„Unmut bis Zorn“

Impfstoffe für Kinder werden knapp

Der einzig verfügbare Sechsfach-Impfstoff für Säuglinge ist nicht lieferbar

Der einzig verfügbare Sechsfach-Impfstoff für Säuglinge ist nicht lieferbar

07. Februar 2010 

Seit Mitte Januar sind in Deutschland sieben verschiedene Kinderimpfstoffe nicht mehr lieferbar. Der Hersteller Glaxo-Smith-Kline begründet das mit der vorrangigen Produktion von Pandemie-Impfstoffen und den notwendigen Prozessumstellungen. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sprach mit Ursel Lindlbauer, Kinder- und Jugendärztin in München und Mitglied der Ständigen Impfkommission des Bundes.

Frau Lindlbauer, wie reagieren die Kinderärzte?

Bei uns steht das Telefon nicht mehr still. Am meisten macht uns Kinderärzten der Engpass bei dem einzigen verfügbaren Sechsfach-Impfstoff Sorgen. Den braucht eine ganze Geburtskohorte von Säuglingen im ersten Jahr dringend für die Grundimmunisierung. Der zweite Impfstoff, der jetzt fehlt, ist der Vierfach-Impfstoff gegen die Viruserkrankungen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken. Auch dort gibt es derzeit keine Alternative auf dem Markt.

Warum ist das so schlimm?

Ganz einfach: Die Grundimmunisierung der Säuglinge sollte so zeitig wie möglich beginnen. Bei einem Krippenkind beispielsweise ist das Verschieben der Impfungen auf einen späteren Zeitpunkt nicht vertretbar, weil bei denen die Infektionsgefahr am höchsten ist und die Erreger im Säuglingsalter lebensgefährlich sein können.

Wenn als Nebenfolge der Produktion eines Pandemie-Impfstoffs jetzt lebenswichtige Impfungen für Säuglinge unterbleiben, ist offenbar etwas schiefgelaufen.

Ich finde es ärgerlich, dass in Deutschland eine teilweise unseriöse Diskussion um einen wirksamen und sicheren Pandemie-Impfstoff entbrannte. Dass nun aufgrund der Herstellung dieses Pandemie-Impfstoffes die Produktion einer Reihe wichtiger Kinderimpfstoffe heruntergefahren werden musste, das ist eine echte Katastrophe. Das darf nicht wieder passieren.

Fühlen Sie sich vom Hersteller in dieser Notlage ausreichend informiert?

Die Stimmung schwankt zwischen Unmut und Zorn, weil sich die meisten Ärzte ausgeliefert fühlen. Leider hat uns der Hersteller erst informiert, als die Impfstoff-Lager faktisch leer waren. Es gab keine Vorwarnung. Lieferengpässe bei Impfstoffen sind zwar an sich nichts Neues. Aber selten trifft es einen Impfstoff, den sehr viele Säuglinge für die Grundimmunisierung brauchen und für den echte Alternativen fehlen.

Wie reagieren die Eltern?

Noch sind die gelassen, weil wir im Augenblick hoffen, dass der Auslieferungsstopp bald überwunden wird. Ich muss sie bis dahin vertrösten und Impfungen, die nicht unbedingt notwendig sind, verschieben. Oder statt der Mehrfach-Präparate Einzel-Impfstoffe verwenden. Das aber bedeutet häufigere Nadelstiche für die Kleinkinder. Die Geduld der Eltern wird rasch schwinden.

Wie lange wird denn der Engpass noch bestehen?

Angeblich soll Mitte Februar zumindest wieder der Sechsfach-Impfstoff verfügbar werden. Meistens aber dauern Lieferengpässe länger, als vom Hersteller behauptet. Sicherer würde ich mich fühlen, wenn wir Ärzte einen festen Zeitplan in den Händen hielten, wann wie viel von welchem Impfstoff verfügbar wird, damit wir planen können.

Die Fragen stellte Volker Stollorz.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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