Depressionen

Tritte vor die wunde Seele

Von Inka Wahl

10. Oktober 2007 Für die meisten ist es immer noch ein mehr oder weniger trübes Kapitel im Leben, eine Episode tiefer Traurigkeit und extremer Niedergeschlagenheit. Doch für viele andere, und deren Zahl wird offenbar gewaltig unterschätzt, ist die Depression ein tief sitzender Stachel im Gedächtnis, der quälend lange von der Kindheit bis weit ins Erwachsenenalter hinein zum Lebensbegleiter wird. Solche chronischen Depressionen haben im Medizinalltag einen besonders schweren Stand.

So begann auch das Symposion über chronische Depression, das vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in der vergangenen Woche in Heidelberg veranstaltet wurde, mit zwei Geständnissen: Selbst die Fachwelt habe, sagte der Psychiater Mathias Berger aus Freiburg, die Zahl der Menschen, die dauerhaft unter Depressionen leiden, lange falsch eingeschätzt. Dies seien nämlich nicht wie bisher angenommen fünfzehn Prozent aller depressiv Erkrankten, sondern tatsächlich rund doppelt so viel. Als chronisch depressiv gilt, wer mindestens zwei Jahre durchgängig unter dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit leidet, niedergeschlagen und antriebslos ist. Etwa eine Million Menschen in Deutschland haben diese schwere Form der psychischen Krankheit. Die Hälfte von ihnen ist Frührentner oder arbeitslos.

Aus eigener Kraft nicht abzuwenden

Das zweite Faktum, das Berger zufolge bei Ärzten und Psychologen lange nicht die nötige Beachtung fand: Bei drei Viertel der chronisch Depressiven setze die psychische Krankheit schon früh ein, nämlich vor dem zwanzigsten Lebensjahr. In den Biographien dieser Patienten mit einer Frühform fänden sich häufig traumatische Kindheitserlebnisse. „Es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass dauerhafte Vernachlässigung oder sexueller und körperlicher Missbrauch in der Kindheit häufig zu einem frühen Beginn einer chronisch verlaufenden Depression führen“, so Berger. Eine Erklärung dafür lieferte James McCullough von der Virginia Commonwealth University of Richmond.

In seiner psychotherapeutischen Arbeit mit früh traumatisierten chronisch Depressiven sei ihm aufgefallen, dass seine Patienten oft Schwierigkeiten hätten, Konsequenzen ihres eigenen Verhaltens auf eine andere Person einzuschätzen. Dieses soziale Defizit rühre von der frühen Erfahrung mit unberechenbaren Bezugspersonen, so die These des amerikanischen Forschers. Gemeinsam ist den Patienten, dass sie als Kinder gedemütigt und bestraft wurden - ganz unabhängig von ihrem eigenen Verhalten. Derart traumatisierte Kinder lernen, negative Konsequenzen aus eigener Kraft nicht abwenden zu können, und verinnerlichen diese Erfahrung der Hilflosigkeit und Ohnmacht. Es bleiben bis ins Erwachsenenalter Hoffnungslosigkeit und Niedergeschlagenheit, die Kernsymptome der Depression.

„Längere Behandlung wird derzeit nicht finanziert“

McCullough entwickelte eine spezielle Form der Psychotherapie zur Behandlung chronisch Depressiver, in der diese frühen Erfahrungen korrigiert werden sollen. Das Verfahren heißt „Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy“. Dabei lernt der Patient im Gespräch mit dem Psychotherapeuten, dass sein Verhalten sehr wohl eine Wirkung auf sein Gegenüber hat und umgekehrt. McCullough nutzt also die therapeutische Beziehung als Hebel zur Veränderung und steht damit in der Tradition berühmter Psychotherapeuten. Die am meisten anerkannte Therapie, die derzeit zur Behandlung chronischer Depression zur Verfügung stehe, sei die Kombination der von McCullough entwickelten speziellen Psychotherapie mit antidepressiv wirkenden Medikamenten, war der Tenor der Veranstaltung.

Und dennoch genesen nur etwa vierzig Prozent der depressiven Patienten vollständig, wie eine amerikanische Studie von Martin Keller von der Brown University in Providence schon früh gezeigt hat (“New England Journal of Medicine“, Bd. 342, S. 1462). Freilich spiegelt diese Zahl den Behandlungserfolg, der bereits drei Monate nach Therapiebeginn zu verzeichnen war. „Eine längere Behandlung wird vom amerikanischen Gesundheitssystem derzeit leider nicht mehr finanziert“, sagte Berger. In Anbetracht des langjährigen Prozesses, in dem die Krankheit entstanden ist, möchte man der Genesung gerne etwas mehr Zeit einräumen.



Text: F.A.Z., 10.10.2007, Nr. 235 / Seite N1
Bildmaterial: dpa

 
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