17. Mai 2005 Zigaretten töten, sie erzeugen Krebs und machen süchtig; die Bundesgesundheitsministerin gibt darauf Brief und Siegel. Nachzulesen auf jeder Zigarettenpackung. Daß ihr nun trotzdem noch die Kollegin aus dem Verbraucherschutzministerium mit der für heute geplanten Veröffentlichung einer mehr als tausend Seiten umfassenden Liste von Zigaretteninhaltsstoffen zur Seite springt, weil Ministerin Künast hinter vielen dieser Stoffe krebs- und suchterzeugendes Potential vermutet, kann also kaum als wissenschaftliche Rückendeckung der Gesundheitsministerin dienen. Die ist in der Sache offenkundig gar nicht nötig. Und mit der Auflistung wird die Toxikologie der Stoffe auch nicht überflüssig.
Was freilich kaum zu übersehen ist, ist eine zielsichere Beobachtungs- und Kampagnenplanung im Hause Künast. Denn die Debatte um die Gefahren des Rauchens hat zumal bei der damit am intensivsten befaßten Gruppe der Ärzteschaft an Brisanz und Schärfe gewonnen. Der energische Appell des Ärztetages in Berlin vor wenigen Tagen, "Krankenhäuser rauchfrei" zu machen, das Tabakkontrollabkommen der Weltgesundheitsorganisation endlich zu verwirklichen und Tabakwerbeverbote einzuführen, überdies alle Ärzteveranstaltungen zudem rauchfrei zu halten und die Patienten auf das Rauchen anzusprechen, war nicht nur eine der üblichen Kongreßfloskeln. Nein, bei den Medizinern wächst augenscheinlich die Sorge vor den Folgen dessen, was in einem Leitartikel der Zeitschrift "Lancet" (Bd.365, S.1663) jetzt als Lungenkrebsepidemie gegeißelt wurde.
Täglich 300 Tabakopfer
Täglich sterben in Deutschland schätzungsweise 300 Menschen an den direkten Folgen des Tabakkonsums. Von den weltweit 1,4 Millionen, bei denen der Krebs in diesem Jahr diagnostiziert wird, werden vermutlich 85 Prozent bis zum Jahr 2010 gestorben sein. Was die Ärzte moralisch freilich am meisten treibt, ist die Sorge um jene, die ausgeliefert sind und nicht selbst zur Zigarette greifen, sondern mittelbar die schädlichen Stoffe einatmen - Kinder vor allem. Dutzende Studien zum Passivrauchen füllen bereits die Regale.
Die Mediziner lassen nicht nach, die statistisch schwer zu belegenden indirekten Zusammenhänge aufzudecken. Im Januar etwa hat eine Untersuchung des britischen Imperial Colleges an 123.000 Personen, die als Kinder in Raucherhaushalten großgeworden sind, nach Meinung der British Medical Association "überzeugend dargelegt", daß solche Kinder später ein anderthalb bis fast viermal so hohes Erkrankungsrisiko haben. In der Zeitschrift der amerikanischen Medizinergesellschaft "Jama" (Bd.293, S.1212) wollen regierungsamtliche Mediziner erstmals nach Fruchtwasseruntersuchungen eindeutige Chromosomenschäden bei Föten von rauchenden Schwangeren sichtbar gemacht haben. Und in der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift" (Bd.130, S.1189) von dieser Woche kommen Epidemiologen der Universität Greifswald nach statistischen Erhebungen in allen Bundesländern zu dem Ergebnis, daß die Passivrauchbelastung von Kindern unter fünf Jahren, die in den neuen Bundesländern im übrigen am höchsten ist, "zu einem erheblichen Anteil (1,6 bis 3,8 Prozent) zu vermeidbaren Krankenhausaufenthalten führt". Verbraucherschutzministerin Künast wird mitgeschrieben haben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.05.2005
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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