Von Martina Lenzen-Schulte
15. Juli 2008 Wenn von Neuro-Enhancement oder weniger neutral von Gehirndoping die Rede ist, hat man meist Schüler und Studenten als hauptsächliche Konsumenten im Blick. Sie wollen sich mit den leistungssteigernden Präparaten wach halten, ihre Aufmerksamkeit erhöhen und ihre Konzentrationsfähigkeit steigern. Die pharmakologische Unterstützung soll vor allem helfen, riesige Mengen an Lernstoff zu bewältigen, von denen man sich normalerweise überfordert fühlt. Eine weitere Klientel ist das Militär. Hier geht es um die Frage, ob sich der Moment der Müdigkeit und Erschöpfung etwa bei Sondereinsatzkommandos hinauszögern lässt.
Die Mediziner galten bislang als jene, die derartige Präparate ausschließlich verschreiben. Dass sie selbst den Vorteil des Gehirndopings nutzen könnten, wurde bislang noch nicht kritisch debattiert. Das soll sich bald ändern, wenn es nach Oliver J. Warren vom Imperial College in London geht. Der Chirurg rief soeben in einem programmatischen Artikel in der Zeitschrift "Journal of Surgical Research" (doi:10.1016/j.jss.2007.12.761) seine Zunft dazu auf, über alle Facetten des Gehirndopings unvoreingenommen und kritisch nachzudenken.
Pharmaka für Leistungssteigerungen
Das, was die einschlägigen Pharmaka zu bieten haben, könnte nämlich auch dem Arzt zugute kommen - zumindest auf den ersten Blick. Der Wirkstoff Methylphenidat zum Beispiel, der zur Behandlung von hyperaktiven, ruhelosen Kindern verwendet wird, erhöht auch bei manchem Gesunden die Konzentrationsfähigkeit und ist zumindest an amerikanischen Schulen und Universitäten eine begehrte Lerndroge. Es verbessert zudem Gedächtnisleistungen für räumliche Aufgaben. Die Amphetamine, von denen das Methylphenidat abstammt, erleichtern das Erlernen von Bewegungen offenbar derart, dass sie bereits zur Behandlung von motorischen Defiziten nach einem Schlaganfall erprobt werden. Amphetamine sind längst nicht nur als Wachmacher- und Durchhaltehilfen bekannt. Ihr Potential, motorische Fähigkeiten zu verbessern, könnte sie auch für Chirurgen interessant machen.
Ähnliches gilt auch für die Substanz Donepezil, die die längste Zeit nur ein Medikament für Alzheimerpatienten gewesen ist. Es verbessert bei Piloten sowohl die kognitiven als auch die motorischen Fähigkeiten etwa bei komplizierten Flugmanövern oder in besonders kritischen Situationen. Schließlich gehört noch der Wirkstoff Modafinil in diese Riege. Dieser hat ebenfalls eine Karriere vom Medikament - gegen Schlafattacken bei der sogenannten Narkolepsie - zum Wachhalter für Piloten und Schichtarbeiter hinter sich. Ein wesentlicher Vorteil der Substanz liegt angeblich auch darin, dass der Nutzer dann schlafen kann, wenn er unerwartet Zeit dazu findet.
Umstrittene Substanzen
Noch ließe sich nicht beziffern, schreibt Warren, wie viele Chirurgen sich genötigt sähen, ihr natürliches Leistungsvermögen mit diesen Substanzen zu steigern. Dass das offenbar auch für Deutschland gilt, bestätigt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Hartwig Bauer. Man wolle den Vorstoß der Kollegen aus England zum Anlass nehmen, sich mit dem Thema künftig auch hierzulande zu befassen, denn die Leistungsanforderungen seien hoch, nicht nur wegen der Stressspitzen beim Operieren.
Die eher anekdotenhaften Berichte darüber, dass Kollegen in den Vereinigten Staaten oder England mitunter bereit seien, mit Hilfe von Wachmachern ein ganzes Wochenende lang zu operieren, taugten sicher nicht dazu, bereits auf eine größere Akzeptanz der umstrittenen Substanzen zu schließen. Es wurde bereits an der University in Loma Linda (Kalifornien) untersucht, wie leistungsfähig Notärzte nach der Einnahme von Modafinil im Vergleich zu ihren natürlich müden Kollegen nach ihrer Nachtschicht waren. Ärztevertretungen wie der Marburger Bund dürften hellhörig werden, wenn derartige Studien ihre jahrelangen Bemühungen zu unterlaufen drohen, vernünftige Dienstzeiten einzufordern.
Nebenwirkungen oft unklar
Wenngleich die Arbeitsbelastung ein Bedürfnis nach leistungssteigernden Mitteln schaffen könnte, so vermutet Warren doch, dass viele Chirurgen aufgrund ihrer Arbeitshaltung eher Abstand zu derartigen Präparaten halten. Wenn man am Operationstisch stehe, falle alle Müdigkeit ohnehin von einem ab, lautet eines dieser Klischees. Auch die Vorstellung, dass Anstrengung die Voraussetzung für das eigene Können sei, schürt Skepsis gegenüber Gehirndoping. Schließlich ist bei vielen Substanzen unklar, welche Nebenwirkungen man sich damit auf lange Sicht erkauft, selbst wenn Kranke von dem Mittel profitierten. "Der Griff nach einer Pille zur Steigerung der Konzentrations- und Gedächtnisleistung ist sicher verlockend", meint Bauer und prophezeit, dass die Bereitschaft zum Gehirndoping wachsen wird, je leichter die Medikamente anzuwenden seien und je weniger Nebenwirkungen sie hätten.
Hier kann aber noch keine Entwarnung gegeben werden. Erste Meldungen, dass Modafinil nicht nur bei Kranken, sondern auch bei Gesunden Halluzinationen hervorgerufen habe, sind zwar noch Einzelfallberichte. Tierversuche an Ratten zeigen aber, dass die Substanz im Gehirn einschlägige Nervenzentren wie den Nucleus accumbens zu beeinflussen vermag. Untersuchungen an Mäusen haben ergeben, dass die künstlich erzielte Verbesserung der Gedächtnisleistungen mit einer Erhöhung des Schmerzempfindens einherging. Als Nebenwirkung von Modafinil wurden in den Tests mit Piloten nicht zuletzt Übelkeit, Schwindel und Zittrigkeit beschrieben. Das können sich Chirurgen so wenig leisten, dass nicht wenige sogar völlig auf Kaffee und Tee verzichten, insbesondere dann, wenn sie etwa als Augen- oder Neurochirurgen millimetergenau schneiden müssen.
Erfahrungen mit dem Einsatz beim Militär
Gefürchtet wird zudem, dass die Leistungssteigerung und der Aufschub von Müdigkeit und Erschöpfung mit einer Beeinträchtigung des Urteilsvermögens erkauft werden. Derartige Erfahrungen musste man bereits im Zweiten Weltkrieg machen, als der Amphetaminabkömmling "Pervitin" für mitunter groteske Fehlentscheidungen von Militärs verantwortlich gemacht wurde. Bevor also Krankenhausmanager und Patienten den Einsatz leistungssteigernder Substanzen von Ärzten fordern - ein Szenario, das amerikanische Neurologen bereits als Befürchtung entworfen haben -, wünscht man sich tatsächlich jene kritische Debatte, die die englischen Chirurgen jetzt angeregt haben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb