Von Reinhard Wandter
29. März 2006 Migräne ist ein Volksleiden. Etwa jeder zehnte Erwachsene kennt die Symptome dieser auch genetisch bedingten Krankheit aus eigener Erfahrung. Solange die Anfälle nur selten vorkommen und mit Migränemitteln auf ein erträgliches Maß einzudämmen sind, können die Betroffenen noch froh sein.
Treten die Beschwerden aber häufiger auf oder führen sie zu einem besonderen Leidensdruck, sollte an eine Vorbeugung gedacht werden. Das ist aus ärztlicher Sicht etwa dann der Fall, wenn sich jeden Monat mindestens drei Attacken ereignen oder wenn rund zehn Tage im Zeichen der Krankheit stehen, verbunden mit der Einnahme von Schmerz- und Migränemitteln. Welche Verfahren Erfolg versprechen, wurde auf dem Deutschen Schmerztag in der vergangenen Woche in Frankfurt am Main erörtert.
Mehr unbemerkte Herzinfarkte
Vorbeugung ist schon deshalb wichtig, weil der häufige Gebrauch von Migränemitteln dazu führen kann, daß die Beschwerden chronisch werden. Die Gefahr, daß die Medikamente selbst zur Ursache von Kopfschmerz werden, ist nicht zu unterschätzen. Nach Angaben des Neurologen Volker Limmroth von der Universitätsklinik Essen handelt es sich um ein weltweit verbreitetes Phänomen.
In einer Untersuchung, die er schon vor einiger Zeit zusammen mit Hans-Christoph Diener vorgenommen hat, kam er zu dem Ergebnis, daß etwa ein Prozent der Bevölkerung in Europa, Nordamerika und Asien an Kopfschmerzen infolge Medikamentenmißbrauchs leidet. Diese Menschen benötigen eine Entzugsbehandlung, nach der sie wenigstens wieder am Ausgangspunkt ihrer Schmerzkarriere stehen.
Migräne gilt allgemein als eine zwar unangenehme, aber harmlose Krankheit, die im Gehirn keine dauerhaften Spuren hinterläßt. Daß diese Sichtweise einer gewissen Korrektur bedarf, legte Uwe Reuter von der Neurologischen Klinik der Charite dar. So zeigten kernspintomographische Hirnbilder bei Migränepatienten deutlich mehr Hinweise auf stille, unbemerkt verlaufene Schlaganfälle als bei anderen Personen.
Leitlinien zur Vorbeugung
Das gilt besonders für Patienten, bei denen die Migräneattacken mit neurologischen Ausfällen, einer sogenannten Aura, beginnen. Leiden sie an mehr als einer Attacke monatlich, steigt das Risiko, daß sich ein stiller Infarkt ereignet, auf das Sechzehnfache.
Bei Frauen, die von Migräne mit Aura heimgesucht werden und bei denen noch Einflüsse wie Bluthochdruck, Übergewicht und Rauchen ins Spiel kommen, ist sogar das Risiko für einen echten Schlaganfall erhöht. Das unterstreicht die Bedeutung einer Prophylaxe.
Seit kurzem gibt es neue Leitlinien zur Migräne-Vorbeugung, die erstmals in Abstimmung zwischen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft erarbeitet wurden.
Mittel der ersten Wahl
Gunther Haag von der Michael-Balint-Klinik in Königsfeld hat sie auf dem Schmerztag vorgestellt. Mittel der ersten Wahl sind seinen Angaben zufolge die Betablocker Metoprolol und Propanolol, der Kalziumantagonist Fluranzin sowie die Antikonvulsiva Valproinsäure und Topiramat. Als Substanzen der zweiten Wahl nannte er unter anderen Amitriptylin, Bisoprolol, Naproxen und Extrakte von Pestwurz und Mutterkraut.
Ergänzend zur Vorbeugung mit Medikamenten bieten sich zum Beispiel eine Verhaltenstherapie oder Ausdauersport an. Als wirksam hat sich auch die Akupunktur erwiesen, wobei es offenbar nicht unbedingt darauf ankommt, auf die klassischen Akupunktur-Punkte zu zielen. Wirksamkeit bescheinigt man einer vorbeugenden Maßnahme nur, wenn sie eine Erfolgsrate von mindestens dreißig Prozent verheißt und somit klar über der von Placebos liegt.
Ob eine Prophylaxe durchgehalten wird, hängt natürlich auch von den Nebenwirkungen ab. Die Motivation kann zudem beträchtlich sinken, wenn der Nutzen nicht innerhalb eines Monats erkennbar wird. Haag bemängelte, daß es oft an den Ärzten liege, wenn zu spät mit der Vorbeugung begonnen werde. So sei ein Patient zu ihm gekommen, der ein Jahr lang täglich ein vom Arzt verschriebenes Migränemittel, ein Triptan, eingenommen habe.
Text: F.A.Z., 30.03.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb