieser Groß-Ärztehäuser existieren bereits bundesweit. Diese Versorgungszentren dürfen zentral geführt werden, kaufen im Umkreis frei werdende Kassenarztsitze auf und saugen so die Einzelpraxen aus der Peripherie weg. Auf die Sitze werden dann Ärzte für wenig Geld angestellt. Insgesamt 71,6 Prozent der in Versorgungszentren tätigen Mediziner sind nicht mehr selbständig. Denn der Arzt als Unternehmer produziert zu viel Kosten und lehnt sich zu oft auf. Wie zuletzt in Bayern, als sich um ein Haar eine Mehrheit der niedergelassenen Ärzte zur kollektiven Rückgabe der Kassenzulassung entschlossen hätte.

Ärzteflucht ins Ausland

Viele Medizinfrauen und -männer packen die Koffer. Insgesamt arbeiten bereits mehr als 19 000 deutsche Ärzte im Ausland. Dort warten eine bessere Bezahlung, höhere Wertschätzung und zufriedenere Patienten auf sie. Selbst in Großbritannien, wo die Qualität der Krankenversorgung durch eine reine Staatsmedizin deutlich schlechter ist als bei uns, sind die Patienten zufriedener. Ärzte genießen dort ein höheres Ansehen und werden deutlich besser bezahlt. Auch im Krankenhaussektor frisst der Ärztemangel hierzulande immer größere Löcher in die einst so hehren Hospitalmauern. Jede zweite Klinik in Ostdeutschland kann inzwischen keine offenen Stellen mehr besetzen, im Westen sind es im Mittel 24 Prozent. Der Stellenanzeigen-Teil des Deutschen Ärzteblatts, der auflagenstärksten Medizinerzeitung unseres Landes, ist inzwischen dreimal so dick wie der Rest.

Zurzeit richten die Klinikverwaltungen die Versorgung kranker Menschen fast ausschließlich an betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten aus. Geschäftsführer, Controller und Qualitätsmanager/innen in Schlips oder Kostüm rechnen für den Transport von Opa Schmitz von der Station im vierten Stock zur Röntgenabteilung im Erdgeschoss genau sieben Minuten aus. Prozessmanagement wie in der Autofabrik. Dass Opa Schmitz auf dem Weg zur Durchleuchtung mal auf die Pfanne müsste, interessiert auf der Teppichetage keinen.

Wie es anders ginge

Doch es geht auch anders, wie das Beispiel eines kleinen Krankenhauses in der niedersächsischen Provinz zeigt. Die Innere Abteilung des St.-Bernhard-Hospitals in Brake stand im Jahr 2004 vor dem Kollaps, als die Verwaltung den dort arbeitenden Ärzten die Möglichkeit einräumte, ihre Abteilung neu zu organisieren, und zwar im Kollegialsystem. Plötzlich vertrug man sich untereinander, und innerhalb von vier Wochen lagen 40 Bewerbungen auf dem Tisch. Die Assistenten, die nun nicht nach einem halben Jahr kündigen, sondern jahrelang bleiben, werden früh darin eingewiesen, interessante technische Untersuchungen vorzunehmen, die andernorts nur als heilige Kühe der althierarchisch sozialisierten Chef- und Oberärzte gehandelt werden.

Nichtärztliche bürokratische Aufgaben werden fast sämtlich an Hilfskräfte delegiert, und die Bezahlung der Ärzte wurde angehoben. Alleine diese Änderungen wirkten sich auch in ökonomischer Hinsicht günstig für das Krankenhaus aus. Eine Reduzierung der Liegezeit von neun auf sechs Tage bei einer um dreißig Prozent gestiegen Fallzahl bewirkte ein Plus im sechsstelligen Eurobereich, und der Arzneimittelverbrauch konnte um ein stattliches Drittel gesenkt werden. So etwas ist möglich, auch heute.

Noch mag man in den Zentralen von Asklepios, Helios und Sana saftige Renditen feiern oder sich im Willy-Brandt-Haus bei Rotkäppchen-Sekt auf die Staatsmedizin zuprosten: menschliche, finanzielle, institutionelle und mediale Wertschätzung des Arztberufs werden die einzigen Instrumente sein, die Ärzte in der deutschen Krankenversorgung halten zu können. Sonst wird Deutschland bald auch hinsichtlich seiner medizinalen "menschlichen Ressourcen" Exportweltmeister sein.

Michael Feld ist Facharzt für Allgemeinmedizin in Kerpen, Schlafmediziner und Publizist



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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