Von Nike Köpf
17. September 2006 Mit dem Bus fährt Rainer Deutmann nie. Er hat Angst, der Fahrer könnte das Wort an ihn richten. Wenn er einen waghalsigen Tag hat, traut sich der 34jährige Berliner, der in Wahrheit einen anderen Namen trägt, in die U-Bahn zu steigen. Wenigstens für ein paar Stationen. Meistens läuft er aber, Kilometer um Kilometer, von West nach Ost, vom äußersten Norden in den tiefsten Süden. Dabei murmelt er, was als nächstes kommt: Wilhelmstraße, Mehringdamm, und spinnt sich so aus dem Stadtplan einen festen Faden, der ihn sicher ans Ziel führt.
Sicher? Für Deutmann heißt das: Ohne sich von Millionen von Mündern, Nasen oder Augen in die Flucht schlagen zu lassen. Denn für Menschen, die wie er am Asperger-Syndrom, einer speziellen Form des Autismus, leiden, sind fremde Gesichter nichts weiter als eine bedeutungslose Fläche. Das ganze mutwillige Spiel der acht mimischen Muskeln des Menschen löst bei diesen Patienten nichts anderes aus als Verwunderung, Verunsicherung, manchmal sogar blankes Grauen. Instinkte, die die Mimik des Gegenübers in Bruchteilen von Sekunden erfassen, funktionieren bei ihnen nicht, ebenso nicht die Begabung, Gesichter anhand winziger Variationen zu unterscheiden.
Ich bin schon froh, wenn ich mit ein bißchen Rateglück mal einen Bekannten auf der Straße wiedererkenne, sagt Deutmann. Was diese ganzen Muskelverrenkungen bedeuten und wie man die in der Schnelle unterscheidet, da bin ich überfragt. Ich bin eben Gesichtslegastheniker. Auch das, was bei menschlicher Kommunikation zwischen den Zeilen mitschwingt, ist für ihn nicht wahrnehmbar.
Die vier kleinen Professoren
Ein Gespräch mit Rainer Deutmann wirkt irritierend. Schließt man die Augen, so ist ein geistreicher Mann mit angenehmer Stimme zu hören. Öffnet man sie wieder, fühlt man sich unwillkürlich gekränkt von den ziellos umherhuschenden Pupillen, die sich niemals von anderen Pupillenpaaren einfangen lassen. Und man ist seltsam berührt von der Ausdruckslosigkeit dieser statischen Züge.
Sind Asperger-Patienten Menschen aus reinem Intellekt, ohne die alten, ererbten, ursprünglich äffischen Gefühle? Sie sind, kraß ausgedrückt, Intelligenzautomaten, notierte der Wiener Kinderarzt Hans Asperger 1944. Der damalige Leiter der heilpädagogischen Station der Universitätskinderklinik Wien war der erste, der das Syndrom beschrieb. Die autistischen Psychopathen im Kindesalter nannte er seinen Aufsatz über vier kleine Patienten namens Fritz, Harro, Ernst und Hellmuth.
Sie waren zu ihm geschickt worden, weil sie sich in der Schule aufführten, als wüßten sie nicht, daß der Lehrer eine Respektsperson ist. Intellektuell in keiner Weise beeinträchtigt, überdurchschnittlich begabt, brillierend mit ihrem virtuosen Wortschatz. Aber bei der Interaktion mit anderen Menschen von einer merkwürdigen Instinktlosigkeit, hielten sie sich weder vor Autoritäten zurück noch mit Freundschaften auf.
Und sie waren mit ihren Händen und Füßen erbarmungswürdig ungeschickt. Nichts geht bei ihnen natürlich, beobachtete Asperger. Er nannte die vier unsere kleinen Professoren. Jeder von ihnen hatte schon als Grundschüler ein eng umgrenztes Interessengebiet, über das er gern tiefschürfende Belehrungen verbreitete: Der Knabe redet unentwegt und ungefragt, begleitet alles, was er tut, mit umständlichen Erläuterungen, ob diese Bemerkung jetzt in die Situation paßt oder nicht.
Von seltsamen Käuzen zu anerkannt Kranken
Auch heute noch gehört das Spezialinteresse zu den wichtigsten Diagnosekriterien. Rainer Deutmanns Aufmerksamkeit gehört ganz den Stadtplänen und Landkarten. Nicht nur das Berliner Straßennetz, ganze Kontinente kann er vor seinem geistigen Auge abfragen. Je schlechter es mir geht, desto mehr brauche ich meine Koordinaten. Wir Aspies haben alle so eine Beruhigungsdroge, mal sind es Rechenaufgaben, mal irgendeine indirekte Anwendung der Mathematik. Aber mit Zahlen hat es meistens zu tun: Zahlen sind so schön eindeutig.
International bekannt wurde das Asperger-Syndrom erst 1991. Damals erschien eine englische Übersetzung des 62 Seiten starken Aufsatzes von Hans Asperger - und fand sofort starke Resonanz in der Fachwelt. Die Betroffenen und ihre Familien waren vor allem dankbar, endlich ernst genommen zu werden. Vorher galt man einfach als seltsamer Kauz, der sich nicht eingliedern wollte, und im Zweifelsfall waren die Eltern schuld, sagt Deutmann. Als ich zum ersten Mal in Therapie kam, hieß es, meine Mutter hätte mich wohl emotional vernachlässigt. Die Psychologin verlangte, daß dieses Kind einmal richtig die körperliche Nähe der Mutter spüren müsse. Deutmann schaudert es noch heute: Diese Umarmungen! Sie können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, was das bei einem Autisten für Ekel auslöst.
Heute müssen Asperger-Kranke nicht mehr mit solchen Zumutungen rechnen. Ärzte nutzen statt dessen die Stärken ihrer Patienten - die besondere Fähigkeit ihres Gehirns, Fakten zu lernen -, um sie alltagstauglich zu machen. Sie lernen etwa, was verschiedene Gesichtsausdrücke bedeuten sollen, und daß es gut ankommt, wenn man beim Sprechen lächelt.
Die Schalter funktionieren nicht
Inzwischen ist klar, wie alltäglich diese Persönlichkeitsstörung eigentlich ist: In einer Reihenuntersuchung in Schweden fand man bei fünf von tausend Kindern im Vorschulalter eine Asperger-Symptomatik. Häufig wurde das Syndrom auch bei anderen Familienmitgliedern erkannt. In Deutschland sind offiziell 500 Asperger-Kranke registriert. Wie viele kontaktscheue Sonderlinge tatsächlich mitten unter uns leben, ist unklar.
In diesem Jahr - zufällig das hundertste Geburtstagsjubiläum des Wiener Kinderarztes - gelangen Wissenschaftlern gleich mehrere spektakuläre Durchbrüche beim Verständnis der dem Asperger-Gehirn zugrundeliegenden Veränderungen. Sogar ein Medikament gegen die Gemütsblindheit scheint nicht mehr unmöglich. So gibt es für die Unfähigkeit der Asperger-Autisten, Gesichter zu unterscheiden und interpretieren zu können, eine mögliche Erklärung.
Offenbar liegt ein Verschaltungsproblem zugrunde. Wie Wissenschaftler um Christine Freitag an der Saarländischen Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie bei Untersuchungen im Magnetresonanztomographen feststellten, verarbeiten betroffene Kinder Gesichter dort in der Großhirnrinde, wo sonst eigentlich nur Objekte ihren Platz haben. Der Schalter, den andere Menschen für das Erkennen des menschlichen Antlitzes besitzen, fehlt.
Auch Rainer Deutmann hat versucht, sich die Bedeutung von Gesichtsausdrücken zu merken. Im Gespräch scheitert er meistens trotzdem - es geht einfach alles zu schnell. Das entspricht dem Ergebnis der saarländischen Studie: Die Ärzte zeigten den Kindern bewegliche Lichtpunkte, mal bildeten sie einen menschlichen Umriß, mal eine zusammenhanglose Figur. Bis sie die Menschensilhouette erkannten, brauchten die betroffenen Kinder deutlich länger. Der linke Temporallappen, also jener Platz im Gehirn, der Details in einen großen Zusammenhang stellt, war bei diesen Kindern kaum aktiv.
Entwicklung beginnt erst mit drei Jahren
Noch etwas ist auffällig: Von neun Asperger-Fällen sind acht männlichen Geschlechts. Das brachte den britischen Psychologen Simon Baron-Cohen, Leiter des Zentrums für Autismus-Forschung an der Universität Cambridge, auf die Idee, daß es sich bei den Asperger-Gehirnen mit ihrer opulenten Ausstattung logischen Intellekts und der fehlenden sozialen Intelligenz um eine extreme Ausprägung des typisch männlichen Charakters handeln könne. Die grundlegende Verschaltung des idealtypisch weiblichen Gehirns begünstigt empathische Analysen, sagt Baron-Cohen, während im männlichen Gehirn die Netzwerke für das Verstehen und Bauen von Systemen die Fundamente bilden.
Bei Kindern mit Asperger-Autismus, so fanden Radiologen vom Stanford Neuroimaging Laboratory in Kalifornien heraus, sind in beiden Hirnhemisphären anomale Strukturen auszumachen: Die Amygdala, die die einlaufenden Wahrnehmungen mit einer emotionalen Bewertung versehen soll, ist bei ihnen krankhaft vergrößert. Und der Hippocampus, die Sortierstelle, die Erinnerungen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis verschickt, ist ebenfalls beidseitig vergrößert.
Wenn ein Kind an Asperger leidet, dann ist das für einen erfahrenen Psychiater heutzutage bereits mit drei Jahren feststellbar. Offenbar wächst das Gehirn der Kinder vor dieser Zeit schneller als normal. Es ist die Zeit, in der nutzlose Verbindungen zwischen den Neuronen vernichtet werden sollen - ein Vorgang, der bei der Entwicklung des autistischen Gehirns zum größten Teil unterbleibt.
Durch Zufall auf dem falschen Planeten
Hinter der Entstehung der Aspergerschen Persönlichkeitsstörung werden genetische Veränderungen vermutet. In 90 Prozent aller bekannten Fallgeschichten ist die Vererbung als Ursache eindeutig auszumachen. Vor kurzem ging der kanadische Verhaltensökologe Bernard Crespi von der Simon Fraser Universität in Burnaby mit einer detaillierteren Interpretation genetischer Daten an die Öffentlichkeit, die in frappierender Form Baron-Cohens Thesen bestätigt und mit den anatomischen Gegebenheiten bei Asperger-Autisten verknüpft. Crespi beschäftigt sich mit der sogenannten Prägung von Genen, dem Imprinting.
Hintergrund ist die Tatsache, daß jedes Gen außerhalb der Geschlechtschromosomen in zwei Varianten vorliegt, einer mütterlichen und einer väterlichen. Oft schlagen die jeweiligen Varianten während der embryonalen Entwicklung völlig unterschiedliche Überlebensstrategien für die Nachkommen vor, sagt Crespi. Die mütterliche, bei der die Ressourcen der Mutter geschont werden, und die väterliche, bei der sich das neue Leben ohne Rücksicht auf die Mutter so schnell wie möglich entwickeln soll. Genetische Prägung bedeutet in diesem Zusammenhang, daß sich je nach Gewebe und Entwicklungsstadium eine der beiden Varianten an- und die andere ausschaltet. Im Hirn kann man schon anhand der Zellgröße unterscheiden, ob in einer Region mütterliche oder väterliche Genaktivitäten überwiegen, sagt Crespi. Das Reich der größeren maternalen Zellen liegt in der Großhirnrinde und im Vorderhirn. Väterliche Muster beherrschen den Hippocampus und auch den Bereich der Amygdala - beides Markerregionen für ein Asperger-Gehirn.
Rainer Deutmann liest solche Fachartikel mit Interesse. Aber er steht viel zu vielen Alltagsschwierigkeiten gegenüber, um daraus Hoffnung für sein eigenes Leben zu schöpfen. Ich fühle mich, als wäre ich durch einen dummen Zufall auf dem falschen Planeten gelandet, sagt er. Wenn er erstaunt beobachtet, wie Liebespaare umeinander herumtanzen und dabei abwechselnd rot werden, oder wenn er sich wieder einmal fragt, woher Menschen ohne Asperger-Gehirn immer ganz genau wissen, wann es Zeit ist, ein Telefongespräch zu beenden, dann hilft es ihm manchmal, sich der Alien-Perspektive hinzugeben. Ich gehe es kryptozoologisch an: Mal sehen, mit was für possierlichen Gewohnheiten die Erdbewohner sich die Zeit vertreiben.
Das Asperger-Syndrom
Asperger-Patienten haben eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz, ihre Behinderung betrifft ihre sozialen Fähigkeiten. Sie führt in den meisten Fällen zu einer einsamen Lebensweise. In der Kindheit der Patienten tritt allerdings, im Unterschied zu anderen autistischen Störungen, keine schwere Beeinträchtigung der Sprachentwicklung auf. Auch was die kognitiven Fähigkeiten, das Vermögen zur Selbsthilfe oder die Wißbegierde auf die Umgebung angeht, sind die Betroffenen völlig unauffällig.
Um diese Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren, müssen die Patienten nach dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association mindestens zwei der folgenden Auffälligkeiten zeigen: deutliche Beeinträchtigung bei nonverbalen Verhaltensweisen wie Blickkontakt, Mimik oder Gesten; Unvermögen, Beziehungen zu Gleichaltrigen zu entwickeln; mangelnder spontaner Wunsch, mit anderen Vergnügen, Interessen oder Errungenschaften zu teilen, und schließlich fehlende soziale oder emotionale Gegenseitigkeit.
Außerdem ist bei Asperger-Patienten wenigstens eines der folgenden Merkmale deutlich ausgeprägt: konzentrierte Beschäftigung mit einem oder mehreren stereotypen und begrenzten Interessensmustern, die entweder in ihrer Intensität oder durch ihr Gebiet abnorm sind; das sture Befolgen spezifischer, nonfunktionaler Routinen und Rituale; stereotype und repetitive motorische Manierismen (etwa das Schnippen oder Drehen der Finger beziehungsweise komplexe Bewegungen mit dem ganzen Körper) oder die anhaltende Beschäftigung mit einzelnen Teilstücken oder Gegenständen.
Mehr dazu im Internet: www.asperger-online.de. Ein Autismus-Test findet sich unter www.quarks.de/dyn/28387.phtml. köpf
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.09.2006, Nr. 37 / Seite 73
Bildmaterial: AP
