Schweinegrippevirus

Einfach abwarten hilft leider auch nicht

Von Volker Stollorz

Der Schweinegrippevirus A/CA/4/09, aufgenommen von der amerikanischen Seuchenkontrollbehörde CDC

Der Schweinegrippevirus A/CA/4/09, aufgenommen von der amerikanischen Seuchenkontrollbehörde CDC

30. Juni 2009 Die Domstadt hat die Seuche im Griff. Stolz führt Jan Leidel Besucher in den Raum, wo der Pandemie-Krisenstab im Kölner Gesundheitsamt tagt. Direkt neben seinem Chefzimmer sind acht Stühle mit dazugehörigen Computern im Achteck angeordnet. Heute aber sitzt dort nur ein Beamter, der auf seinen Feierabend wartet. "Die H1N1-Fälle tröpfeln hier eher, als dass sie strömen", beschreibt Amtsleiter Leidel die Lage. Den Ernstfall der Pandemie habe auch er sich anders vorgestellt. Bisher nur milde Verläufe, keine Krankenhauseinweisungen in Köln. Sofort klopft der Arzt auf Holz, als wolle er böse Gedanken vertreiben.

Es geht darum, erstmals in der Geschichte einen Seuchenzug bereits kurz nach seinem Start zu bremsen - bei H1N1, dem jetzt weltweit kursierenden Schweinegrippevirus, könnte das gelingen. Zu den mächtigsten Waffen zählt dabei die Option zum Kauf von Impfstoffen zum Schutz für die gesamte Bevölkerung. So sieht es der Pandemie-Plan vor.

Der deutsche Plan ist gut, wird aber derzeit zur Makulatur. Denn die erste Pandemie im 21. Jahrhundert verläuft milde bis moderat und stellt aktuell "keine relevante Gefährdung der deutschen Bevölkerung dar". Das zumindest verkündeten die Gesundheitsminister der Länder auf ihrer Konferenz vergangene Woche in Erfurt. Auch die Bundesbürger selbst fühlen sich kaum noch bedroht - von einem in Wahrheit unberechenbaren Erreger, den man vor drei Monaten gerade erst entdeckte. Aber ihre Politiker gehen noch weiter: Allein ein "konkretes Gefahrenpotential" durch hohe Ansteckungsraten und schwere Krankheitsverläufe sollte künftig den WHO-Alarm im Falle einer Pandemie auslösen. Die Behörde müsse ihr Warnsystem entsprechend reformieren, forderten jetzt die deutschen Minister.

Keine akute Gefahr, also kein Impfstoff-Automatismus

Dahinter versteckt sich eine Botschaft: Einen Impfstoff für alle Bundesbürger gegen H1N1 wird es im Herbst nicht geben. "Nur für einen ganz aggressiven Verlauf einer Pandemie brauchten wir eine Schutzimpfung für alle Bundesbürger", erklärte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Die Bundesländer, aber auch die europäischen Politiker müssten nun Einigkeit auf dem Weg zu einer klugen Impfstrategie demonstrieren. Sonst drohten sie "zum Spielball der pharmazeutischen Industrie" zu werden.

Hinter den Kulissen wurde offenbar schon deren Macht demonstriert nach dem Motto: Wenn Deutschland die vertraglich zugesicherten Orders nicht zügig in konkrete Bestellungen für Pandemie-Impfstoff verwandele, erhielten andere kaufwillige Staaten den Zuschlag für den begehrten und knappen H1N1-Impfstoff. Nach den Beratungen in Erfurt zeigte sich die Thüringer Gesundheitsministerin und Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz gelassener: Die Bundesländer, versichert Christine Lieberknecht, müssten "keinesfalls einen von der Gefährdungslage losgelösten Automatismus akzeptieren".

Deutsche Politiker sehen die Bevölkerung nicht in akuter Gefahr. Vor allem die Bundesländer scheuen zudem die Kosten eines Fehlalarms - das ist der Kern des Impfpokers. Rund 1,6 Milliarden Euro wären zu bezahlen, würden die Bundesländer jetzt vorsorglich für alle Bürger die im Herbst verfügbaren Pandemie-Impfstoffe ordern. Weitere 500 Millionen kostet dann noch die Impfaktion. Sicherlich stünden die Menschen vor den Gesundheitsämtern freiwillig Schlange, wenn sich erst Todesfälle häufen. Was aber, wenn das Pandemie-Virus auch im Winter wie eine normale Grippewelle daherkommt? Niemand könne Interesse an der Beschaffung von Impfstoff haben, "den am Ende niemand braucht", warnt Ministerin Lieberknecht. Es sei nicht Aufgabe des Staates, Arzneimittel gegen Infektionserreger zur Verfügung zu stellen. Eine solche Maßnahme käme nur dann in Betracht, wenn eine allgemein die Bevölkerung oder die öffentliche Ordnung bedrohende konkrete Infektion nicht anders abgewehrt werden könne.

Prognosen schwierig

Das Dilemma: H1N1 kann auf seiner Weltreise zum Killer mutieren oder harmlos bleiben. Kein Forscher wagt ernsthaft vorauszusagen, wie wahrscheinlich es ist, dass der globale Ernstfall bevorsteht. Dabei würde die Politik jetzt zu gerne Antworten bekommen: Wird sich die Menschheit und damit auch Deutschland im Herbst in einer Notlage befinden? Ist es also sinnvoll, Pandemie-Impfstoffe auf Vorrat zu kaufen? Und für welche Gruppen der Bevölkerung müsste diese Impfung zwingend empfohlen werden? Alles wichtige Fragen, sicherlich, zum Risiko - und gleichzeitig eine Abwägung der Kosten: je kleiner diese Gruppe, desto günstiger ein frühzeitiger Einkauf.

Die Kristallkugel will trotzdem niemand befragen, daher richten sich nun alle Augen auf das nächste Treffen der WHO-Experten. Ihr H1N1-Ad-hoc-Team soll am 7. Juli entscheiden, wie die Weltgesundheitsorganisation nun die Lage einschätzt. Denn auch in Genf steht man unter Zeitdruck: Wenn die WHO trotz des bisher "moderaten Pandemie-Verlaufs" allen Herstellern empfiehlt, im Juli mit der Massenproduktion eines Pandemie-Impfstoffes gegen H1N1 zu beginnen, hätte das juristische Konsequenzen, aber auch rein praktische.

Die großen Hersteller von Grippe-Impfstoffen wie Sanofi-Pasteur, Novartis und Glaxo-Smith-Kline stehen in den Startlöchern. Die letzten Spritzen des saisonalen Grippe-Impfstoffes für die winterliche Nordhalbkugel laufen derzeit vom Band, während schon H1N1-Impfstoff-Kontingente an jene Länder verkauft werden, die auf Nummer Sicher gehen wollen. Die Firma Novartis hat nach eigenen Angaben Anfragen aus 30 Ländern, mit den Niederlanden und den Vereinigten Staaten seien bereits Kaufverträge unterzeichnet. "Wir haben mit der Produktion begonnen", erklärt Firmensprecher Eric Althoff. Weil die Seuche seltsam verläuft, ringen auch die Hersteller untereinander um abgestimmte Positionen. "Wir warten auf die Empfehlung der WHO", sagt Luc von Hessel. Der Vorsitzende einer Pandemie-Task-Force im Europäischen Verband der Impfstoffhersteller kennt sich aus im Geschäft und sagt ehrlich, im Grunde wisse niemand, was die richtige Entscheidung in dieser historisch einmaligen Situation sei. Aber wenn sich die Welt "alle Optionen" für diesen Winter offenhalten wolle, müsse im kommenden Monat entschieden werden, ob sich die Staatengemeinschaft mit Impfstoffen gegen H1N1 wappnen will.

In Genf fallen demnächst die weiteren Entscheidungen

"Wir stehen vor einer echten Gratwanderung", pflichtet Johannes Löwer bei. Der Präsident der deutschen Zulassungsbehörde für Impfstoffe ist derzeit dabei, die nächsten Schritte vorzubereiten - und sie bald vielleicht auch zu gehen. Das Paul-Ehrlich-Institut muss sich sputen, die teilweise recht vollmundigen Versprechungen der Hersteller zu überprüfen. Die Wahrheit über Nutzen und Risiken einer Impfung stecke allein in den Zulassungsunterlagen und "nirgendwo sonst", schmunzelt Löwer über manche Pressemitteilung, die derzeit lanciert wird.

Doch nicht nur die nötige Eile macht den bedächtigen Beamten derzeit zum gefragten Ansprechpartner für Industrie und Politik. Löwer gehört als einziger Deutscher jenem WHO-Gremium an, das am 7. Juli in Genf tagen wird, um der Welt den weiteren Weg in der Pandemie zu weisen. Nach den ersten tödlichen Infektionen durch die Vogelgrippe habe man sich das globale Seuchengeschehen wie eine "einzige Explosion" vorgestellt. Das sei beim pandemischen Virus H1N1 nun nicht der Fall. "Zum Glück", sagt Löwer.

Soll die WHO die Hersteller der Welt nun trotzdem auffordern, mit der Massenproduktion von Impfstoffen zu beginnen? Ob H1N1 vermehrt schwerere Krankheitsverläufe auslösen werde, dafür könne "die Wissenschaft keine Garantie abgeben", sagt Löwer. Die anstehende Entscheidung in Genf dominiert seine Gedanken, aber als Chef des Paul-Ehrlich-Instituts plagt ihn noch ein anderes, bisher kaum öffentlich diskutiertes Dilemma: "Wenn wir die gesamte Bevölkerung impfen, kann man alle möglichen Nebenwirkungen erwarten." Nicht weil die Impfungen besonders riskant seien, sondern weil Menschen zufällig - im zeitlichen Zusammenhang - nach einer Impfung erkranken und ihr Leiden dann auf die Impfspritze zurückführen würden. Die Abwägung zwischen Nutzen und Risiken eines Pandemie-Impfstoffes ist ohnehin diffizil, sie dürfte umso schwerer fallen, je milder der Seuchenzug von H1N1 verläuft.

Nicht nur in Genf stehen Entscheidungen an. Auf Wunsch der Gesundheitsminister muss die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut kommende Woche medizinisch indizierte Empfehlungen für die Impfung definieren. "Ich denke schon, dass wir vom Pandemie-Plan abweichen müssen", sagt Stiko-Mitglied Jan Leidel. Die Schwierigkeit dabei: wie begründen, wer einen Impfstoff wirklich braucht? Die Wissenschaft kann nicht sicher vorhersehen, für welche Bevölkerungsgruppen H1N1 im Herbst wirklich gefährlich wird. Jede Einschränkung könne sich derzeit bloß auf "Plausibilitäten gründen". Empfiehlt der Beamte also doch, im Zweifel Impfstoff für alle einzukaufen? Leidel denkt sehr lange nach und antwortet dann als Arzt, nicht als Leiter einer Gesundheitsbehörde: "Letztlich zählt für mich ein finanzieller Verlust weniger als ein Verlust an Menschenleben."

Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa

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