Von Nicola von Lutterotti
02. August 2006 Gesunde Personen, die einem unbekannten Dritten aus altruistischen Gründen eine Niere spenden, könnten bei einer geschickten Zuteilungspraxis ähnlich einem Dominoeffekt die Zahl an Nierentransplantationen nahezu verdoppeln. Das haben amerikanische Wissenschaftler um den Transplantationschirurgen Robert Montgomery von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (Maryland) in einem mathematischen Simulationsmodell ausgerechnet.
Ausgangspunkt waren die Statistiken der anonymen Lebendspender in den Vereinigten Staaten, Menschen also, die eine Niere für die Transplantationsmedizin zur Verfügung gestellt haben, ohne den Empfänger persönlich zu kennen.
Inkompatible Spender
Solche anonymen Lebendspenden scheinen häufiger vorzukommen, als man annehmen würde. In den Vereinigten Staaten, wo seit 1998 Nierenspenden an unbekannte Dritte möglich sind, haben sich bislang rund 300 Menschen derart selbstlosen Eingriffen unterzogen. Wie Montgomery und seine Kollegen in der Zeitschrift Lancet (Bd.368, S.346) schreiben, hätten diese Organe bei entsprechender Verwendung nicht nur 300, sondern vielmehr fast 600 Nierenkranken zugute kommen können.
Diese Zahl ergebe sich, wenn man die Transplantate nur Kranken zuteile, die von einer nahestehenden Person eine Niere erhalten könnten, die Organübertragung aus immunologischen Gründen aber nicht möglich sei. Als Gegenleistung müßte der inkompatible Spender seine Niere dann einem weiteren Patienten mit spendebereitem, aber geweblich ungeeignetem Partner überlassen. Bei richtiger Auswahl der Spender-Empfänger-Paare könnten auf diese Weise sehr viel mehr Patienten von einem neuen Organ profitieren als bei einer kreuzweise vorgenommenen Transplantation.
Zeitpunkt der Transplantation besser planen
Diese auch Cross-over-Transplantation genannte Vorgehensweise besteht darin, zwei geweblich inkompatible Spender-Empfänger-Paare so zusammenzuführen, daß jeder Patient die - besser passende - Niere des jeweils anderen Partners erhält. In einigen Ländern, darunter den Vereinigten Staaten, erfreut sich dieses Konzept erheblicher Beliebtheit. Denn bei der Über- Kreuz-Transplantation steigen die Chancen, ein passendes Organ zu finden.
Gegenüber der herkömmlichen Organtransplantation hat die Lebendspende den entscheidenden Vorteil, daß sich langfristig bessere medizinische Ergebnisse erzielen lassen. Denn zum einen kann man die Transplantation schon zu einem frühen Zeitpunkt vornehmen, wenn der Kranke noch keine Blutwäsche benötigt. Und zum anderen läßt sich der Zeitpunkt der Transplantation in dem Fall besser planen.
Unbekannte Dritte
Die Häufigkeit von Lebendspenden hat daher weltweit, darunter auch in Deutschland, seit einigen Jahren merklich zugenommen. Wie der britische Transplantationschirurg Nicholas Brook von der Universität in Leicester in einem Kommentar zu dem on Lebendspenden hat daher weltweit, darunter auch in Deutschland, seit einigen Jahren merklich zugenommen.
Wie der britische Transplantationschirurg Nicholas Brook von der Universität in Leicester in einem Kommentar zu dem Lancet-Artikel anmerkt, stammen in den Vereinigten Staaten inzwischen rund 50 Prozent aller Nierentransplantationen von lebenden Spendern. In Deutschland liegt der Anteil bei 20 Prozent, rund 16 Prozent mehr als noch im Jahr 1993.
Angst den Organhandel zu fördern
Über-Kreuz-Transplantationen, wie sie in anderen Ländern vielfach praktiziert würden, seien hierzulande allerdings nicht zulässig, bedauerte Przemyslaw Pisarski, Leiter der Transplantationschirurgie am Universitätsklinikum in Freiburg. Organspenden an unbekannte Dritte sowieso.
Die Enquetekommission Ethik und Recht der modernen Medizin hat dem Bundestag im vergangenen Jahr geraten, derartige Anträge abzulehnen und die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen folglich nicht zu verändern. Zu den Gründen für die ablehnende Haltung zählte die Befürchtung, eine Lockerung der gesetzlichen Vorgaben könnte den Organhandel fördern und die Freiwilligkeit der Organspende unterminieren.
Verschiedene Blutreinigungstechniken
Auch ohne die Möglichkeit von Über- Kreuz-Transplantationen könnten in Zukunft gleichwohl mehr Menschen als bisher von einer Lebendspende profitieren. Denn eine der Organübertragung häufig im Wege stehende Hürde, die Unverträglichkeit der Blutgruppen von Spender und Empfänger, läßt sich zunehmend besser überwinden. Anhand verschiedener Blutreinigungstechniken ist es mittlerweile nämlich möglich, die gegen die fremde Blutgruppe gerichteten Antikörper des Empfängers zu entfernen.
Diese Vorgehensweise erlaubt es, Organtransplantationen auch zwischen Personen mit inkompatibler Blutgruppe vorzunehmen. Pisarski und sein Team haben dieses Verfahren inzwischen bereits bei zwanzig Nierenkranken mit inkompatiblem Lebendspender und damit deutschlandweit am häufigsten angewandt. Der Transplantationschirurg warnte jedoch, daß man über die Langzeitergebnisse dieser noch jungen Therapieform bislang keine gesicherten Aussagen machen kann. Insofern bleibt abzuwarten, inwieweit sie sich langfristig behaupten wird.
Text: F.A.Z., 03.08.2006, Nr. 178 / Seite 32
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb