Von Catherine Newmark, Potsdam
26. April 2007 Von der Vorstellung, dass Krebserkrankungen auch etwas mit Ernährung und Lebensgewohnheiten zu tun haben könnten, war man in den achtziger Jahren noch weit entfernt. Wie Elio Riboli, der Mitbegründer und Koordinator der European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (Epic-Studie) anlässlich ihres fünfzehnjährigen Bestehens am Mittwoch in Potsdam sagte, hatten Wissenschaftler damals nur chemische und physikalische Substanzen - wie etwa Asbest - als Karzinogene im Blick. Andererseits waren nicht für alle Krebsarten die chemischen Auslöser bekannt. Und es gab auffällige regionale Unterschiede: So waren Brustkrebserkrankungen in Westeuropa fast sechsmal so häufig wie im ländlichen Indien.
Zu der mittlerweile gut belegten Vermutung, dass Ernährung einen Einfluss auf die Krebsentwicklung hat, trug die Epic-Studie bei. Sie ist die größte Langzeitstudie der Welt über den Einfluss von Ernährung, Lebensgewohnheiten und körperlichen Merkmalen auf Krebs sowie weitere chronische Krankheiten wie Herz-Kreislaufkrankheiten oder Diabetes. Seit 1992 werden in zehn europäischen Ländern von Spanien und Griechenland bis Schweden und Norwegen Blutproben und Daten von mittlerweile 520.000 Studienteilnehmern gesammelt: zu Lebensweise, Ernährung, Gewicht, Körpergröße und anderen Merkmalen. Deutschland ist mit zwei Zentren dabei, dem Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg (DKFZ) und dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke (DIfE).
Frischobst ist gut, Fett nicht
Im Hinblick auf Krebs lässt sich also mittlerweile sagen: Frischobst ist gut, Fett nicht. Epic-Studien haben nachgewiesen, dass das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken, durch ballaststoffreiche Ernährung gesenkt wird, während es durch viel Fleisch und Wurst wächst. Auch Magenkrebs wird durch hohen Fleischkonsum wahrscheinlicher. Obst- und Gemüsekonsum hingegen senken das Risiko für Lungen- und Speiseröhrenkrebs. Hans-Georg Joost vom DIfE empfahl am Mittwoch, Rind- und Schweinefleisch nicht exzessiv zu essen. Zur Senkung des Dickdarmkrebsrisikos solle man täglich etwa 30 Gramm Ballaststoffe zu sich zu nehmen, also etwa vier Scheiben Vollkornbrot.
Auch die Risikosteigerung durch Übergewicht oder extremes Übergewicht (Adipositas) wird untersucht. Nicht allein Gewicht und Body-Mass-Index sind ausschlaggebend, so ein Ergebnis, sondern vor allem die Fettverteilung im Körper. Die Häufigkeit von Dickdarm-, Bauchspeicheldrüsen- und Gebärmutterkrebs steht im Zusammenhang mit Bauch- oder Taillenumfang.
Dieser wiederum lässt sich bei den meisten Männern, deren Übergewicht meist als Apfelform auftaucht, in direkten Zusammenhang mit dem Body-Mass-Index bringen. Bei den meisten Frauen hingegen, die zu Hüftspeck, also Birnenform neigen, hängt der Taillenumfang nicht direkt mit dem Ausmaß des Übergewichts zusammen: hier ist also nicht das Gewicht, sondern die Verteilung wichtig. Beim Bauchspeicheldrüsenkrebs etwa ergibt sich bereits pro zehn Zentimeter mehr Taillenumfang eine Risikoerhöhung von dreizehn Prozent. Frauen mit eine Taille über 88 Zentimeter haben ein um 76 Prozent höheres Gebärmutterkrebsrisiko als andere.
Diabetes-Risiko-Score im Internet
Bei der Epic-Studie werden Wahrscheinlichkeiten errechnet, nicht Kausalzusammenhänge nachgewiesen. Auf der einen Seite stehen vermutete Risiko-Faktoren, auf der anderen Seite die statistische Anzahl der Erkrankungen. In der Mitte ist eine Blackbox. Wie zum Beispiel das Bauchfett die Krebsentwicklung begünstigt, ist noch nicht geklärt. Die Untersuchungen haben auch Faktoren ausfindig gemacht, die nicht direkt über die gesunde Lebensweise beeinflusst werden können: So steigt auch bei zunehmender Körpergröße das Risiko für Dickdarmkrebs.
Das Risiko für Brustkrebs hängt unter anderem mit der ersten Menstruation zusammen: Je früher eine Frau ihre Menarche hat, desto höher das Brustkrebsrisiko. Nicht immer hat gesunde Ernährung einen Einfluss auf die Krebswahrscheinlichkeit: Die Epic-Studie zeigt, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Konsum von frischem Obst und Gemüse und dem Brustkrebsrisiko gibt. Andererseits hat die Studie keinen einzigen Fall gefunden, in dem der Verzehr von Obst, Gemüse und Ballaststoffen das Krebsrisiko erhöht.
Bei einer anderen chronischen Erkrankung, der Typ-2-Diabetes (Diabetes mellitus), lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass viel frisches Obst und Vollkornbrot das Risiko senkt, ein hoher Verzehr von Softdrinks, Bier, Fleisch und Weißbrot hingegen das Risiko steigert. Die Wissenschaftler am DIfE haben einen Diabetes-Risiko-Score entwickelt (www.dife.de), mit dem man sein eigenes Diabetes-Risiko ermitteln kann. Das ist dann natürlich nur ein statistischer Wert, aber immerhin. Der Gesundheit wird es nicht schaden, sich daran zu orientieren.
Text: F.A.Z., 26.04.2007, Nr. 97 / Seite 9
Bildmaterial: AP
Lohnspreizung: Wer gewinnt den ![]()
Kommentar: Mehdorns ganz spezielle Preise
Abermals Bankenpleite in den Vereinigten Staaten: Integrity Bank in Georgia geschlossen
Borussia Mönchengladbach: Aufgestiegen - und doch nicht angekommen
Im Porträt: Die georgische Außenministerin Eka Tkeschelaschwili