30. August 2006 Was die einen schon als das kleine Waterloo des erst vor zwei Jahre gegründeten deutschen Medikamenten-Tüv - des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) - betrachten, war für den betreffenden General, Institutsleiter Peter Sawicki, ein zwar ungewöhnliches, aber durchaus mit fast freundschaftlichem Ende verbundenes und eben deshalb keineswegs unglückliches Treffen.
Gemeint ist die Anhörung der Experten zur Bedeutung der Stammzell-Transplantation bei akuten Leukämien, die bis zum späten Dienstagnachmittag in Köln stattgefunden hat. Seit Wochen tobt um einen Vorbericht des Kölner Instituts ein heftiger Streit mit den Fachgesellschaften.
Diese fürchten, daß die Transplantation von Knochenmark für schwerkranke Blutkrebspatienten bald nicht mehr von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wird, sollte sich das Institut und am Ende auch der Gemeinsame Bundesausschuß als Auftraggeber und Letztinstanz der Prüfung mit der im Vorbericht geäußerten Kritik an der Transplantation durchsetzen.
Verschwörung der Fachgesellschaften
Auf der Anhörung nun sahen sich Sawicki und seine Mitarbeiter einer Front von mehr als vierzig medizinischen Kapazitäten - Hämatologen und Onkologen - gegenüber, die allesamt den Vorbericht als fehlerhaft, ja unwissenschaftlich und unannehmbar zurückwiesen. Ein abgekartetes Spiel, eine Kampagne gar nach Ansicht von Sawicki, die schon vorher von vielen polemischen Kommentaren geprägt war.
Eine Verschwörung der Fachgesellschaften, die nach Meinung Sawickis überflüssig gewesen wäre, wenn man vorher die für den Vorbericht nötigen Daten, die die Fachgesellschaften nun in der Anhörung versprochen haben, vorgelegt hätte.
Der fehlende Beweis für Überlegenheit
Ein Kommunikationsfiasko also bloß? Gerhard Ehninger, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie, sah das ganz anders und bekräftigte nach der Anhörung, was Sawicki gestern rundweg bestritt: Wir mußten den Vorbericht keineswegs zurücknehmen, wie jetzt verbreitet wird.
Tatsache ist, daß die Qualitätsprüfung durch das IQWIG komplett überarbeitet und ein zweiter Vorbericht mit möglicherweise wesentlichen Änderungen erstellt wird, wenn uns die Fachgesellschaften die vereinbarten Daten vorlegen. Leicht möglich also, daß das bisherige Fazit des Berichts und damit die Empfehlung an den Bundesausschuß, in der der fehlende Beweis für die Überlegenheit der Knochenmark-Transplantation gegenüber der Chemotherapie angesprochen wird, obsolet wird.
Als ein erstes Indiz dafür werten die Fachärzte die Reaktion eines der federführenden Mitautoren des Vorberichts, des Kölner Mediziners Andreas Engert. Dieser hat sich nach Darstellung Ehningers während der Anhörung von dem vom IQWIG formulierten Fazit distanziert, nach Lesart Sawickis aber bloß gegen die darin formulierte Anmahnung von zusätzlichen Studien gewendet.
Wir sind nie gefragt worden
Um wissenschaftliche Feinjustierungen jedenfalls geht es längst nicht mehr: Die Fachgesellschaften haben zugesagt, noch unveröffentlichte Daten aus den Stammzellregistern von einigen tausend Hochrisiko-Patienten vorzulegen, die entweder einen Knochenmarkspender gefunden haben und entsprechend transplantiert wurden oder eben keinen Spender fanden und chemotherapiert wurden.
Dieser Vergleich könnte tatsächlich zeigen, wie erfolgreich die Transplantation ist, räumte Sawicki ein. Außerdem hat das IQWIG auch zugestanden, indirekte Vergleiche von Daten zu berücksichtigen, die etwa in verschiedenen Ländern mit allerdings ähnlichen Patientenkohorten erhoben wurden.
Wir haben nie kontrollierte Studien der höchsten Evidenz gefordert, das war ein Mißverständnis, sagte Sawicki. Wir sind nie nach den Daten gefragt worden, kommentierte Ehninger den Vorwurf, diese Erkenntnisse zurückgehalten zu haben.
Ansturm der Kritiker
Konsequenzen hat der Neubeginn der Prüfung auch für einen weiteren Vorbericht des Instituts, und zwar den über Transplantationen beim seltenen Knochenmarkversagen, in dem das IQWIG kürzlich gleichfalls die Transplantation in Frage stellte.
Die Expertenanhörung dazu sollte am 19. September stattfinden. Der Termin ist jetzt nicht mehr haltbar, sagte Sawicki, denn auch dieses Papier soll überarbeitet werden. Der rhetorische Ansturm der Kritiker, das kündigte sich längst an, wäre wohl auch kaum moderater ausgefallen.
Text: F.A.Z.
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