20. Oktober 2006 Im hessischen Städtchen Marburg, wo vor mehr als hundert Jahren der erste Medizin-Nobelpreisträger Emil von Behring mit der Entdeckung des Diphterie-Antitoxin eine Impfstoff-Tradition gegründet hat und wo heute die Forscher von Novartis Behring ihr Glück in der Impfbranche versuchen, könnte dieser Tag wieder als ein historischer in die Annalen eingehen. Die erste Innovation in der Grippe-Impfung seit fünfzig Jahren, so lassen Behrings Erben wissen, gebe es zu feiern.
Im Wiener Palais Ferstl, wo die Marburger Wissenschaftler zusammen mit einem ganzen Kollegenpulk zur International Conference on Influenza Vaccines for the World angereist waren, um den Nachweis ihres biotechnischen Erfolgs zu verkünden, sah man das naturgemäß etwas nüchterner. Denn die Impfexperten sind mit der Aussicht auf eine möglicherweise bevorstehende Pandemie derzeit mit so vielen organisatorischen und medizinischen Fragen gleichzeitig konfrontiert, daß es schon eines gewaltigen Befreiungsschlages bedurft hätte, um sie in kollektive Jubelfeiern zu versetzen. Um eine solche grundstürzende Sensation handelt es sich nun bei der Marburger Innovation zwar nicht. Aber sie hat immerhin das Zeug, die Produktion des Grippeimpfstoffs inklusive eines Pandemie-Impfstoffs schon bald massiv zu beschleunigen und die Reaktionszeit auf neue Epidemien entscheidend zu verkürzen. Tatsächlich könnten, was den Herstellungsprozeß selbst angeht, die in Wien präsentierten Daten tatsächlich eine neue Ära einläuten.
Impfstoffproduktion verkürzen
Bisher und über viele Generationen hat man die für die Impfung benötigten Virusbestandteile nahezu ausschließlich aus Eiern gewonnen. Die Viren wurden in angebrüteten Hühnereiern vermehrt, geerntet und anschließend meist zu Bruchstücken weiterverarbeitet und gereinigt. Ein halbes bis ein dreiviertel Jahr dauert es so in der Regel, bis der fertige, meist mit den Antigenen dreier unterschiedlichen Impfstämmen bestückte Impfstoff zur Verfügung steht. Die Marburger Forscher haben diesen Vorgang nun in Zellkulturen verlagert, die schon im Jahre 1958 von zwei Wissenschaftlern angelegt worden waren. Dabei handelt es sich um Zellen, die aus den Nieren eines gesunden Hundes gewonnen wurden, sogenannte MDCK-Zellen (Madin-Darby Canine Kidney Cells), die sich kryokonserviert jahrzehntelang aufbewahren und - wieder aufgetaut - in entsprechenden Kulturmedien in der Petrischale in kürzester Zeit vermehren lassen. Für viele biomedizinsche Zwecke hat man diese Zellen schon verwendnet.
Wie sich aber bald zeigt, eignen sie sich auch für die Vermehrung von Influenzaviren besonders gut. Und zwar auch solchen Grippeviren, die wegen ihrer Aggressivität die angebrüteten Hühnerembryonen normalerweise blitzschnell zerstören und für die Impfstoffproduktion unbrauchbar machen. Ulrich Valley von Novartis Behring hat die Zellkulturen in Marburg so verändert, daß die Vermehrung er Viren reibungslos auch in Bioreaktoren möglich ist. Jederzeit können aus ein paar tiefgefrorenen Zellen große Zellkulturen gewonnen werden, sagte Valley, sämtliche Rohstoffe stehen ständig zur Verfügung und wir werden dadurch viel flexibler. Um ein Drittel bis zur Hälfte kann so die Impfstoffproduktion verkürzt werden.
Genauso sicher und effektiv
Einige andere Pharmafirmen sind längst auch auf den Zellkultur-Zug aufgesprungen, wobei auch andere Zellen verwendet werden. Aber den Beweis, daß die neuen Vakzine auch tatsächlich wirksam und vor allem sicher sind, haben die Marburger Forscher zusammen mit Firmenkollegen aus Siena in der Toskana als erste erbracht. Mehr als siebentausend Impfdosen sind an gesunden Probanden in Deutschland, Polen und Litauen in den vergangenen vier Jahren verabreicht worden. Und die Ergebnisse dieser Tests aus der abschließenden Pfase-3-Studie, die von der deutschstämmigen in Siena tätigen Medizinerin Nicola Groth in Wien präsentiert wurden, zerstreuten alle Zweifel: Die neuen Impfstoffe aus der Zellkultur sind genauso sicher und effektiv wie die parallel dazu verwendeten traditionellen Vakzinen auf Ei-Basis. Auch was die Nebenwirkungen angeht - Rötungen an der Einstichstelle, Schwellungen, Kopf- oder Muskelschmerzen -, gibt es praktisch keinerlei Unterschiede.
Der Epidemiologe Theodore Tsai aus Philadelphia ist sich nach der Prüfung von Daten weiterer Gruppen, die mit MDCK-Zellen arbeiten, sogar recht sicher, daß die neuen Impfstoffe auf Dauer überlegen und zuverlässiger sind. Grund: Während der Vermehrung in der Zellkultur verändern sich die Grippeviren genetisch offenbar kaum merklich, während man bei den Viren aus Hühnereiern mit solchen größeren molekularen Umbauten rechnen muß. Wann die ersten Influenza-Vakzinen aus Zellkulturen letztendlich in die Arztpraxen gelangen, steht noch nicht fest. Die Zulassung und Zertifizierung durch die europäische Genehmigungsbehörde Emea in London läuft seit Abschluß der klinischen Studien Mitte diesen Jahres.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa