Hirnforschung

Tennisspielen im Wachkoma

Von Reinhard Wandtner

07. September 2006 Ob ein Mensch wach ist, läßt sich gewöhnlich leicht anhand seiner Augen beurteilen. Sind sie geöffnet, ist er wohl ansprechbar und zur Kommunikation fähig. Bei vielen Menschen allerdings versagt dieser Maßstab völlig. Es handelt sich dabei um Patienten im Wachkoma, in jenem Zustand undurchschaubarer Teilnahmslosigkeit, der Angehörige und Pfleger einem Wechselbad von Hoffnung und Verzweiflung aussetzt. Das Wachkoma, auch als apallisches Syndrom oder vegetativer Zustand bezeichnet, gehört zu den noch am wenigsten verstandenen medizinischen Phänomenen und zugleich zu jenen mit dem größten ethischen Gewicht.

Groß ist die Versuchung, einem Patienten, der alle höheren, gemeinhin als typisch menschlich bewerteten Hirnleistungen offenbar eingebüßt hat, die "Gnade" der Euthanasie zu gewähren. Das ist erst kürzlich einer Frau in Stuttgart nach rund dreieinhalb Jahren im Wachkoma widerfahren - für den Stuttgarter Palliativmediziner Christoph Student wurden hierbei "grundlegende Erkenntnisse von Palliativmedizin und Hospizarbeit mißachtet."

Überraschende Fälle als Warnung

Neue Forschungsergebnisse, über die Ärzte aus Großbritannien und Belgien jetzt berichten, mahnen zu größter Vorsicht bei der neuropsychologischen Diagnose. Aufwendige Untersuchungen an einer im Wachkoma liegenden Patientin haben nämlich Hinweise auf höhere Hirnleistungen ergeben, die schwer mit dem Begriff "Bewußtlosigkeit" in Einklang zu bringen sind.

Das Wachkoma ist typischerweise ein Durchgangsstadium auf dem Weg der Besserung, in das Patienten nach überstandenem tiefen Koma gelangen. Die Kranken zeigen einen Tag-Nacht-Rhythmus, nehmen aber auch dann, wenn sie wach zu sein scheinen, keinen Kontakt zur Umwelt auf, zumindest keinen, der sich ohne weiteres erkennen ließe. Je länger dieser neurologische Schwebezustand anhält, desto schlechter ist im allgemeinen die Aussicht auf Heilung. Immer wieder gibt es aber überraschende Fälle, die als Warnung aufgefaßt werden können, solche Patienten medizinisch aufzugeben.

„In seinem Kaffee waren Milch und Zucker“

Die britisch-belgische Forschergruppe um Adrian Owen von der Universität Cambridge hat mit einem bildgebenden Verfahren, der funktionellen Kernspintomographie, das Gehirn einer im Wachkoma liegenden jungen Frau auf Zeichen von Bewußtsein hin durchmustert. Die Patientin war im Sommer 2005 nach einem Verkehrsunfall ins Koma und anschließend in ein anhaltendes Wachkoma gefallen. Als man der Frau Sätze wie "In seinem Kaffee waren Milch und Zucker" vorsprach, traten für Sprache zuständige Hirnareale in Aktion. Inhaltsleere Geräusche hatten diesen Effekt nicht. Wurden gleich klingende, aber in der Bedeutung verschiedene Wörter präsentiert, zeigte sich eine erhöhte Aktivität in den auf semantisches Wissen abgestimmten Regionen.

In einem weiteren Versuch wurde die Patientin gebeten, sich Tätigkeiten vorzustellen, etwa Tennis zu spielen. Wie in der heutigen Ausgabe der Zeitschrift "Science" (Bd.318, S.1395 u.1402) berichtet wird, traten dabei wie bei Gesunden nicht nur die für das Vorstellungsvermögen benötigten Hirnareale in Aktion, sondern auch Zentren für die Steuerung von Bewegungen.

Ob die im Wachkoma liegende Frau tatsächlich über Bewußtsein verfügt, wie die Gruppe um Owen postuliert, läßt sich nach Ansicht des französischen Kognitionsforschers Lionel Naccache zwar anhand der Tests nicht sicher belegen, aber es gebe Hinweise auf ein "reiches mentales Leben". Die funktionelle Kernspintomographie kann jedenfalls als wertvolles Instrument dienen, die Hirnleistungen von Wachkoma-Patienten zu ergründen und somit Menschen, die zu keiner Regung fähig sind, etwas aus ihrer Isolation zu befreien.



Text: F.A.Z., 08.09.2006, Nr. 209 / Seite 34
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

 
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