Darmbakterien

Die Bazille macht den Bauch

Von Joachim Müller-Jung

Die Anzahl von Bakterien im Darm entscheidt über Fettleibigkeit

Die Anzahl von Bakterien im Darm entscheidt über Fettleibigkeit

24. Dezember 2006 Die Bewohner des Lebensraums, den wir Darm nennen, sind den meisten Menschen recht gleichgültig. Eine fahrlässige Einstellung, wie jetzt zunehmend klar wird, denn die aus Aberbillionen Bakterien bestehende Lebensgemeinschaft unseres Darms scheint nicht nur für die Verdauung vieler Nahrungsteile geradezu unersetzlich. Sie beeinflußt möglicherweise auch entscheidend die schlanke oder eben weniger schlanke Linie ihres Trägers.

Auf die „richtige“ Zusammensetzung der Mikrobenflora kommt es an. Das berichten Jeffrey Gordon und seine Kollegen von der Washington University School of Medicine in St. Louis in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Nature“. Die Forscher haben mit genetischen Analyseverfahren zuerst an Mäusen und dann an dickleibigen und schlanken Menschen frappierende Unterschiede in den Bakterienkollektiven entdeckt: Dicke beherbergen im Verdauungstrakt viel mehr Bakterien aus der Gruppe der Firmicutes.

Bakterienbesatz als Biomarker für Gewichtsklasse

Mehr als 250 meist völlig harmlose Bakteriengattungen werden darunter zusammengefaßt, etwa Bacillus und Lactobacillus, aber auch gelegentlich gefährliche Clostridien. Dabei gilt: Je schlanker Maus oder Mensch, desto geringer ihr Anteil an der Darmflora und desto prominenter ist die wesentlich kleinere Gruppe der Bacteroidetes vertreten. Fettleibige besitzen halb so viele Bacteroidetes. Mehr noch: Als die Wissenschaftler Menschen und Mäuse unterschiedlichen, bis zu einjährigen Diäten unterzogen, veränderte sich die Zusammensetzung proportional zur Gewichtsabnahme - der Bakterienbesatz wurde gewissermaßen zum Biomarker für die Gewichtsklasse.

Offenbar verwerten die Bacteroidetes die in der Nahrung enthaltenen Energie etwas schlechter als die bei Fettleibigen dominierenden Firmicutes. Deutlich wurde das, als man die Darmmikroben auf völlig bakterienfrei gezüchtete Mäuse transplantierte.

Mit Aufdeckung eine brisante Note hinzugefügt

Fazit: Obwohl sich die Kalorienaufnahme kaum unterschied, nahmen die Mäuse mit der Mikroflora der Fettleibigen mehr an Gewicht zu. Mit der Aufdeckung dieses Zusammenhangs wird der vor wenigen Monaten vorgestellten ersten Genomsequenzierung des „Mikrobioms“ im Darm eine brisante Note hinzufügt, denn zum erstenmal zeigt sich, daß mithin auch die individuelle Zusammentzung der Darmflora und keineswegs nur die genetische Veranlagung des Menschen oder die kalorienreiche Ernährung zum Übergewicht beitragen könnten.

Ob sich diese Erkenntnis nun aber therapeutisch oder für Diätpläne nutzen läßt, oder ob die Mikroflora womöglich doch nur ein Bild des Fettstoffwechsels und weniger als Hebel für Schlankheitsbewußte gut ist, wird man erst noch genauer klären müssen.

Text: F.A.Z., 22.12.2006, Nr. 298 / Seite 34
Bildmaterial: ddp

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