Von Nicola von Lutterotti
16. Oktober 2009 Ohnmachtsanfälle sind zwar meist harmloser Natur, sie können aber auch auf ein lebensbedrohliches Leiden zurückgehen. Und selbst jene Formen von Bewusstlosigkeit, denen keine gefährliche Erkrankung zugrunde liegt, haben bisweilen schwerwiegende Konsequenzen: Befindet sich der Betroffene zum Zeitpunkt des Kreislaufzusammenbruchs etwa gerade am Lenkrad seines Fahrzeugs, besteht für ihn selbst und die anderen Verkehrsteilnehmer mitunter eine erhebliche Gefahr.
Unabhängig von der Art der Störung erscheint es daher wichtig, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Dies gilt insbesondere, wenn der Vorfall kein einmaliges Ereignis bleibt. Denn mit jedem Ohnmachtsanfall erhöht sich das Risiko für weitere Attacken dieser Art: Personen, die zuvor schon dreimal aus unklaren Gründen "umgekippt" sind, verlieren mit fast fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten zwei Jahre abermals das Bewusstsein.
Beunruhigend ist vor diesem Hintergrund, dass Anfälle von Bewusstlosigkeit offenbar häufiger fehlgedeutet werden. So sollen 20 bis 30 Prozent aller vermeintlichen Epileptiker, darunter etliche Kinder, nicht an Epilepsie leiden und daher unnötigerweise Medikamente gegen solche neurologisch bedingten Krampfanfälle einnehmen. Hinweise auf einen derartigen Missstand liefern unter anderem die langjährigen Beobachtungen britischer Wissenschaftler um den Kardiologen Adam Fitzpatrick vom Herzzentrum in Manchester. Zunächst falsch interpretiert und daher oft erst spät erkannt werden die wahren Ursachen der Bewusstlosigkeit offenbar bei Personen, die genetisch bedingt ein hohes Risiko für einen auf schwere Herzrhythmusstörungen zurückgehenden plötzlichen Herztod aufweisen. Wie Forscher aus Neuseeland nach Auswertung der Krankenakten von 31 Betroffenen festgestellt haben, dauert es bei vierzig Prozent der Patienten nach dem ersten Ohnmachtsanfall durchschnittlich zweieinhalb Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird ("Annals of Emergency Medicine", Bd. 54, S. 26). Bei den fälschlich für Epileptiker gehaltenen Personen betrug der Abstand sogar zehn Jahre.
Blutdruckabfall als Ursache
Aufgrund der Häufigkeit von Ohnmachtsanfällen und der großen Zahl an Betroffenen, die sich aufwendigen und oft wenig zielführenden Tests unterziehen, hat die Europäische Gesellschaft für Kardiologie ihre Leitlinien überarbeitet und konkrete Anweisungen für das diagnostische und therapeutische Vorgehen beigefügt ("European Heart Journal", doi: 10.1093/euroheart/ehp298). Für besonders wichtig halten die Experten dabei den Aufbau von Einrichtungen, die auf die Abklärung von Anfällen plötzlicher Bewusstlosigkeit spezialisiert sind. Welche Organisationsform im Einzelfall die beste ist, hänge von den strukturellen Voraussetzungen der jeweiligen Klinik ab. Wichtig sei, dass der leitende Arzt hinreichende Kenntnisse in den einschlägigen Fachgebieten Kardiologie, Neurologie, Geriatrie und Notfallmedizin besitze. Ohnmachtsanfälle können nämlich viele jeweils unterschiedliche medizinische Fachbereiche betreffende Ursachen haben. Beispiele sind Kopfverletzungen, psychische Störungen und eine Epilepsie.
Mit Abstand am häufigsten beruht ein jäher Kreislaufkollaps aber auf einer durch starken Blutdruckabfall bedingten geringeren Durchblutung des Gehirns. Auslösende Faktoren für solche Synkopen sind eine unkontrollierte Erweiterung der Blutgefäße, eine zu geringe Pumpleistung des Herzens oder beides. Die harmloseste Variante derartiger Blackouts dürfte den meisten Menschen bekannt sein. So können starke Schmerzen und Emotionen, etwa Angst vor einer Spritze, das autonome Nervensystem derart nachhaltig aus dem Gleichgewicht bringen, dass der Blutdruck unter einen kritischen Wert sinkt und der Betroffene das Bewusstsein verliert. Vergleichbare Prozesse laufen ab, wenn es einem beim Aufstehen oder nach längerem Stehen schwarz vor den Augen wird. Typische Vorboten derartiger Störungen sind Schwindel, kalter Schweißausbruch und Gesichtsblässe.
Implantierte Mini-EKG-Geräte
Nicht immer gehen der Bewusstlosigkeit aber offenkundige Symptome voraus. Etliche Betroffene können sich zudem nicht mehr an diese und die Begleitumstände erinnern. Darüber hinaus gibt es eine große Zahl von zumeist älteren Personen mit mehreren die Entstehung von Ohnmachtsanfällen begünstigenden Gebrechen, darunter vor allem Herzleiden. Den Hauptgrund für den meist einen Sturz hervorrufenden Kollaps in Erfahrung zu bringen, stellt in solchen Fällen aber oft eine Herausforderung dar.
Wichtige diagnostische Informationen kann in unklaren Situationen die Implantation eines USB-Stick-großen Herzmonitors liefern. Die Mini-EKG-Geräte erlauben es, den Herztakt bis zu drei Jahre lang kontinuierlich zu überwachen. Sie können auch extrem seltene Herzrhythmusstörungen aufdecken. Kollabiert die hiermit versehene Person, registriert der Messapparat die elektrische Herzaktivität im kritischen Augenblick.
Dass die Herzmonitore den Arzt auf die richtige Fährte bringen können, legen auch die auf dem Europäischen Kardiologenkongress in Barcelona vorgestellten Ergebnisse von Fitzpatrick und seinen Kollegen nahe. In ihrer jüngsten Untersuchung haben die Kardiologen vierzig Patienten, bei denen ihnen die Diagnose Epilepsie zweifelhaft erschien, mit einem implantierbaren Mini-EKG-Gerät versorgt. In zwei Dritteln der Fälle gelang es daraufhin, die elektrische Herzaktivität während eines Ohnmachtsanfalls zu speichern. Bei zehn Probanden förderten die EKG-Aufzeichnungen ausgeprägte Unregelmäßigkeiten des Pulses zutage. So schlug das Herz dieser Patienten zeitweise extrem langsam, ja blieb mitunter mehrere Sekunden bis fast eine Minute lang ganz stehen. Fünf Betroffene erhielten daraufhin einen Herzschrittmacher, der bei vier Behandelten jeden weiteren Zusammenbruch verhinderte. In Studien mit größeren Teilnehmerzahlen gilt es nun zu zeigen, ob sich diese aussichtsreichen Ergebnisse bestätigen lassen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT