Krebstherapie

Mit schweren Waffen gegen Brusttumore

Von Hildegard Kaulen

06. Dezember 2005 Die Experten sind sich bisher uneins darüber, ob Frauen mit weit fortgeschrittenem Brustkrebs oder Hochrisikobrustkrebs mit hohen Dosen an Zellgiften behandelt werden sollen. Die Therapie ist teuer, wegen der Giftigkeit der Substanzen nicht ohne Risiko und auf eine aufwendige Begleittherapie angewiesen. Außerdem ist sie in der Vergangenheit durch einen spektakulären Betrugsfall erheblich diskreditiert worden. An einer Universität in Südafrika waren Mitte der neunziger Jahre Studiendaten zum Wert der Hochdosis-Chemotherapie bei weit fortgeschrittenem Brustkrebs frei erfunden worden.

Inzwischen, zehn Jahre später, ist die Hochdosistherapie durch eine bundesweit mit über 400 Patientinnen durchgeführte klinische Studie neu untersucht worden. Mit bemerkenswerten Ergebnissen, wie Ulrike Nitz vom Brustzentrum des Universitätsklinikums Düsseldorf und ihre Kollegen in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift "The Lancet" berichten (Bd. 366, S. 1935). In der Studie, zu der nur Frauen mit mehr als neun vom Krebs befallenen Lymphknoten zugelassen worden waren, zeigte sich ein deutlicher Überlebensvorteil durch die Hochdosis-Chemotherapie mit Epirubicin, Cyclophosphamid und Thiotepa im Vergleich zu einer Standardtherapie. Auch die Zeit bis zum nächsten Rückfall konnte stark verlängert werden.

Stammzellen mobilisieren

Anders als frühere Publikationen zeigt die Studie damit einen erheblichen Überlebensvorteil. Ulrike Nitz nennt drei Bedingungen für den Erfolg: Der gesamte Ablauf der Chemotherapie wurde beschleunigt, um dem Tumor keine Atempause zu geben. Statt eines Zyklus mit einer extrem hohen Dosis wurden zwei Zyklen mit moderat erhöhten Dosen verabreicht, was die Therapie weitaus verträglicher machte. Die Hochdosistherapie zudem wurde durch unterstützende Maßnahmen ergänzt. Die Wichtigste war, die durch die Zellgifte beschädigten Blutstammzellen nach der Hochdosistherapie durch zuvor sichergestellte Stammzellen des Patienten zu ersetzen. Vor ihrer Entnahme war allerdings eine Eingangschemotherapie nötig, um die Stammzellen zu mobilisieren und die Verunreinigung mit Krebszellen gering zu halten. Die Patienten erhielten zudem während der gesamten Behandlung einen Wirkstoff, der die Blutbildung anregt.

Wettbewerb der Zellgifte

Trotz dieser hervorragenden Ergebnisse müssen sich Nitz und ihre Kollegen Fragen gefallen lassen. Zum Beispiel die, wie gut die Hochdosistherapie mit Epirubicin, Cyclophosphamid und Thiotepa im Vergleich zu der heute üblichen taxanbasierten Chemotherapie ist. Die Taxane waren bei der Konzeption der von Nitz geleiteten Studie noch nicht zugelassen, gelten heute aber als Therapiestandard. Für Nitz ist die Antwort klar. "Eine nachträgliche Analyse der Studien mit den Taxanen zeigt, daß für diese Gruppe keine überzeugenden Ergebnisse vorliegen. Bis zur Entwicklung einer besseren Therapie sollte bei den Patientinnen eine Hochdosistherapie nach dem beschriebenen Muster in Betracht gezogen werden." Allerdings gilt das nur für die schwerkranken Frauen mit Brustkrebs, für die es nur noch wenige andere Therapien gibt.



Text: F.A.Z., 07.12.2005, Nr. 285 / Seite N2
Bildmaterial: dpa

 
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