Von Sigrid Tinz
15. November 2004 Greta und schreien? "Nein", sagten ihre Eltern, da war die Kleine gerade mal fünf Tage alt. "Na gut, einmal schon. Direkt nach der Geburt." Wie Musik sei das aber gewesen, fand ihr Vater.
Daß ein Schrei das erste ist, was ein Neugeborenes von sich gibt, ist ganz normal. Je nachdem, wie leicht die Reise war und wie sanft der Empfang, bleibt es bei ein paar Quietschern. Oder es wird zu lautem Gebrüll. Bei Mama auf dem Bauch beruhigen sich die meisten Babys aber schnell, und nach den ersten Schlucken Milch schlafen sie erst mal ein. So wie Greta.
Helfen, damit es sofort aufhört
Schreien ist nun mal Babys einzige Möglichkeit, um mitzuteilen, daß etwas nicht stimmt. Anders als Handzeichen geben oder rot anlaufen funktioniert Schreien auch im Tumult, im Dunkeln und auf größere Distanz. Babygeschrei ist kaum leiser als ein Preßlufthammer und um einiges kreischiger, so daß nahezu jeder im Umkreis nur eines will: dem Kind helfen, damit es sofort aufhört. Dafür muß man allerdings wissen, warum es schreit. Je nach Erziehungsratgeber gibt es mehr oder weniger Gründe für das Gebrüll. Im Schnitt sind es eine gute Handvoll, nämlich: Hunger, zu warm oder zu kalt, volle Windel, Langeweile, Einsamkeit, Schmerzen. Heraushören, um was es geht, läßt sich anfangs leider nur schwer.
Greta zum Beispiel schrie dann sehr bald doch, und zwar, wenn sie gewickelt wurde - jedesmal. Zog es ihr am Po? Wollte sie lieber kuschelig auf dem Arm bleiben? Oder war es gleichzeitiger Hunger? Egal, für sie war alles eins. Wissenschaftlich ausgedrückt, waren ihre Schreie "primitive Reflexbewegungen auf einen unangenehmen Zustand". Und weil ihr kleines Gehirn noch nicht so weit entwickelt war, daß sie erkennen konnte, daß ihre Mutter schon dabei war, Abhilfe zu schaffen, hörte sie mit den primitiven Reflexbewegungen erst wieder auf, wenn der unangenehme Zustand vorüber war.
Die Ursache bestimmt den Klang des Schreiens
"Je älter das Kind, desto reifer ist das zentrale Nervensystem, und desto unterschiedlicher werden die Schreie", sagt die Ulmer Ärztin Anja Hirsch. Für ihre Doktorarbeit hat sie wochenlang Babys zwischen sechs und zwölf Monaten beobachtet, ihr Schreien aufgenommen, Stunde um Stunde Tonbänder abgehört, die Geräusche sortiert, um herauszufinden, ob man dem Klang bestimmte Ursachen zuordnen kann. Ergebnis: Man kann. Müdigkeitsgeschrei ist leise und monoton, Hungergeschrei laut und Schmerzgeschrei noch ein bißchen lauter. "Mit der Zeit schreit das Kind immer wortähnlicher", hat sie festgestellt. Es brabbelt, gurrt oder quengelt. Und: "Je älter das Kind, desto erfahrener die Eltern, und desto besser können die den Unterschied hören."
Frischgebackenen Eltern bleibt oft nur das Raten: Wie lange ist die letzte Mahlzeit her, hat es vielleicht Hunger? Oder ist es schon zwei Stunden wach und wahrscheinlich müde? Es ist satt und ausgeschlafen? Dann braucht es vielleicht Zuwendung. Und wenn es dann immer noch schreit? Und schreit und schreit und schreit wie die anfangs so ruhige Greta, als sie schließlich knapp vier Wochen alt war? Dann spricht vieles für den in Erziehungsratgebern meist als letzten aufgeführten Punkt: Schreien aus unerklärlichem Grund. Das geht an die Nerven. Weil jeden Abend das Essen kalt wird. Weil die Nachbarn fragen, ob das Kind krank sei, und die Eltern auf jedem Spaziergang von Möchtegern-Omas darauf hingewiesen werden, daß deren fünf Jungs nie so gebrüllt hätten. Nie.
Letzteres ist zwar möglich. Aber statistisch eher unwahrscheinlich. Fast alle Babys schreien nämlich nach einem festen Zeitplan: anfangs ein bißchen, bis zur sechsten Lebenswoche immer mehr, und dann wird es bis zum Ende des dritten Monats weniger und weniger. Am sogenannten Schreihöhepunkt wird ein bis zwei Stunden am Tag gebrüllt. Im Durchschnitt.
Schreibabys quengeln drei Stunden am Stück
Manche Babys schreien aber auch viel weniger. Und manche wiederum viel mehr. Das sind dann die sogenannten Schreibabys. Um wissenschaftlich korrekt in diese Kategorie einsortiert zu werden, müssen sie "mindestens drei Stunden am Stück quengeln oder schreien, an mindestens drei Tagen pro Woche, und das mindestens drei Wochen lang", sagt Joachim Bensel, Mitinhaber der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen. Seit mehr als zehn Jahren untersucht er das Babyschreien und hat für seine Studien an die 3000 Tagebuch-Protokolle von mehr als hundert Eltern ausgewertet. Je nach Untersuchungszeitpunkt, also entweder vor, nach oder genau am Höhepunkt, gelten zwischen zwei und 40 Prozent aller Säuglinge als Schreibabys.
Für die Familientherapeutin Consolata Thiel-Bonney, die an der Uniklinik in Heidelberg die Sprechstunde für Säuglinge und Kleinkinder leitet, ist diese Einstufung nicht so wichtig: "Entscheidend für uns ist, wie belastet sich die Eltern fühlen." Auch die Bezeichnung "Schreibaby" mag sie nicht. Sie spricht lieber von "frühkindlichen Regulationsstörungen auf Grund eines besonders unreifen Nervensystems". Denn das ist nach heutigen Erkenntnissen in den meisten Fällen die Ursache für das viele Schreien. Nur ein kleiner Teil der Kinder schreit tatsächlich aus organischen Gründen: wegen einer Allergie, wegen der traditionell vermuteten Dreimonatskoliken oder, momentan im Trend, wegen einer "kopfgelenk-induzierten Symmetriestörung" (KISS), hinter der sich möglicherweise ein blockierter Halswirbel verbirgt. Tröpfchen, Babybäuchleinsalbe oder Krankengymnastik helfen denn auch in den seltensten Fällen.
Bespielen ist weder nötig noch gut
Die Familientherapeutin empfiehlt statt dessen ganz einfach einen geregelten Tagesablauf. Das heißt: Das Kind alle ein bis zwei Stunden zu einem Schläfchen bewegen, spätestens wenn es den Kopf wegdreht oder gähnt. Ist es wach und aufmerksam, sollte man es nicht in den Laufstall sperren, sondern sich mit dem Kind beschäftigen. Dafür reichen Streicheln, An- und Ausziehen, Baden und andere Alltäglichkeiten des Familienlebens. "Bespielen" mit Rassel, Kinderliedern und Hampelmann ist weder nötig noch gut. Fängt das Kind an zu schreien: Es mit Füttern, Wickeln, Spielen probieren. Wird das Kind nicht ruhiger: ins Bett legen. Anschauen. Reden. Bauch streicheln. Das alles hübsch langsam und zwischendurch immer abwarten, ob das Kind aufhört zu schreien. Auf den Arm nehmen und wiegen sollte das Äußerste sein. Also nicht hektisch nach neuen Spielen suchen, wie wild auf dem Gymnastikball hopsen, in den Schlaf fönen und schon gar nicht das Körbchen vom Stubenwagen mit Expandern unter die Decke hängen.
Ruhe statt Reizüberflutung heißt die Devise - weil das Babygehirn noch lernen muß, jedes Erlebnis in die passenden Windungen zu sortieren und die richtige Reaktion darauf hervorzukramen. Für Schreibabys ist das um so wichtiger, denn sie sind empfindlicher, erschrecken schneller und reagieren heftiger, lassen sich auch viel schwerer wieder beruhigen. Statt wie andere Babys irgendwann einzuschlafen, wenn es ihnen zuviel wird, winden sie sich brüllend mit hochrotem Kopf, zugekniffenen Augen und geballten Fäusten in den Armen der Eltern. Und kommen so erst recht nicht zu ihrem bitter nötigen Nickerchen. Was das Problem noch verschärft, denn Schlafmangel hebt in keinem Lebensalter die Stimmung.
Fenster auf. Kind raus. Fenster zu. Ruhe!
In diesem Fall darauf zu hoffen, daß das Nervensystem schon reifen wird, ist leider keine Lösung. Drei Monate Schreierei sind lang und können sogar noch länger werden: Ein gutes Drittel der Betroffenen schreit auch noch nach dem ersten Vierteljahr. Manche Schreibabys entwickeln zusätzlich Regulationsstörungen beim Ein- oder Durchschlafen oder beim Essen, sie erleiden Wutanfälle oder Trennungsangst. Ein harmonisches Familienleben kann sich jedenfalls kaum entwickeln, wenn die Eltern das Kind nur schreiend erleben und das Kind seine Eltern nur mit angespanntem Gesicht kennt, Beruhigungsmantras murmelnd. Solche Eltern streiten sich häufiger, werden je nach Temperament schlimmstenfalls depressiv oder aggressiv.
"Fenster auf, Kind raus, Fenster zu. Ruhe" - das hat auch Gretas Mutter schon so manches Mal heimlich gedacht. Und war froh, als ihre Kinderärztin bei einer Vorsorgeuntersuchung in der fünften Lebenswoche fragte, wie es denn so sei mit den Nerven und der Lautstärke. Ihr Ratschlag: Tagebuch führen. Wann schläft die Kleine, wann quengelt oder schreit sie, wann ist sie wach, wann hat sie Körperkontakt? Ergebnis nach zwei Wochen: Greta erfüllte an keinem Tag die wissenschaftliche Definition eines Schreibabys, mehrmals aber die praktische: Die Eltern konnten einfach nicht mehr. Abends schrie sie besonders viel und lange, wenn ihr Vater zu spät aus dem Büro kam, wenn sie durch Besuch ("ach, nur mal gucken, wie süß") zu häufig aus dem Schlaf gerissen wurde; Schreiattacken gab es außerdem nach Arztterminen, ausgiebigem Stadtbummel oder Großeinkäufen.
Schreien kein Teil der Kinderarzt-Ausbildung
Nicht alle Kinderärzte nehmen so viel Anteil. Teil der Ausbildung ist das Thema Schreien nämlich noch nicht, sagt Gunhild Kilian-Kornell vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. Doch die meisten von ihnen erkennen zumindest die Anzeichen und können die geplagten Eltern an Beratungsstellen weiterleiten. Dort bekommt jede Familie ein persönliches Konzept verpaßt, das in Gesprächen und mit Videoaufzeichnungen erarbeitet wird. Alle bringen nämlich neben ihrem überempfindlichen Baby noch ein weiteres Problem mit, das vom Streß in der Schwangerschaft über eine eventuelle Frühgeburt oder einen Umzug bis zur leidigen Schwiegermutter reichen kann. Die typischen "Schrei-Eltern" aber gibt es nicht. Nach bisherigen Erkenntnissen sind es weder die überbesorgten studierten Enddreißiger noch die Alleinerziehenden ohne Ausbildung, die besonders häufig leiden.
Eines steht fest: Ohne Geräusch ist ein Baby nicht zu haben. Alle Kleinkinder schreien nun mal. "Und zwar in fast allen Kulturen der Erde im Durchschnitt gleich oft", sagt Joachim Bensel. Die Dauer unterscheide sich jedoch gewaltig, und das exzessive Schreien sei geradezu "eine Zivilisationskrankheit". Babys schreien um so weniger, je ursprünglicher sie betreut werden - wie in Teilen Afrikas, Asiens oder mittlerweile wieder in Skandinavien. Ursprünglich heißt beispielsweise: sofort auf jedes Schreien reagieren, engen Kontakt von Anfang an, Zeitpläne und Mindestabstände vergessen und nach Bedarf füttern.
Das haben Gretas Eltern so gut es geht umgesetzt. Greta bekam die Brust schon beim ersten suchenden Schmatzer und nicht nach den vorgeschriebenen vier Stunden, wurde auch nicht mit Schnuller oder Spieluhr vertröstet. Sie schlief bei ihren Eltern im Bett. Bei Spaziergängen war sie im Tragetuch dabei. Nach aufregenden Ereignissen achteten die Eltern am nächsten Tag besonders auf "Rhythmus". Und zur Not schob die nette Nachbarin zwei Stunden mit der Kleinen durch den Park. "Abgeben ist übrigens auch ein Aspekt der ursprünglichen Kinderbetreuung", sagt Joachim Bensel.
Manchmal ausheulen lassen
Trotz aller Erklärungen und Tips: Fast allen Eltern bleibt hin und wieder nichts anderes übrig, als das Kind sich ausheulen zu lassen. Aber wenn schon, dann nicht in einem separaten Raum, bis es erschöpft aufgibt. Weder stärkt das die Lungen, noch kann man ein Baby im Alter bis zu neun Monaten verwöhnen - es fehlen ihm schlicht die neurologischen Fähigkeiten für berechnendes Verhalten, genauso wie für das Erlernen von Zucht und Ordnung. Im Gegenteil: Studien zeigen, daß Babys, die besonders viel Nähe und Zuwendung bekommen, später weniger schreien und fordern. Weil sie gelernt haben, daß jemand kommt und hilft, wenn sie sich melden.
Also muß man das Schreien ernst nehmen, das Kind im Arm halten, reden und warten, bis es vorbei ist für dieses Mal. Bei Greta zu Hause war eines Tages - "im Rückblick würden wir sagen: schlagartig" - Ruhe. "Es sei denn, sie schafft etwas nicht, sich umzudrehen zum Beispiel. Oder sie ist müde oder hat sich weh getan." Musik ist das Ganze längst nicht mehr für ihren Vater. Er rechnet aber auch nicht mehr stündlich nach, daß es nur noch 17 Jahre, 279 Tage und ein paar Stunden sind, bis Klein Greta aus dem Elternhaus auszieht.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.11.2004, Nr. 46 / Seite 67
Bildmaterial: F.A.Z./Isabell Klett