Medizin

Eine Kappe für den Aidserreger

Von Barbara Hobom

21. August 2003 Eine der großen Schwierigkeiten bei der Behandlung von Infektionen mit dem Immunschwächevirus HIV besteht im Auftauchen von Erregern, die den gängigen Medikamenten widerstehen. Fast jeder fünfte Patient, bei dem eine HIV-Infektion frisch diagnostiziert wird, ist mit Viren befallen, die gegen mindestens eines der im Arznei-Cocktail enthaltenen Medikamente bereits resistent sind. Um so wichtiger ist es, nach immer neuen Arzneimittelklassen zu fahnden, um mit den Viren Schritt zu halten. Amerikanische Forscher haben nun ein Medikament entwickelt, mit dem man erstmals die früheste Phase der Infektion, den Kontakt zwischen dem Erreger und seiner Wirtszelle, verhindern kann. Das könnte der Therapie HIV-Infizierter völlig neue Möglichkeiten eröffnen.

Die meisten bisherigen Medikamente blockieren die Vermehrung des Aidserregers in einer bereits befallenen Zelle. Erst vor kurzem ist erstmals ein HIV-Medikament zugelassen worden, das die Infektion an einer grundsätzlich anderen Stelle blockiert. Der Fusionsinhibitor Enfurvitid verhindert das Verschmelzen der Virushülle mit einer Zellmembran, so daß der Erreger sein Erbmaterial nicht in eine Wirtszelle einschleusen und sich damit in ihr auch nicht vermehren kann.

Forscher um Pin-Fang Lin von der Firma Bristol-Myers-Squibb in Wellingford/Connecticut haben nun ein kleines Molekül gefunden, das das allererste Andocken des Aidserregers an seine Wirtszelle unterbindet. Wie die Virologen in der Online-Ausgabe der "Proceedings" der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften berichten, bindet der Stoff an die als gp120 bezeichnete Oberflächenstruktur des HIV. Dadurch verschwindet diese perlenartige Kontaktstruktur gleichsam unter einer Kappe. Das Virus hat nun keine Möglichkeit mehr, sich an die CD4 genannte Zielstruktur auf der Oberfläche einer Wirtszelle zu heften. Der niedermolekulare Stoff mit der Chiffre BMS-378806 vermag die Kontaktstrukturen des Aidserregers offenbar gründlich abzudecken, denn er blockierte die Infektion mit HIV im Reagenzglas und im Tierversuch überaus effektiv.

Andere Forscher hatten schon vor einiger Zeit ebenfalls versucht, den Befall von Zellen mit HIV an der frühestmöglichen Stufe einer Infektion zu verhindern. Sie verwendeten lösliche CD4-Strukturen, die bisweilen noch mit einem Antikörper verkoppelt waren. Mit diesen Konstrukten ließ sich der Erreger im Blut abfangen, bevor er eine Zelle infizierte. Der jetzt vorgestellte Kontaktblockierer hat jedoch den Vorteil, daß er nicht injiziert werden muß, sondern eingenommen werden kann. Dies dürfte die Therapie erheblich erleichtern. In Versuchen mit Ratten, Hunden und Affen hat sich gezeigt, daß der gp120-Inhibitor zudem gut verträglich ist und in vergleichsweise niedriger Dosis die Ausbreitung von HIV im Körper verhindert. Er wirkt gegen praktisch alle Stämme von HIV-1, nicht aber gegen HIV-2.

Allerdings droht auch dem neuen Kontaktblockierer jenes Schicksal, das den bisherigen Mitteln widerfahren ist. Aus Laborversuchen ist zu schließen, daß die Resistenzentwicklung etwa in dem gleichen Tempo erfolgen wird wie bei den Reverse-Transkriptase-Inhibitoren und den Protease-Hemmern. Optimistisch stimmt die Virologen indessen, daß der neue Kontaktblockierer uneingeschränkt auch gegen solche HIV-Stämme wirkt, die gegen die gängigen Medikamente bereits resistent geworden sind. Das ermutigt sie, weiter nach Stoffen zu suchen, die den Aidserreger an einer immer wieder anderen wunden Stelle treffen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2003, Nr. 194 / Seite 32

 
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