Von Richard Friebe
26. März 2006 Der Bundestag muß dem EU-Beschluß zwar noch zustimmen. Doch da auch Deutschland sich der Verbreitung der Demokratie verpflichtet fühlt, gilt es als ziemlich sicher: Soldaten der Bundeswehr werden bald in den Kongo aufbrechen. Genauer: in die Demokratische Republik Kongo (DRC) - das ehemalige Zaire -, die jetzt durch eine freie Wahl wirklich ein bißchen demokratisch werden soll. Das Land gehört nicht zu den gerade beliebtesten Reisezielen, und das nicht nur wegen der hohen Dichte an AK-47-Gewehren. Auch so hat man dort Grund, um Leib und Leben zu fürchten. Denn fast nirgendwo sonst auf der Welt gibt es gefährliche Viren, Bakterien und Parasiten in solcher Vielfalt und in solcher Menge.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat seit Beginn des neuen Jahrhunderts 19 Spezialeinsätze aufgrund von Epidemie- und Pandemie-Alarmen im Lande dokumentiert. Die Erreger, die es zu bekämpfen galt, waren Pest, Cholera, Typhus, Influenza, eine influenzaähnliche Erkrankung sowie das Marburg-Virus. Von Aids, Dengue-Fieber, Bilharziose, Hepatitis, diversen Darminfektionen und der grassierenden Malaria ganz zu schweigen.
Trinkwasserbedarf nach deutschen Richtlinien
Der bevorstehende Einsatz deutscher Soldaten könnte neben der erhofften Hilfe auf dem Weg in ein demokratischeres System auch einen weiteren Effekt haben. Vielleicht wird man sich dann in reicheren Ländern wie der Bundesrepublik wieder ein wenig mehr der Probleme des vergessenen Kontinents bewußt werden. Einerseits herrschen dort noch immer Bürgerkriege und ethnische Unruhen, die nach Schätzungen der WHO selbst jetzt, da es etwas ruhiger geworden ist, allein in der Demokratischen Republik Kongo monatlich rund 31.000 Menschen das Leben kosten. Andererseits bestehen die Krankheitsrisiken fort, denen Millionen Afrikaner dauerhaft bei meist ungenügender Gesundheitsversorgung ausgesetzt sind.
Welcher Unterschied da zur Versorgung hierzulande besteht, zeigt allein ein Blick auf all die Sorgen, die sich die Bundeswehrsoldaten im Kongo trotz allgegenwärtiger Erreger gar nicht werden machen müssen: Cholera und Typhus sowie andere Verursacher von Magen-Darm-Infektionen und Fieberkrankheiten etwa werden über schmutziges Wasser oder Lebensmittel übertragen. Doch die deutschen Soldaten werden ihren Trinkwasserbedarf aus importierten Plastikflaschen decken. Wenn das bei einem Einsatz nicht möglich ist, wird ein Vertrag mit einem Hersteller vor Ort geschlossen, den wir vorher überprüft haben und der nach deutschen Richtlinien produzieren muß, sagt Hans-Ulrich Holtherm, Oberfeldarzt beim Sanitätsdienst der Bundeswehr in München.
Verpflegung komplett von außen
Fleisch, Fisch und Salatbeilagen werden die Feldköche auch nicht auf den Märkten der Region einkaufen. Entweder verpflegt sich der Soldat mit vorgekochten Rationen in seinen Epas (kurz für Eintagespackungen). Oder die Feldküche kocht mit eingeflogenen Zutaten. Falls es zu einem Einsatz im Kongo kommt, ist sicher davon auszugehen, daß die Verpflegung komplett von außen kommen wird, sagt Holtherm.
Seine genaue Tätigkeitsbezeichnung lautet Leiter des Dezernats Medical Intelligence beim Sanitätsdienst der Bundeswehr. Das englische Wort Intelligence bedeutet hier soviel wie Aufklärung, im militärischen Sinne. Die wird, sagt der Arzt, durchaus vor Ort betrieben. Er selbst war am vergangenen Freitag bereits auf dem Sprung in Richtung Kongo und dessen Nachbarländer, wo er zusammen mit anderen Offizieren die sanitätsdienstliche Situation vor Ort evaluieren soll. Das Ganze geschieht zunächst im Auftrag der EU, denn ohne Bundestagsbeschluß ergehen offiziell keinerlei Marsch- oder sonstige Befehle in Richtung des Herzens Afrikas.
Larven bohren sich durch die Haut
Es gibt noch andere Vorteile, die deutsche Berufssoldaten der sogenannten High Readiness Forcesgegenüber dem Durchschnitts-Kongolesen genießen. Einen umfassenden Impfschutz etwa. Außer gegen Cholera sind sie gegen so ziemlich alles immunisiert, wogegen man nur impfen kann: Tetanus, Diphtherie, Polio, Hepatitis A und B, Masern, Mumps, Röteln, Gelbfieber, Japanische Enzephalitis, Typhus, Meningokokken, Tollwut, Zecken-Enzephalitis und Grippe.
Was an Risiken übrigbleibt, sind meist Erreger, die von Mücken, Zecken oder anderem wirbellosem Getier übertragen werden. Im Sanitätsdienst arbeiten etwa zwanzig Fachleute, die regelmäßig tropenmedizinisch-entomologische Risikoevaluierungen in Einsatzgebieten durchführen. Sie fangen zum Beispiel Mücken und schicken diese zur Analyse auf Erreger nach Deutschland. Von Süßwasserschnecken wird die Bilharziose übertragen. Ihr Erreger, der Schistosoma-Parasit, vermehrt sich in den Weichtieren, und seine Larven bohren sich - etwa beim Bad in einem See - durch die Haut. Auch in diese Situation werden deutsche Soldaten eher selten kommen. Große Teile der Bevölkerung dagegen sind den Parasiten, die im Körper letztlich so ziemlich alle Organe befallen können, latent ausgeliefert.
Das Krankheitsrisiko ist verhaltensabhängig
Den größten Respekt haben Stabs-, Oberstabs- und Oberfeldärzte noch vor der Malaria. Gegen sie gibt es keine Impfung, ihre Erreger sind gegen den althergebrachten Wirkstoff Chloroquin inzwischen weitgehend resistent. Einen Ausbruch mit 80 Erkrankten mußten die amerikanischen Marines in Liberia im September 2003 vermelden. Eine Untersuchung des National Naval Medical Center ergab, daß die Soldaten größtenteils selber schuld waren.
Viele hatten ihre Prophylaxe-Pillen (meist das bei Touristen berühmt-berüchtigte Lariam) abgesetzt, ihre Kleidung nicht mit Insektenabwehrmitteln besprüht und nicht unter Moskitonetzen geschlafen. Das Krankheitsrisiko in solchen Ländern ist verhaltensabhängig, sagt denn auch Helmut Jäger vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, das seit Januar auf tropenmedizinischem Gebiet mit dem Bundeswehr-Sanitätsdienst kooperiert.
Anspruch auf medizinische Versorgung wie zu Hause
Mit deutschen Soldaten dagegen sind die Erfahrungen mit dem, was Ärzte Compliance, also einsichtiges Handeln, nennen, angeblich sehr gut. Zwar hat es bei deutschen Einsatzkräften in Kabul bereits Malariafälle gegeben. Holtherm sagt aber, man hätte eigentlich mit mehr Erkrankungen rechnen müssen, die Soldaten hätten sich eben gut geschützt. Aus Afghanistan stammt auch ein weiteres Beispiel für Krankheitsprävention, von der die Einheimischen des Landes nur träumen können. In Mazar-i-Sharif wurde der gesamte Untergrund eines Feldlagers geschottert, weil dort Wühlmäuse lebten, von denen Leishmaniose-Parasiten auf Menschen hätten übertragen werden können.
Die Soldaten haben sogar ein Recht auf derartige Prävention. Der Inspekteur des Sanitätsdienstes jedenfalls hat verfügt, daß die Streitkräfte im Ausland Anspruch auf medizinische Vorsorge und Versorgung wie zu Hause haben. Deutscher Soldat im Kongo zu sein ist also immer noch deutlich besser als armer Kongolese. Der verfügt, so hieß es vergangene Woche beim Weltwasserforum, noch nicht einmal über das Menschenrecht auf Zugang zu sauberem Trinkwasser.
Infektionskrankheiten im Kongogebiet
Malaria ist neben Aids die verbreitetste Infektionskrankheit in Afrika. In der Demokratischen Republik Kongo tritt vor allem Malaria tropica (90 Prozent), aber auch M. tertiana auf. Schutz vor Infektionen mit den einzelligen Plasmodium-Parasiten bieten geschlossene Kleidung, Moskitonetze und Insektenabwehrmittel.
Gelbfieber und Denguefieber sind Viruserkrankungen, die ebenfalls von Mücken übertragen werden. Gegen Gelbfieber gibt es eine Impfung, gegen Dengue nicht.
Marburg- und Ebola-Viren führen immer wieder zu lokalen Epidemien. Die Todesraten sind hoch. Als natürliches Reservoir der Viren werden Fledermäuse vermutet. An Ebola sind auch zahlreiche Gorillas und Schimpansen gestorben.
Andere Erreger, die im Kongogebiet vorkommen, sind etwa die von Bilharziose, Cholera, Filariose, Hepatitis A und B, Schlafkrankheit, Zeckenbißfieber, Diphtherie, Tetanus, Tollwut und Pest. Auch viele noch unbekannte, hochgefährliche Erreger werden in dem Gebiet vermutet.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.03.2006, Nr. 12 / Seite 72
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