Restless-legs-Syndrom

Wenn die Beine nicht zur Ruhe kommen

Von Martina Lenzen-Schulte

Rund 800.000 Deutsche sind betroffen: Frauen häufiger als Männer

Rund 800.000 Deutsche sind betroffen: Frauen häufiger als Männer

21. April 2007 Sie laufen Treppen, während andere schlafen, stellen sich den Fahrrad-Heimtrainer neben das Bett oder sind gar so weit, dass sie bei der Familienmahlzeit trippelnd neben dem Esstisch stehen, weil die Unruhe im Sitzen zu quälend ist. Die Betroffenen fühlen sich oft verkannt, und der Begriff „ruhelose Beine“ untertreibt auch sprachlich. Die Erkrankung wurde bereits 1685 von dem britischen Arzt Thomas Willis beschrieben, 1945 prägte der Schwede Karl Ekbom dafür den auch im Deutschen gebräuchlichen Namen „Restless-Legs-Syndrom“ (RLS). Gleichwohl wird es noch heute bei der Hälfte der Kranken nicht als solches erkannt, und bei einem Viertel werden die Beschwerden falsch gedeutet. Auf diese Defizite machte Matthias Freidel, niedergelassener Neurologe in Kaltenkirchen, seine Kollegen auf dem Internistenkongress aufmerksam.

Internationale Studien zeigen, dass zehn Prozent in der älteren Bevölkerung betroffen sind, jüngere Menschen seltener, Frauen öfter als Männer. Eine jüngste Untersuchung aus der psychiatrischen Universitätsklinik in Regensburg beziffert das Vorkommen in Deutschland allein schon bei den 18- bis 64-Jährigen auf acht Prozent. Die Zahl derjenigen, die so sehr leiden, dass sie behandelt werden müssen, wird hierzulande auf rund 800.000 geschätzt.

„Irgendwie komische“ Gefühle

Quälende Unruhe: Baumelnde Beine einer RLS-Patientin

Quälende Unruhe: Baumelnde Beine einer RLS-Patientin

Die meisten dieser Patienten gehen zum Arzt, weil sie nachts nicht zur Ruhe kommen. Die Beschwerden deuten jedoch schon darauf hin, dass es sich nicht primär um eine Schlafstörung handelt. Typischerweise zeigen sich erste Anzeichen zunächst nur sporadisch, im Abstand von Wochen. Für die unangenehmen bis schmerzhaften Empfindungen tief in den Waden finden die Betroffenen kaum Worte. Ausdrücke wie Stechen, Kribbeln, Brennen oder Ziehen werden zur Beschreibung verwendet, treffen es aber nicht ganz.

Die „irgendwie komischen“ Gefühle gehen mit einem Bewegungsdrang einher, der nicht auf die Beine beschränkt sein muss. Charakteristischerweise bessern sich die unangenehmen Gefühle, sobald sich der Patient bewegt, sie verschlechtern sich in Ruhe. Vor allem zu Beginn der Erkrankung treten die Symptome erstmals am späten Nachmittag oder Abend auf, etwa beim Ausruhen vor dem Fernseher. Der Schlaf ist besonders in der ersten Hälfte der Nacht gestört und kann zum Aufwachen führen.

Häufungen innerhalb von Familien

Aber selbst dann, wenn er nicht vollends aufwacht, findet der Patient eher selten zum erholsamen Traum- oder Tiefschlaf. Juliane Winkelmann verdeutlichte anhand eines Zeitraffer-Videos, das während des Schlafens von einem Betroffenen aufgezeichnet worden war, wie periodisch sich die Beine und mitunter auch die Arme des Patienten bewegen. Derart objektive Befunde lassen sich bei mehr als achtzig Prozent der Betroffenen nachweisen. Auch die Ableitung der elektrischen Potentiale etwa im vorderen Schienbeinmuskel beweist die unkontrollierbare, ständige Beinarbeit der Patienten.

Frau Winkelmann arbeitet am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und zugleich am Institut für Humangenetik der GSF. Sie sucht nach den genetischen Grundlagen dieser Bewegungsunruhe. Ein lohnendes Feld für Genforscher, kennt doch keine andere Erkrankung derart viele Häufungen innerhalb von Familien. Vierzig bis neunzig Prozent der Betroffenen berichten von Angehörigen, die ähnliche Beschwerden hatten, wenngleich die Schweregrade ganz unterschiedlich ausfallen. Erste vielversprechende Kandidaten sind die Chromosomen 12, 14 und 9, allerdings konnten noch keine einzelnen Gene dingfest gemacht werden.

Dopamin kann helfen und verschlimmern

In München wird man künftig in einer Art Rasterfahndung nach Auffälligkeiten im genetischen Code von Betroffenen und ihren Verwandten suchen, die sich von denen eines vergleichbaren Kollektivs aus der Bevölkerung abheben. Mit Hilfe der Genanalyse will man an diejenigen - womöglich krankhaft veränderten - Proteine herankommen, die einen Fingerzeig auf die Ursachen des Leidens geben könnten, erläuterte Winkelmann in einem Gespräch. Denn darüber ist bislang so gut wie nichts bekannt. Gleichwohl kennt man wirksame Therapien, die durch Versuch und Irrtum gefunden wurden. Wenn auch nicht gleich jeder Patient einer Behandlung bedarf, betonte Frau Winkelmann, so kann eine Therapie im Einzelfall wie eine Erlösung wirken. Sogar Krebskranke fühlten sich manchmal durch ein Restless-Legs-Syndrom stärker beeinträchtigt als durch ihr Tumorleiden.

Bei der Behandlung setzt man auf die Beeinflussung des Nervenbotenstoffes Dopamin, wie Heike Benes vom Somni bene Institut für Medizinische Forschung und Schlafmedizin in Schwerin erläuterte. Dopamin ist im Gehirn an der Steuerung von Bewegungen beteiligt. Der Bewegungsdrang lässt sich durch L-Dopa, ein Medikament zur Parkinsontherapie, oft dramatisch bessern. Hierfür genügen bereits geringe Dosen, die vom Patienten tunlichst nicht selbst erhöht werden sollten. Bei bis zu drei Vierteln der Patienten wird bei einer zu hohen Dosierung die Erkrankung schlimmer.

In hartnäckigen Fällen Opiate

Außer L-Dopa, dem ersten für die Behandlung dieser Erkrankung zugelassenen Medikament, stehen inzwischen auch Dopamin-Agonisten zur Verfügung, die ebenfalls an den Bindungsstellen für Dopamin angreifen. Laut Bewertung in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie bessern einzelne Vertreter dieser Substanzklassen die Beschwerden der Patienten, am ehesten. Sie bieten zudem einen Ausweg, wenn es unter L-Dopa zur Augmentation kommt, da dies unter den Dopamin-Agonisten bislang deutlich seltener vorkam.

Schließlich werden in hartnäckigen Fällen Opiate verwendet, für deren Wirksamkeit es immer mehr Belege gibt und die schon Willis vor über dreihundert Jahren verwendete. Vor jedwedem Behandlungsversuch sollte aber ausgeschlossen sein, dass die Bewegungsunruhe nicht durch andere Erkrankungen, etwa ein Nierenversagen, einen Eisenmangel oder Medikamente hervorgerufen wird.

Text: F.A.Z., 18.04.2007, Nr. 90 / Seite N2
Bildmaterial: ddp, picture-alliance/ dpa

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