Von Martina Lenzen-Schulte
07. Februar 2007 Wer je bei einer Operation beobachten konnte, wie weiße Tupfer und sterile Tücher binnen Sekunden blutverfärbt in den unübersichtlichen Spalten und Zwischenräumen der Bauchhöhle verschwinden, den wundert es nicht, dass sie beim Zunähen übersehen werden. Umso wichtiger ist die Mitteilung Zählkontrolle stimmt, die so oder ähnlich täglich tausendfach den Chirurgen versichert, dass kein Instrument und kein Wattebausch zurückgeblieben ist.
Das Prinzip ist einfach: Die von der OP-Schwester angereichten Teile werden gezählt, und nach dem Eingriff müssen gleich viele wieder zurückgekommen sein. Bei einer Umfrage unter Pflegekräften gaben 64 Prozent an, schon erlebt zu haben, wie unbeabsichtigt ein Fremdkörper zurückblieb. Das fällt dann nur durch Unstimmigkeiten beim Nachzählen auf. Dennoch lehre die tägliche Erfahrung, dass man sich die Bedeutung dieser Kontrollmaßnahme nicht genügend bewusst mache, beklagt Joachim Jähne vom chirurgischen Zentrum am Diakoniekrankenhaus Henriettenstiftung in Hannover jetzt im Fachblatt Der Chirurg (Bd. 78, S. 5).
Eine von 1500 Operationen
Amerikanische Versicherungsgesellschaften schätzen, dass nach einer von 1500 Operationen Materialien und Instrumente zurückbleiben, viel mehr offenbar, als gemeinhin angenommen wird. Über diesen Albtraum jedes Chirurgen werde jedoch wenig in der Fachliteratur berichtet, und die Frage, warum es dazu komme, werde geradezu schmählich vernachlässigt, schreibt Klaus Schönleben vom Klinikum Ludwigshafen in derselben Ausgabe von Der Chirurg“ (S. 7). Am häufigsten, in rund 70 Prozent der Fälle, werden Tücher und Kompressen zurückgelassen. Obwohl man heute nur Materialien verwendet, die prinzipiell im Röntgenbild erkennbar sind, ist es dennoch schwer, sie zu entdecken. Das gilt insbesondere dann, wenn nach der Operation bereits einige Zeit vergangen ist. Die Berichte sind nicht selten tragisch. In einem Fall wurde erst nach der achten Operation ein 20 mal 10 Zentimeter großes Tuch gefunden, in einem anderen verursachte ein solches Teil, das 23 Jahre nach einer Brustoperation ins Gewebe durchbrach, den plötzlichen Erstickungstod des Betroffenen.
Eiterungen und Abszesse
Zu 30 Prozent werden metallene Instrumente, weit seltener auch Schläuche oder Gummizügel, vergessen. Metallgegenstände rufen rasch Eiterungen und Abszesse hervor, durchstoßen Organe oder brechen durch die Haut nach außen. Insbesondere kleine Nadeln sind auf Röntgenbildern nicht immer leicht zu sehen. Eine Umfrage ergab, dass es zwar meist im Operationsbericht vermerkt wird, wenn eine Nadel nicht mehr auffindbar ist. In 30 Prozent der Fälle unterbleibt aber der Vermerk.
Piepser im Bauch
Bei einem Drittel der Patienten enden die Operationen, in denen man später nach dem Fremdkörper sucht, tödlich. Insgesamt stirbt die Hälfte derjenigen, bei denen nach dem Eingriff nicht alles entfernt wurde, aufgrund von Komplikationen infolge der vergessenen Teile. Da auch die Zählkontrolle nicht vollkommen sicher funktioniert – die Fehlerquote liegt bei zwölf Prozent –, setzt man auf Ergänzung durch neue Techniken. Ähnlich wie Kaufhäuser ihre Artikel durch magnetisierte Etiketten vor Diebstahl schützen, soll die electronic article surveillance“ auch im Operationssaal helfen. Unmittelbar vor dem Wundverschluss könnte man dann förmlich hören, ob noch etwas im Bauch zurückgeblieben ist. Allerdings besteht derzeit offenbar die Schwierigkeit, die Materialien ausreichend zu sterilisieren.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Der Chirurg