Von Stephan Sahm
23. März 2006 Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 420.000 Menschen an Krebs. Der Anteil derjenigen Patienten, die an den Folgen der Erkrankung sterben, beläuft sich nach neusten Berechnungen des Robert-Koch-Instituts aber auf etwas weniger als die Hälfte. Diese Angaben belegen erstmals die Fortschritte der Krebsmedizin in großem Umfang. Doch angesichts der älter werdenden Bevölkerung wird nach Ansicht der Experten die Zahl der Krebserkrankungen zunehmen. Die guten und die schlechten Nachrichten halten sich also die Waage.
Von den vielen, die ein Krebsleiden trifft, leben immer mehr länger mit ihrer Krankheit. Auch daher wird der Bedarf an fach- und sachgerechter Versorgung steigen. Nach Ansicht von Werner Hohenberger, Krebschirurg aus Erlangen, ist das Gesundheitssystem darauf nicht eingestellt.
Wissenschaftler und Ärzte plädieren für eine nüchterne Analyse, was dies für die Krebsmedizin, die Kostenträger und für die Gesellschaft bedeutet. Das war der Tenor der Eröffnungsveranstaltung zum Deutschen Krebskongreß, der derzeit in Berlin stattfindet. Mehr als achttausend Ärzte und Grundlagenforscher nehmen an dem Treffen teil.
Vorurteile in der Öffentlichkeit
Es war keine schlechte Idee, in Gestalt von Jobst Plog, dem Intendanten des Norddeutschen Rundfunks, einen Medienmann als Redner einzuladen. Denn noch immer wird das Bild von Krebs in der Öffentlichkeit von Vorurteilen geprägt. Tumorleiden gelten als Krankheit zum Tode, was sie ja ausweislich der Statistik heute nur noch in der Hälfte der Fälle sind. Dagegen sterben in Filmen üblicherweise mehr als zwei Drittel der dargestellten Patienten.
Plog erinnerte an die Essayistin und Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, die im Dezember 2004 verstorbene New Yorkerin Susan Sontag. Sie litt selbst an Krebs, wußte mithin, worüber sie schrieb. Die Schriftstellerin hatte beklagt, daß wie einst die Tuberkulose heute Krebs oft als eine erbarmungslos geheime Invasion verstanden werde, der die Betroffenen ausgeliefert seien. Dieses Bild sei aber falsch, wie durch die Fortschritte bei der Krebsbehandlung belegt werde.
Die Betroffenen benötigen Unterstützung und professionelle Behandlung, keine Mystifizierung ihres Leidens. Plog hat deshalb eine Initiative der ARD angeregt. In der ersten Aprilwoche werden sich mehr als eintausend Sendungen in den Fernseh- und Hörfunkprogrammen mit dem Thema Krebs befassen.
Verleihung des Deutschen Krebspreises
Die Deutsche Krebsgesellschaft beteiligt sich an der Aktion. Das Anliegen ist ehrenwert. Daher ist man auch gerne bereit, Plog die Peinlichkeit nachzusehen, den anwesenden Wissenschaftlern am Ende seiner Ausführungen einen Werbetrailer der ARD vorgeführt zu haben.
Bei der Eröffnungsveranstaltung wurden herausragende Forschungsarbeiten deutscher Wissenschaftler mit dem Deutschen Krebspreis geehrt. Der Preis für klinische Forschung ging an den Gründer des Kinderkrebsregisters, Jörg Michaelis aus Mainz. Gerold Schuler aus Erlangen wurde für international beachtete experimentelle Arbeiten zur Behandlung bösartiger Hauttumoren mittels Vakzinierungsverfahren ausgezeichnet.
Den Preis für Grundlagenforschung teilen sich Thorsten Heinzel aus Jena und Martin Göttlicher aus Göttingen. Sie haben die Wirkungen eines als Antiepileptikum bekannten Medikamentes, der Valproinsäure, auf Tumorzellen untersucht. Die Substanz hemmt das Wachstum von Tumorzellen. In naher Zukunft könnten sich daraus neue Ansätze für eine wirksame Behandlung von Tumorleiden ergeben.
Text: F.A.Z., 24.03.2006, Nr. 71 / Seite 38
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