Unerwünschte Nebenwirkungen

Die Feinde der Herzen

Von Martina Lenzen-Schulte

30. April 2007 Bei der Behandlung der Parkinsonschen Erkrankung zählen die Dopaminagonisten zu den Arzneimitteln der ersten Wahl. Sie besetzen die Bindungsstellen für den Nervenbotenstoff Dopamin und imitieren dessen Wirkung. Pergolid und Cabergolin, die zu dieser Substanzgruppe zählen, wurden unlängst allerdings in zwei voneinander unabhängigen Studien als Verursacher von krankhaften Veränderungen der Herzklappen identifiziert. Zugleich wurden damit frühere Verdachtsmomente bestätigt.

Die Gruppe um Rene Schade vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie an der Charité in Berlin fand unter 31 Patienten, die während einer Parkinsontherapie Herzklappenschäden entwickelten, sechs Anwender von Pergolid und ebenso viele von Cabergolin. In der gleichen Ausgabe des amerikanischen „New England Journal of Medicine“ (Bd. 356, S. 29 u. 39) berichten Forscher um Renzo Zanettini vom Parkinson-Institut des Istituti Clinici di Perfezionamento in Mailand von mehr als hundert Patienten, die entweder Pergolid oder Cabergolin über mehr als ein Jahr eingenommen hatten. Im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen oder Parkinsonkranken, die andere Arzneien erhielten, stieg das Risiko eines Klappenversagens auf das Sechs- bis Siebenfache. Bei 23,4 Prozent derjenigen, die Pergolid einnahmen, und bei 28,6 Prozent der Cabergolin-Anwender schlossen die Herzklappen nur noch unvollständig.

Amphetaminabkömmlinge unter Verdacht

Cabergolin schädigt insbesondere die Aortenklappe, weshalb das in den Körperkreislauf gepumpte Blut zum Teil wieder in die linke Herzkammer zurückfließt. Von den Pergolidwirkungen war eher die Mitralklappe betroffen. Infolgedessen kommt es bei diesen Patienten zu einem Rückfluss des Blutes vom Lungenkreislauf in die rechte Herzkammer.

Diese beiden Studien sind wichtige Indizien, die auf einen bereits bekannten Rezeptor als Verursacher der Schäden an den Herzklappen hindeuten. Bereits 1997 gerieten die Amphetaminabkömmlinge Fenfluramin und Desfenfluramin unter den gleichen Verdacht. Sie riefen eine Verdickung der Herzklappen und auch jener Sehnenfäden hervor, die die Klappen wie Segel an der Herzwand festhalten. Die beiden Schlankmacher wurden vergleichsweise rasch wieder vom Markt genommen. Eine wichtige Andockstelle für diese Substanzen ist der sogenannte „5-Hydroxy-Tryptamin-2B-Rezeptor“, wie der amerikanische Pharmakologe Bryan L. Roth von der Universität von North Carolina in Chapel Hill im Jahr 2000 herausfand. Dieser Rezeptor ist einer unter mehreren Bindungsstellen für den Nervenbotenstoff Serotonin. Solche Serotonin-Rezeptoren befinden sich in großer Zahl auf den Herzklappen, und sie sind dort offenbar für Wachstum und Entwicklung dieses speziellen Gewebes verantwortlich. Als Fingerzeig für die Suche diente die Erkenntnis, dass Tumorerkrankungen, die unter bestimmten Bedingungen eine Überproduktion von Serotonin mit sich bringen, exakt derartige Herzklappenschäden verursachen.

Nicht alle Mittel verursachen Herzklappenschäden

Roth führt nun in derselben Fachzeitschrift aus, dass dies auch erklärt, warum nur einige Medikamente unter den zahlreichen Substanzen, die gleichfalls Serotoninwirkungen simulieren, Herzklappenschäden hervorrufen. Das passt zudem schlüssig zu den jüngsten Beobachtungen: Andere Anti-Parkinson-Mittel wie Bromocriptin, Lisurid, Ropinirol, oder Pramipexol greifen nämlich nicht an dieser Serotonin-Rezeptoruntergruppe an, wie Roth ebenfalls herausfand. Diese Medikamente konnten in der Untersuchung von Schade auch als Verursacher von Klappenschäden ausgeschlossen werden. Da sich in der Studie überraschenderweise auch das Amantadin - ursprünglich eine zur Behandlung von Viruserkrankungen und später auch als Parkinsonmittel verwendete Substanz - als möglicherweise risikoreich erwies, soll es jetzt im Hinblick auf seine 5-HT2B-Rezeptorwirkung überprüft werden.

Das „Deutsche Ärzteblatt“ hat seine Leserschaft nicht nur über diese neuen Erkenntnisse informiert. Dort wird zugleich darauf hingewiesen, dass die Meinungen der Experten wie auch der Hersteller, was die weitere Verschreibung der Medikamente und die Einschätzung der Sicherheit angeht, uneinheitlich sind. Ärzte verschreiben indes nicht allein Parkinsonkranken diese Medikamente. Dopaminagonisten werden auch gegen die Beschwerden des „Restless-leg-Syndroms“ eingesetzt. Diese mit Schmerzen verbundene Unruhe in den Beinen wird inzwischen mit Aufmerksamkeitsstörungen und Bewegungsdrang, wie man ihn von „Zappelphilipp-Kindern“ kennt, in Verbindung gebracht. Ebenfalls erforscht wird, ob Pergolid bei Kindern Linderung bringen könnte, die an einer komplizierten Zwangserkrankung, dem Tourette-Syndrom, leiden.

Ecstasy kann Parkinsonsymptome lindern

Zudem macht Bryan darauf aufmerksam, dass auch Mutterkornabkömmlinge wie Ergotamin und Methysergid, die lange Zeit die einzigen Medikamente gegen Migräne darstellten, potente Partner für den 5-HT2B-Rezeptor darstellen. Zwar stehen sie längst nicht mehr an erster Stelle für Migränepatienten, einige Patienten schwören indes gleichwohl auf diese Wirkstoffe, die noch in einigen Kopfschmerzpräparaten enthalten sind. Wenngleich verschreibungspflichtig, gibt es im Internet einschlägige Hinweise, wie man auch ohne Rezept zum Beispiel Cafergot beziehen kann. Manche Migränepatienten benötigen oder wünschen offenbar mehr Schmerzmittel, als ihre Ärzte ihnen zu verschreiben bereit sind. Daher gibt es auch hierfür Tipps und Tricks in den Selbsthilfeforen - man solle sich die Tabletten gleichzeitig vom Schmerztherapeuten, Neurologen und Hausarzt verschreiben lassen, heißt es dort zum Beispiel. Solch unkontrolliertes Einnehmen könnte sich im Falle der Mutterkornalkaloide als Bumerang für die Herzklappen erweisen.

In diesen Zusammenhang fügen sich auch jene Beobachtungen, die die Droge Ecstasy als fragliches Medikament in die Schlagzeilen brachten. Einzelnen Berichten zufolge sollte sie die Symptome einer Parkinsonerkrankung lindern können. Da Ecstasy als Amphetaminabkömmling mit Fenfluramin verwandt ist, erscheint nun dies nicht mehr unplausibel und macht die Droge gleichzeitig verdächtig, Herzklappenschäden hervorzurufen. Den Nimbus als harmloses Aufputschmittel sollte sie wegen ihrer hirnschädigenden Wirkungen aber ohnehin längst eingebüßt haben.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

 
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