Von Nicola von Lutterotti
01. September 2004 Patienten mit Herzinfarkt und anderen schweren Herzleiden müssen oft eine ganze Reihe von Medikamenten einnehmen. Die Basistherapie umfaßt dabei meist einen Betablocker, einen ACE-Hemmer und ein Thrombosemittel, in der Regel Acetylsalicylsäure (Aspirin). Viele Betroffene benötigen außerdem weitere Arzneien, darunter Cholesterinsenker, Hochdruckmittel, Medikamente zur Behandlung eines Diabetes und solche zur Stabilisierung des Herztakts. Wenig verwunderlich ist es daher, daß etliche Patienten die Tabletten nicht regelmäßig einnehmen. Häufig beruht die mangelnde Therapietreue auf Vergeßlichkeit, teilweise auch auf unerwünschten Nebenwirkungen der Medikamente. Viele Patienten vernachlässigen die Behandlung aber auch, weil diese viel zu kompliziert ist. Darauf hat Xavier Girerd vom Pariser Hopital La Pitie-Salpetriere jetzt auf der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie in München hingewiesen, dem mit rund 25000 Teilnehmern größten Medizinkongreß Europas.
Nicht immer ist der Patient schuld, wenn es mit der Therapie hapert. Denn viele Ärzte versäumen es, ihren Patienten die einschlägigen Herz-Kreislauf-Mittel zu verschreiben. Am Nutzen dieser Medikamente besteht indes kein Zweifel mehr, wie Peter Sleight vom John Radcliff Hospital in Oxford hervorhob. So führen diese zu einer deutlichen Verminderung der Sterblichkeit von Infarktkranken. Jede einzelne der Arzneien leiste hierzu einen wesentlichen Beitrag. Das gehe unter anderem aus einer Untersuchung hervor, die Kardiologen des Herzzentrums in Ludwigshafen vorgenommen haben.
Um die medikamentöse Behandlung herzkranker Patienten zu vereinfachen, haben englische Kardiologen vorgeschlagen, die wichtigsten Herz-Kreislauf-Mittel in einer einzigen Pille zusammenzufassen ("British Medical Journal", Bd.326, S.1419). Das Konzept der "Polypille" hat seither hohe Wellen geschlagen. Auch in München stieß dieses Thema auf großes Interesse, wie an den überfüllten Vortragssälen erkennbar war. Sleight bezeichnete die Polypille als sinnvolle Lösung, die nach wie vor mangelhafte Behandlung von Patienten mit Herz-Kreislauf-Leiden endlich zu verbessern. Sie komme nicht nur den Betroffenen selbst zugute, sondern erleichtere auch die Arbeit des Arztes.
Ein halbes Dutzend Wirkstoffe
Was die Zusammensetzung der Polypille angeht, besteht jedoch noch keine Einigkeit. Nicolas Wald und Malcol Law vom Wolfson-Institut für Präventive Medizin in London, die Urheber des neuen Konzepts, wollen gleich sechs Wirkstoffe in einer Tablette vereinen. Für ideal halten sie dabei drei unterschiedliche Hochdruckmittel, einen Cholesterinsenker aus der Gruppe der Statine, Acetylsalicylsäure und Folsäure. Dieses Vitamin wirkt Schlaganfällen entgegen, indem es den Gehalt der Aminosäure Homocystein im Blut senkt.
Aufgrund der Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Leiden plädieren die beiden englischen Kardiologen dafür, allen Personen vom 55. Lebensjahr an die Polypille zu verschreiben - und zwar unabhängig von der Höhe des jeweiligen Infarktrisikos. Als Argument für ihr radikales Vorgehen führen sie ins Feld, die Anzahl und Ausprägung der verschiedenen Risikofaktoren gebe im Einzelfall ohnehin keine verläßliche Auskunft darüber, mit welcher Wahrscheinlichkeit es zu einem Herzinfarkt oder einem Gehirnschlag kommt. Da zudem fast die Hälfte der Bevölkerung an solchen Attacken sterbe, benötige man dringend wirksame präventive Strategien. Glaubt man den Berechnungen der beiden Autoren, müßte die Anwendung der Polypille zu einem dramatischen Rückgang an Kreislaufleiden führen. Die Häufigkeit unerwünschter Nebenwirkungen schätzten die britischen Forscher auf acht bis fünfzehn Prozent, je nach Wahl der einzelnen Medikamente.
Wie Kritiker der Polypille andererseits bemängeln, erlaubt ein solches Konzept keine flexible Therapie, da die Konzentration der einzelnen Inhaltsstoffe vorgegeben und daher nicht veränderbar ist. Diesen Einwand wollte Sleight gleichwohl nicht gelten lassen. Alle Ärzte bestehen zwar auf ihrer Therapiefreiheit, so der britische Forscher, doch bemühen sich nur wenige von ihnen um eine individuelle Behandlung. Wie Sleight zugleich einräumte, könnte man den unterschiedlichen Bedürfnissen möglicherweise auch gerecht werden, indem man stärkere und schwächere Polypillen herstellt.
Gesunden Menschen Medikamente gegen Herz-Kreislauf-Leiden zu verschreiben, hält der schwedische Kardiologe Lars Ryden vom Karolinska-Institut in Stockholm demgegenüber für abwegig. Dies gilt nach seiner Überzeugung um so mehr, als die besagten Krankheiten größtenteils auf einen ungesunden Lebensstil zurückgehen und es daher auch andere Therapiemöglichkeiten gibt. Nicht auszuschließen sei ferner, daß die gleichzeitige Anwendung so vieler Medikamente mehr Nebenwirkungen hervorrufe als vermutet. Auch könnten sich die verschiedenen Arzneien gegenseitig behindern und daher an Wirksamkeit verlieren.
Technische Schwierigkeiten
Bislang ist die Polypille freilich noch Zukunftsmusik. Allerdings soll es bereits Bestrebungen geben, das Konzept in die Tat umzusetzen. Technisch gesehen stellt die Entwicklung einer Multimedikamentpille jedoch eine enorme Herausforderung dar. Insofern bleibt abzuwarten, inwieweit Wald und Law ihr ambitiöses Vorhaben verwirklichen können. Weniger ehrgeizige Projekte dieser Art sind indes schon auf einem fortgeschrittenen Entwicklungsstand. So haben amerikanische Wissenschaftler unlängst eine Kombinationspille erprobt, die sowohl einen Cholesterinsenker (Statin) als auch ein Hochdruckmittel (Kalzium-Antagonist) enthält - offenbar mit gutem Erfolg.
Daß es enorm wichtig ist, wirksame Strategien zur Prävention von Herz-Kreislauf-Leiden zu entwickeln, wird von niemandem mehr bezweifelt. So gehen mehr als 90 Prozent aller Herzinfarkte auf vermeidbare oder gut behandelbare Einflüsse zurück. Dies ist das Fazit einer großen internationalen Studie, an der sich weltweit 52 Länder beteiligt haben. Einbezogen wurden mehr als 30000 Männer und Frauen, die teilweise erstmals eine Herzattacke erlitten hatten. Wie der Leiter des Projekts, Salim Yusuf von der McMaster-Universität in Hamilton (Kanada), in München berichtete, konnte man die überwältigende Mehrheit aller Herzinfarkte auf neun Risikofaktoren zurückführen - und zwar unabhängig davon, aus welcher Region der Erde die Teilnehmer stammten oder welcher ethnischen Gruppe sie angehörten.
Am meisten ins Gewicht fielen eine ungünstige Konstellation der Blutfette und der Konsum von Tabak. Diese Risikofaktoren waren zusammen für rund zwei Drittel aller Herzanfälle verantwortlich. Als herzschädigend erwiesen sich ferner ein Diabetes, psychosozialer Stress, hoher Blutdruck, wenig körperliche Bewegung und ein geringer Verzehr an Obst und Gemüse. Bei jungen Menschen schlugen diese Risikofaktoren außerdem viel mehr zu Buche als bei älteren. Maßnahmen zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Leiden sollten sich daher besonders an diese Gruppe richten.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2004, Nr. 203
Bildmaterial: dpa