Biologe Jänisch im Interview

„Das hat große Tragweite“

Rudolf Jänisch

Rudolf Jänisch

06. Juni 2007 Einmal mehr überrascht der 1942 in Niederschlesien geborene Biologe Rudolf Jänisch die Welt mit einem wissenschaftlichen Coup. Die Rückverwandlung ausgereifter Körperzellen in embryonale Stammzellen galt bisher als Utopie, nun ist sie Jänisch in seinem Labor am Whitehead Institute for Biomedicine in Cambridge im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts gelungen.

In den siebziger Jahren hat Jänisch als erster ein gentechnisch verändertes Tiermodell und damit eine der Grundlagen der modernen Biomedizin geschaffen. Auch in der Stammzellforschung ist er ein Pionier: So zeigte er, dass das therapeutische Klonen prinzipiell funktioniert. Jaenisch tritt als entschlossener Gegner des Klonens von Babys auf, und als ebenso entschlossener Befürworter der medizinischen Nutzung embryonaler Stammzellen. Sein neuerlicher Durchbruch könnte es allerdings eines Tages ermöglichen, maßgeschneidertes Ersatzgewebe für kranke Menschen ohne den umstrittenen Verbrauch von Embryonen zu bewerkstelligen. Unser Berliner Wissenschaftskorrespondent Christian Schwägerl hat mit Jänisch über seine neuen Forschungsergebnisse gesprochen.

Herr Jänisch, es galt bisher als utopisch, ausgereifte Körperzellen direkt in embryonale Stammzellen zu verwandeln, also zu reprogrammieren. Wie überrascht sind Sie, dass Ihnen das nun gelungen ist?
Sehr. Wie aus einer embryonalen Stammzelle eine Hautzelle wird, war uns klar. Dass man aus einer Hautzelle direkt eine embryonale Stammzelle machen kann, hat mich überrascht. Ich war schon erstaunt, als das Klonschaf Dolly geboren wurde, denn ich hatte es eigentlich nicht für möglich gehalten, dass Klonen funktionieren könnte. Natürlich ist es kein Mysterium und kein Wunder, was in der Eizelle passiert, wie sich also eine einzelne Zelle zu Stammzellen und schließlich zum ganzen Organismus entwickelt. Es ist eben eine sehr komplexe chemische Reaktion. Dass aber schon jetzt gleich drei Labore diese Reaktion nachahmen und direkt von Körperzellen zu Stammzellen gelangen können, hat große Tragweite. Wir können das, was im Ei passiert, nun im Reagenzglas nachmachen.

Woher wissen Sie eigentlich so genau, dass Sie aus ganz normalen Körperzellen wirklich funktionsfähige Stammzellen gewonnen haben?
Wir haben zahlreiche Tests vorgenommen, um dabei sicherzugehen, dass die gewonnenen Zellen nicht nur molekular und genetisch identisch mit Stammzellen sind, sondern auch funktional. Selbst beim strengsten dieser Tests kam heraus, dass unsere reprogrammierten Stammzellen sich von Stammzellen aus Embryonen nicht unterscheiden. Wir bekommen mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit reprogrammierte Zellen.

Es geht bei den Arbeiten ja letztlich darum, für schwerkranke Menschen Ersatzgewebe zu züchten, das vom Immunsystem des Körpers nicht abgestoßen wird, weil es als eigenes Gewebe erkannt wird. Bisher wollte man diesen Weg durch das Klonverfahren beschreiten. Ist das nun passé?
Nein, die Forschung in diese Richtung sollte weitergehen, aber das therapeutische Klonen wirft viele praktische Fragen auf, besonders kritisch ist der große Bedarf an weiblichen Eizellen. So lange man Eizellen nicht direkt im Labor züchten kann, bleibt es enorm schwierig, dass Frauen Eizellen in ausreichender Zahl für die Biomedizin spenden. Meiner Ansicht nach wird es mit Kerntransfer niemals eine Routinetherapie geben können. Die gute Nachricht aus unserer Arbeit ist deshalb: Wir können embryonale Stammzellen erzeugen, ohne den Umweg über die Eizelle zu nehmen.

Wie sieht der Weg von diesem grundlegenden Durchbruch in die medizinische Praxis aus?
Da gibt es noch zahlreiche Hindernisse. Wir haben mit Zellen gearbeitet, die hochgradig genetisch verändert waren, denn wir haben in diese Zellen Retroviren eingeschleust und in ihnen Onkogene aktiviert. Niemand würde auf die Idee kommen, geschweige denn eine Genehmigung dafür erteilen, Zuchtgewebe aus solchen Zellen einem Menschen einzuspritzen. Wir müssen also lernen, welche Gen- und Stoffwechselpfade wir aktivieren müssen, um den gleichen Prozess ohne massive genetische Eingriffe stattfinden zu lassen. Ziel ist es, Medikamente zu finden, um die Zelle auf den Weg zurück zur embryonalen Stammzelle zu schicken. Deshalb beginnen wir damit, chemische Bibliotheken nach solchen Molekülen zu durchsuchen.

Sind denn Stammzellen aus menschlichen Embryonen überhaupt noch nötig?
Diese Frage wird jetzt sicherlich groß diskutiert werden. Ich habe große Sorge, dass unsere Ergebnisse politisch missbraucht werden, um die bereits laufende Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen zu diskreditieren. Das wäre fatal. Wir brauchen diese Zellen als goldener Standard, nur von ihnen können wir lernen, was natürlicherweise passiert. Außerdem müssen wir erst noch zeigen, dass unser Prozedere nicht nur bei Mäusen funktioniert, sondern auch beim Menschen.

Wie sieht das neue Ziel der Stammzellforschung aus?
Wir wollen in der Lage sein, einem Patienten eine kleine Biopsie zu entnehmen und daraus direkt maßgeschneidertes Ersatzgewebe für ihn zu züchten.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP

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